Wissen

Blick voraus: Social-Credit-System in China

Algorithmen waren im letzten Jahrhundert nur Mathematikkennern ein Begriff. Doch nun sind sie aufdringlich allgegenwärtig: Algorithmen scheinen geradezu die Macht zu ergreifen. In China soll nächstes Jahr ein Social-Credit-System fertig eingerichtet werden, das mithilfe von Algorithmen das Wohlverhalten aller Leute im Land  – 1,3 Mrd. – und ebenso aller Unternehmen und privaten Organisationen bewertet.

Wer sich mustergültig benimmt, erhält Plus-, wer nicht, Minuspunkte: Brave kriegen Vorzugsbehandlung, Unternehmen etwa können mit steuerlichen Vergünstigungen rechnen. Sünder dagegen werden benachteiligt oder gar ausgesperrt, Privatpersonen beispielsweise von Flug- oder Zugsreisen.

Das SCS, von dem derzeit in etlichen Städten Pilotprojekte laufen, ist als Online-Rating-System konzipiert, das auf verschiedene Datenbanken zugreift. Erhoben werden auf Geheiss des Staates und mit der Hilfe der grossen chinesischen IT-Konzerne namentlich die Kreditwürdigkeit, die Straffälligkeit, das gesellschaftliche Verhalten, die politische Einstellung.

Zu diesem Zweck schnüffelt der Algorithmus in Polizei- oder Schulakten, sozialen Medien, dem Zahlungsverkehr etc. Das Regime führt ohnehin schon eine Akte zu allen 1,3 Mrd. Bürgern, das sogenannte «dang’an», nun kommt noch einiges hinzu. Das SCS  bietet perfiderweise spielerische Anreize, wie in Online Games: Wer Punkte gewinnen will, besucht eben seine Eltern im Pflegeheim oder leistet einen ehrenamtlichen Einsatz. Gamification-Gehorsam via Aufrichtigkeits-App. Schöne neue Welt.

(Illustration: Claudio Köppel/FuW)

Die Chinesen, aus ihrer Tradition heraus eine «Low Trust Society» – uneingeschränktes Vertrauen im eigenen Kreis kontrastiert mit völligem Misstrauen gegen aussen – sollen so zur Aufrichtigkeit erzogen werden. Für ausländische Gesellschaften, die in China tätig sind und sich in der Regel ohnehin an die Gesetze halten und nach Treu und Glauben geschäften, künftig womöglich sogar ein Vorteil.

Nur scheint das angestrebte SCS eben weit über eine ausgedehntere Bonitätsprüfung hinauszugehen. In westlichen Medien, die regelmässig über das 2014 angekündigte Programm schreiben – und spekulieren –, ist etwa die Rede von «Big data meets big brother», von einer sich herausbildenden «Dystopie» im Stil von George Orwell, perfektioniert mit modernster Technologie auf Basis von, eben, Algorithmen.

Das Sozialkreditsystem werde das «Tool» der Gesichtserkennung miteinbeziehen, wird befürchtet – das ganze Land wird von zig Millionen Kameras überwacht. Wer sich vor Augen hält, wie ungeniert die kommunistische Diktatur Minderheiten wie die uigurische Volksgruppe zu linientreuen Chinesen hirnwäscht, kann schon auf den Gedanken verfallen, dass sich Orwells Vision hier ein gutes Stück weit realisiert – «1984» anno 2022. Ein Regime, das sich von niemandem kontrollieren lässt, kontrolliert ein ganzes riesiges Volk, ohne jede Rechenschaft abzulegen.

Manche westliche Interpretation des komplexen Projekts SCS mag undifferenziert oder konfus sein. Vielleicht sogar weniger Aufklärung als Science Fiction. Wie auch immer; ein solches volkspädagogisches Instrumentarium in der Hand eines ebenso skrupellosen wie technokratisch-tüchtigen Staatsapparats wirkt beängstigend. Es steht auch ausser Frage, dass dieses Algorithmensortiment in den Export gelangen wird, erst in autoritär regierte Staaten, später vielleicht auch in mehr oder weniger demokratische.

Das ist vielleicht das Bedenklichste: Infrastruktur und Technologie für die Dauerdurchleuchtung des gesamten Publikums sind auch in Demokratien vorhanden; es werden en masse Unternehmen oder Personen «geratet» oder «geliket». Auf den sozialen Medien legen Millionen Menschen Intimissima offen, ohne jede Not. Was (noch) fehlt, ist einzig die umfassende, zentral gesteuerte Vernetzung und Benotung.

Erleuchtete westliche Behörden flirten oder experimentieren mit dem bis ins Mark freiheitsfeindlichen Konzept des «Nudging», des Stupsens der Bürger zu als mustergültig definiertem Verhalten. Um beispielsweise die Leute zu einem «klimaneutralen» Lebenswandel anzuhalten oder, vielmehr, zu zwingen, könnten Monitoring-Systeme à la SCS auch weit diesseits der Chinesischen Mauer in Mode kommen – wetten, dass?