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Blick zurück: Als Europas Abstieg begann

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig erinnert sich genau an den Augenblick, der ihm das Ende des alten Europa ankündigte. Am 28. Juni 1914, einem prächtigen Tag in einem überhaupt schönen Sommer, sass Zweig in einem Park in Baden bei Wien und las ein Buch.

Plötzlich fiel ihm auf, dass die Kurkapelle mitten im Takt zu spielen aufgehört hatte. Warum? «Es war, wie ich nach wenigen Minuten erfuhr, die Depesche, dass seine kaiserliche Hoheit, der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin, die zu den Manövern nach Bosnien gefahren waren, daselbst einem politischen Meuchelmord zum Opfer gefallen seien.»

An diesem Tag hatte der 19-jährige Schüler Gavrilo Princip, ein serbischer Nationalist, in Sarajevo den Thronfolger und seine Frau Sophie mit Pistolenschüssen getötet; die Donaumonarachie hatte Bosnien 1908 annektiert, ein steter Streitpunkt mit Serbien. Nun war das Thronfolgerpaar in Österreich unbeliebt und, wie Zweig schreibt, deutete zunächst nichts darauf hin, «dass dies Ereignis zu einer politischen Aktion gegen Serbien ausgeweitet werden sollte».

Was fälschlicherweise beruhigend wirkte: «Weder Banken noch Geschäfte und Privatleute änderten ihre Dispositionen.» Doch es kam anders. Wien beschuldigte die serbische Regierung der Mitwisserschaft und stellte ein Ultimatum. In der «Julikrise» spitzten sich die schwelenden Konflikte zwischen den fünf europäischen Grossmächten – Österreich-Ungarn, Deutschland, Russland, Frankreich, Vereinigtes Königreich – zu. Einen Monat nach dem Attentat erklärte die K.-u.-K.-Monarchie, «Kakanien», dem Königreich Serbien den Krieg. Damit begann die Dämmerung eines ganzen Zeitalters.

So kam es zur Urkatastrophe Europas im 20. Jahrhundert. Zum Weltkrieg, den im Grunde niemand angestrebt hatte; es gab keinen zum Äussersten entschlossenen Kriegstreiber und kapitalen Schurken wie ein Vierteljahrhundert später Adolf Hitler (zu Beginn sekundiert vom nicht minder kriminellen Stalin). Die Schuldfrage ist erheblich verzwickter als diejenige zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Der britische Kriegspremier David Lloyd George resümierte später: «Je mehr von den Memoiren und Büchern man liest, die in den verschiedenen Ländern über den Kriegsausbruch geschrieben worden sind, desto deutlicher erkennt man, dass keiner von den führenden Männern den Krieg wirklich gewollt hat. Sie glitten sozusagen hinein oder vielmehr: sie taumelten und stolperten hinein, aus Torheit!» «Schlafwandler» hat der Historiker Christopher Clark sie genannt.

(Illustration: Claudio Köppel/FuW)

Von wegen an Weihnachten 1914 zu Hause, nach einem kurzen Gentleman-Feldzug – der Krieg dauerte bis Ende 1918 und entartete in ein massenhaftes industrielles Hinschlachten. Nachher war nichts mehr wie vorher. Die altväterisch-bourgeoisen Gesellschaften der «Welt von gestern» (der Titel von Zweigs Rückblick auf die Epoche vor dem Krieg) waren passé.

Drei Kaiserreiche zerbrachen, das der Hohenzollern, das der Habsburger, das der Romanows; das seit längerem marode Osmanische Sultanat dazu. Die Grenzen wurden völlig neu und mitunter ungeschickt gezogen, neue Staaten entstanden (Tschechoslowakei, der SHS-Staat bzw. das spätere Jugoslawien etwa; Finnland und die drei baltischen Republiken lösten sich von Russland), alte wurden teilweise malträtiert, namentlich Ungarn; Polen kehrte zurück auf die Landkarte.

Die ermatteten Sieger (zu alter Stärke fanden Briten und Franzosen nie mehr wirklich zurück; die Amerikaner hatten in den Ländern ihrer Vorväter für Ordnung sorgen müssen) waren durch den Krieg nicht weiser geworden. In den Pariser Vorortsverträgen – besonders in Versailles, mit dem Deutschen Reich – legten sie gleich eine Grundlage für den Zweiten Weltkrieg. Von einem Frieden, der den Namen verdient, keine Rede; Revanche war ab dem Tag des Waffenstillstands ein Thema, «Versailles» in Deutschland von da an ein Reizwort.

Der Weltkriegsgefreite Hitler, der als gebürtiger Österreicher unter deutscher Flagge gedient hatte, schöpfte seine Ressentiments aus den Erfahrungen im Schützengraben und der Misere der Nachkriegszeit. Wäre er als Kunstmaler nur etwas talentierter gewesen – Europa sähe heute anders aus. So aber beschloss der hasserfüllte Kriegsveteran, Politiker zu werden.

Der spätere «Führer» der Nationalsozialisten repräsentierte die eine Spielart der beiden Totalitarismen, die aus dem Krieg erwuchsen und danach Europa heimsuchten. Der Berufsrevolutionär Lenin wiederum, das geht im Westen oft vergessen, versuchte alsbald schon, seinen menschheitserlösenden Bolschewismus mit Bajonetten westwärts ins Herz Europas zu tragen, woran ihn aber 1920 der standhafte polnische Marschall Pilsudski vor Warschau hinderte.

Das Automobil, in dem Franz Ferdinand und Sophie gemeuchelt wurden, steht im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien. Das Durchschussloch der Kugel, die Sophie tödlich traf, ist an der Wagenwand deutlich zu erkennen.

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