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Blick zurück: Die USA steigen zur Weltmacht auf

Eine junge Weltmacht trat auf den Plan, eine alte verschwand, binnen Wochen. Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 war Spanien endgültig aus Lateinamerika hinauskomplimentiert, 406 Jahre nach Kolumbus’ erster Landung. Die USA dagegen, erst ein gutes Jahrhundert jung, beherrschten von nun an den Pazifik und die Karibik, mit Ausstrahlung über den ganzen Globus. Sie rückten von der Kontinental- zur Weltmacht auf. Danach war es nur folgerichtig, dass Amerika 1917 in den Ersten Weltkrieg eintrat und entscheidend zum Sieg der Entente über das Wilhelminische Reich beitrug. Umgekehrt: Hätten sich die USA isoliert, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. Isolation oder Intervention – zwischen diesen Polen pendelt seitdem die Aussenpolitik Washingtons.

Auslöser des Konflikts war Kuba, damals die letzte Perle in Madrids Kolonialreich, dem Mutterland eng verbunden. Freilich hatten auch die Amerikaner bereits grosse wirtschaftliche Interessen auf der Zucker- und Tabakinsel. Die Spanier bekämpften die kubanischen Unabhängigkeitsbewegungen hart, was die amerikanische Öffentlichkeit an das eigene Freiheitsringen mit den Briten erinnerte – und was amerikanische Massenmedien, vor allem New Yorker Zeitungen der Verleger Hearst und Pulitzer, auflagewirksam hochkochten.

Präsident William McKinley, ein Republikaner, wehrte sich gegen zunehmenden Druck, zugunsten der Rebellen von «Cuba Libre» militärisch einzugreifen, und setzte auf Diplomatie bis und mit Kanonenbootpolitik: Die «USS Maine» wurde zur Warnung in den Hafen von Havanna geschickt. Dort explodierte sie am 15. Februar; 250 amerikanische Seeleute starben. Volkes Seele geriet in Wallung, obwohl die Explosion intern gewesen sein dürfte, also nicht Ergebnis spanischer Heimtücke, doch die amerikanischen Pressebarone liessen sich die Gelegenheit nicht entgehen, heisse Stories zu drucken.

(Illustration: Claudio Köppel/FuW)

«Remember the Maine», titelten die Blätter. Die Stimmung in den USA, zuvor keineswegs klar kriegslüstern (ein lautstarker Gegner solcher Engagements war übrigens Mark Twain), kippte allmählich. Manche Politiker sahen dies auch als Gelegenheit, die nach dem Sezessionskrieg von 1861 bis 1865 immer noch gespaltene Nation durch ein gemeinsames Projekt zu einen; in der Tat kämpften dann alte Offiziere der Union und der Konföderierten Seit’ an Seit’ gegen die Spanier.

McKinley, mehr Getriebener als Antreiber, fügte sich ins Unausweichliche. Immerhin passierte der Kongress noch vorsorglich ein Gesetz, das die Annexion Kubas ausschloss. Am 20. April sandte Washington ein Ultimatum an Madrid und verhängte darauf eine Seeblockade (1962 das Déjà-vu, Kennedys Blockadestrategie gegen die sowjetischen Atomraketen). Der blutige Rest: Im Mai nahm die US Navy erst Puerto Rico ein, die andere spanische Insel in der Karibik; im Juni landete sie in Guantánamo (wo sie heute noch ankert), kurz drauf in Santiago. Die unterlegene spanische Marine wurde versenkt, die Gefechte auf der Insel endeten im August.

Im Pazifik ein ähnliches Bild: Im Mai vernichteten die Amerikaner ein spanisches Geschwader vor Manila, im August kapitulierte die Festung. Die spanische Insel Guam wurde im Juni en passant genommen. Im Übrigen hatten die USA, die auf Hawaii zuvor schon die Marinebasis Pearl Harbor betrieben, diese Inselgruppe sicherheitshalber bei Kriegsausbruch annektiert. Pearl Harbor, Guam, Philippinen – Namen, die im Zweiten Weltkrieg Schlagzeilen machten. Alaska, einst russisch, war übrigens schon seit 1867 amerikanisch.

Die USA kassierten ihre eigene Schöpfung, die Monroe-Doktrin, und wurden selbst zur Kolonialmacht. Das beunruhigte grosse Teile des keinesfalls blind auf Imperialismus gestimmten amerikanischen Publikums. Zur Enttäuschung der Unabhängigkeitskämpfer auf den Philippinen wurden die Inseln annektiert, ein übler Krieg folgte. Guam und Puerto Rico nahm Washington umstandslos in Besitz und legte Kuba durch ungleiche Verträge für lange Jahre an die kurze Leine.

Unter Theodore Roosevelt, Vize-Marineminister McKinleys, Kriegsteilnehmer auf Kuba (bei den legendären «Rough Riders») und von 1901 bis 1909 Präsident der USA, übernahmen die Amerikaner das gescheiterte Panamakanal-Projekt der Franzosen und stellten es bis 1914 fertig: Das Tor zwischen den Weltmeeren stand der US Navy und den Handelsflotten offen.

Der alte Goethe im Weimar übrigens hatte das schon 1827 geahnt: «Wundern sollte es mich aber, wenn die Vereinigten Staaten es sich sollten entgehen lassen, ein solches Werk in ihre Hände zu bekommen.»