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Blick zurück: Die Smartphone-Revolution

Schlechte Infrastruktur als Chance – paradox. Aber wahr. In Kenia, zum Beispiel, mangelt es an Bankfilialen, die klassischen Telefonfestnetze sind lückenhaft, die Strassen oft in lausigem Zustand usw. Doch just dies verhalf dem ostafrikanischen Land in den vergangenen Jahren zu einem Technologiesprung.

Zwar haben dort nur die wenigsten Leute ein herkömmliches Bankkonto, dafür verfügen die meisten über Zugriff auf das mobile Bezahlsystem M-Pesa: Handy zücken, Zahlung auslösen, Sparkonto prüfen, Kleinkredit besorgen. Das funktioniert anscheinend selbst draussen im Busch, wo die Gazelle grast und der Löwe lauert. Kenia bietet schnellen, günstigen Internetzugang und ein stabiles Funknetz an; die Mobilfunkpenetration liegt über 90%.

Das kluge Telefon, das Smartphone, gibt es so richtig seit 2007 – erst. Heute ist es, wie die etwas dümmliche Wendung lautet, aus dem Alltag schier der ganzen Menschheit «nicht mehr wegzudenken» (Nordkorea mag eine Ausnahme sein). Steve Jobs, Mastermind von Apple (AAPL 313.05 -2.26%), lancierte vor zwölf Jahren das erste iPhone; das Konkurrenzsystem (Android) folgte auf dem Fuss.

Heute ist, wer nicht flink auf dem flachen Bildschirmchen zu wischen weiss, mit Apps, WhatsApp und dergleichen nicht zurande kommt, weg vom Fenster, wer offline ist, ist quasi off life, klinisch tot. Bereits ist eine junge Generation herangewachsen, die «Digital Natives», die notfalls wohl auf alles verzichten könnte, nur nicht aufs Handy: Das ist mehr, ungleich mehr als irgendein anderes Gerät modernen Komforts à la Kühlschrank, Fernseher, Auto etc. – eine bewusstseinserweiternde Persönlichkeitsprothese. Fragt sich bald, ob der Mensch ein Handy besitzt oder umgekehrt.

(Illustration: Claudio Köppel/FuW)

Eine revolutionäre Prothese. Das polyvalente Mobiltelefon bietet Möglichkeiten sonder Zahl (ja, man kann es sogar zum Telefonieren einsetzen): Es transportiert Information, wahre Datentsunamis. Informationen sind im täglichen Tausch unter Milliarden Menschen so wichtig wie Materie und Energie.

Produktion, Logistik, Kundenfront, Musik, Videos, Spiele, Lernen, Shoppen, Buchen, auch Politik – es gibt zwitschernde Herren in höchsten Ämtern: Alles hat sich mit dem Smartphone verändert. Die Leute in Hongkong nutzen die smarten Möglichkeiten, um der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein, Influencer beeinflussen das Wählerverhalten (u. a.), wer Unkorrektes sagt oder tut, muss mit Hashtag-Shitstorms rechnen.

Selbst in der ganzjährigen humanen Balzsaison schlagen Algorithmen die althergebrachten, wiewohl unzuverlässigen Rituale der Romantik. Heute benützen schätzungsweise 3,5 Mrd. (von 7,8 Mrd.) Menschen tagein, tagaus das kleine, flache, glänzende Teil.

Manchen dürfte es mehr ans Herz gewachsen sein als selbst der zur Minne aus der Masse mathematisierte Mensch: Wer beim Anblick eines Pärchens, das zum Kerzenlichtdinner geneigten Blicks am jeweiligen Smartphone fingert, nicht Kulturpessimist wird, der ist unrettbar verstockt. Von der lästigen Selfie-Seuche nur so viel: Von mobil bis debil ist es mitunter ein kleiner Schritt.

Steve Jobs’ Revolution hat unseren Alltag schnell, gründlich und, im Sinn des Wortes, nachhaltig verändert; es gibt kein Zurück. Diese wirtschaftliche und gesellschaftliche Disruption ist nach wie vor im Gang, und was sie noch alles auslösen wird, ist offen. Vielleicht, wer weiss, ist die nächste ähnlich revolutionäre Neuerung gerade um die Ecke, vielleicht erkennen wir sie nur noch nicht.

Als vor einem Dutzend Jahren das erste iPhone auf den Markt kam, sagte der damalige Microsoft-CEO Steve Ballmer, das sei bloss ein Nischenprodukt, «das sich garantiert nie sonderlich gut verkaufen wird». Vor Irrtum schützen, das kann das Smartphone nicht. Ein Trost, fürwahr.

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