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Blick zurück: Als Lehman Brothers pleiteging

Die Kameras standen bereit, als am 15. September 2008 die Angestellten von Lehman Brothers den Hauptsitz in New York verliessen. Mit leerem Blick und vollem Umzugskarton. Die Investmentbank war pleite und musste ihre Tätigkeit einstellen. Die Bilder der Lehman-Leute gingen sofort um die Welt; sie stehen für den Höhepunkt der Finanzkrise.

Doch nicht für den Anfang und nicht für das Ende. Ganz ausgestanden ist die Krise nicht, wie das Niedrigstzinsregime und die Überschuldung so vieler Staaten zeigen. Das Elend datiert etwa auf 2001. Um diese Zeit begannen amerikanische Banken zunehmend, Hypotheken an Kunden zu vergeben, die nach herkömmlichen Bonitätsstandards niemals welche hätten erhalten dürfen (was politisch gewollt war, parteiübergreifend).

Die Banken konnten das Risiko eingehen, weil sie die Kredite nicht mehr auf ihre Bücher nahmen, sondern bündelten und Zertifikate darauf verkauften, die als Subprime Mortgage Backed Securities später zweifelhaften Ruhm erlangten. Das Ausfallrisiko hielten nun die Investoren, die sich auf rosige Bewertungen von Ratingagenturen verliessen.

Schon im März war die Investmentbank Bear Stearns in Schwierigkeiten geraten; JPMorgan übernahm das Institut. Anfang September musste das US-Finanzministerium die beiden parastaatlichen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac mit 200 Mrd. $ stützen. Damals wurde über Lehman an der Wall Street bereits gemunkelt.

Das Lehman-Drama beginnt am Donnerstag, 11. September. Die Bank, die während Jahren im Hypothekengeschäft gewaltig verdient hatte, meldet einen milliardenschweren Quartalsverlust. Am Freitag besprechen sich Finanzminister Hank Paulson und Fed-Chef Ben Bernanke; Paulson soll einen Käufer für Lehman finden. Am Samstag wird bekannt, dass Bank of America die Investmentbank Merrill Lynch übernehmen will; für Lehman hat einzig Barclays noch nicht abgewinkt, doch der Blick in die Bücher schreckt die Briten ab.

(Illustration: Claudio Köppel/FuW)

Zugleich kommt aus, dass AIG, der weltweit grösste Versicherer, Milliarden braucht, weil sie (nun faule) Kredit- und Hypothekenbündel über Credit Default Swaps garantiert hat. Am Sonntag wird in den Büros der New York Fed hektisch weiterberaten; Paulson warnt vor der Insolvenz Lehmans, die Stunden darauf feststeht. Lehman-Leute gehen ins Büro und packen ihre Habseligkeiten. Am Montag, 15. September, wird der Konkurs offiziell, die Börsenkurse sacken ab.

Die Unterredungen in der New York Fed gehen weiter. AIG steht nun im Zentrum – und wird als «too big to fail» klassiert. Am Dienstag dann eine Aussprache im Weissen Haus: Der Staat muss AIG retten, es geht nicht anders; Präsident George W. Bush sichert dafür seine Unterstützung zu. Am Mittwoch kommen die beiden verbliebenen Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs ins Gerede, Panik kommt auf, Paulson spricht vom «finanziellen Äquivalent eines Kriegs». Am Donnerstag beruhigt Präsident Bush die Nation. Finanzministerium und Fed wollen ermöglichen, dass die Regierung im grossen Stil (bis zu 700 Mrd. $) Mortgage Backed Securities aufkauft. Am Freitag, 19. September, kündigt Bush einen massiven Staatseingriff an.

Warum nicht gleich, warum erst den Lehman-Schock zulassen? Eine plausible Interpretation lautet, dass das Rettungspaket es sonst nie durch den Kongress geschafft hätte. War es richtig, den amerikanischen Finanzsektor zu retten, koste es, was es wolle? Die Debatte darüber ist noch längst nicht abgeschlossen. Der Preis ist hoch, finanziell, gesellschaftlich, politisch. Unterdessen ist der Finanzsektor zwar zusätzlich reguliert worden, doch wie sinnvoll, wird erst die nächste Krise erweisen.