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Blick zurück: 9/11

Am 11. September 2001 fielen die Zwillingstürme des World Trade Center in Manhattan in sich zusammen. Ins Washingtoner Pentagon raste ein entführtes Passagierflugzeug. An diesem Tag gerieten die USA aus dem Gleichgewicht, und es kann darüber gemutmasst werden, ob Amerika die innere Balance seither je wiedergefunden hat. Das lässt sich ebenso gut debattieren wie die Frage, ob 9/11 wirklich eine historische Zäsur markiert oder nicht, ob es ein Davor und ein gründlich verändertes Danach gibt.

Wenn es das Ziel der Terroristen, Mitglieder der Al-Qaida-Bande, gewesen war, den amerikanischen Kapitalismus oder gar die gewaltige Militärmaschinerie der USA ins Herz zu treffen, dann war 9/11 kein Erfolg. Nach dem ersten Schock, nachdem für eine Weile quasi die Welt stillgestanden hatte, begann sich die Lage vergleichsweise rasch zu normalisieren.

Der Flugverkehr in den USA war einige Tage lang unterbrochen; der Handel an Wallstreet eröffnete am 17. September wieder, und bereits im Dezember war das Indexniveau von vor 9/11 erreicht. Das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr zuvor hatte die Anleger wesentlich stärker verunsichert.

An gewisse leicht unangenehme, aber nicht wirklich einschneidende Folgen von 9/11 haben sich unterdessen alle gewöhnt, die mit dem Flugzeug unterwegs sind: Schluss mit grösseren Mengen an Flüssigkeiten im Handgepäck, überall Körperscanner und was dergleichen Sicherheitsmassnahmen mehr sind.

Kurz: 9/11 hat, wie andere Anschläge auch, dazu beigetragen, den internationalen Verkehr von Mensch und Ware zu verlangsamen und zu verteuern, somit die Produktivität etwas einzuschränken.

Das Konsumklima in den USA kühlte sich nach dem 11. September markant ab. Der damalige Fed-Chef Alan Greenspan hatte schon zuvor den Leitzins gesenkt, danach folgten jedoch weitere Schritte bis 2003 auf unerhörte 1%, auf den niedrigsten Stand seit 45 Jahren.

Die Wirtschaft begann sich zu erholen; das Fed erhöhte die Zinsen ab 2004 schrittchenweise – vielleicht zu zögerlich, wie hinterher kritisiert wurde; diese sehr langsame Abkehr vom geldpolitischen Stimulus habe das fatale Entstehen der Housing Bubble begünstigt.

(Illustration: Claudio Köppel/FuW)

Eine weitere schwerwiegende Folge der Grossverbrechen von 9/11 ist die erhebliche Machtzunahme für Regierungen, in den USA wie anderswo. Die Behörden liessen sich, legitimiert durch das überragende Anliegen der öffentlichen Sicherheit, Vollmachten geben und kontrollieren uns alle seither umfassender und strenger, zu entsprechenden Kosten.

So wurde in den USA gut ein Jahr nach den Attentaten das Department of Homeland Security eingerichtet. Schliesslich war 9/11 bei weitem nicht das einzige blutige Attentat; es gibt eine ganze Chronologie des Grauens, von Madrid 2004 über Paris 2015 bis Brüssel 2016 und etliche mehr.

Dass die gigantische Militärmacht Amerika Revanche nehmen würde, war wohl unvermeidlich. Die Aussenpolitik unter Präsident George W. Bush nahm sofort einen Kurswechsel vor. Washington machte das afghanische Taliban-Regime für 9/11 mitverantwortlich und intervenierte dort sogleich. Kabul fiel im November; im Dezember wurden an der Grenze zu Pakistan zahlreiche Al-Qaida-Terroristen liquidiert.

Den Hauptübeltäter Osama bin Laden konnten amerikanische Spezialkräfte erst 2011 ausschalten, in Pakistan. Ab 2002 begannen die USA, den Marinestützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba als ein Gefangenenlager für mutmassliche Al-Qaida-Terroristen einzurichten, ein rechtlich höchst zweifelhaftes Vorgehen, das der Reputation der USA nicht nur in der islamischen Welt erheblich geschadet hat.

Schliesslich gehört auch der Irakkrieg von 2003 ins Gesamtbild; allerdings hatte die Bush-Regierung schon seit Anfang 2001 darüber nachgedacht, Machthaber Saddam Hussein zu stürzen. Bereits Bushs demokratischer Amtsvorgänger Bill Clinton hatte wegen Bedenken, Saddam Hussein beschaffe sich Massenvernichtungswaffen, Ziele im Irak bombardieren lassen, 1996 und 1998. Auf «Ground Zero», wo einst die Katastrophe stattfand, ragt seit fünf Jahren das elegante One World Trade Center 541 Meter in die Höhe, das höchste Gebäude der USA. Die physischen Schäden sind somit beseitigt. Immerhin.

Leser-Kommentare

Peter W. Ulli 04.01.2020 - 13:28

Möglicherweise war 9/11 auch der Todesstoss für Swissair, obwohl sicher nicht die einzige Ursache, aber eben der letzte Halm das dem Kamel den Rücken brach.