Märkte / Aktien

Rezessionsängste haben Börsen im Griff

Am Schweizer Aktienmarkt ist es am Dienstag wieder deutlich abwärts gegangen.

(AWP/Reuters) Nach einem positiven Handelsstart bei über 10’900 Punkten sank der Leitindex SMI (SMI 11'200.12 +0.69%) bis Börsenschluss um gut 200 Punkte ab. Am Markt wurde von erneut aufgeflammten Rezessionsängsten gesprochen.

Schlecht aufgenommen wurde insbesondere eine klare Eintrübung der Unternehmensstimmung im Euroraum im Juni. Mit Sorge werde aber auch auf die näher rückende temporäre Schliessung der Gaspipeline Nord Stream 1 geschaut. Diese wecke Ängste vor einem unbefristeten Lieferstopp durch Russland und einem Kollaps der deutschen Wirtschaft, meinte ein Marktbeobachter. Viele Anleger blieben derzeit den Börsen fern — die Verunsicherung sei einfach zu gross.

Der SMI schloss um 1,65% im Minus auf dem Tagestief von 10’702,50 Punkten, nachdem er kurz nach Handelsstart noch ein Tageshoch bei 10’916 Punkten erreicht hatte. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, gab 1,90% auf 1632,26 Punkte nach und der breite SPI (SXGE 14'522.22 +0.74%) verlor 1,41% auf 13’797,24 Zähler. Von den SLI-Titeln schlossen 26 im Minus und vier im Plus.

Starke Verluste erlitten typische Zykliker, darunter Sika (SIKA 242.20 +1.04%) und Holcim (HOLN 44.85 +0.36%). Ein Marktbeobachter verwies auf eine Branchenstudie der HSBC (HSBAl 5.48 +1.20%), in welcher die Analysten ihre Schätzungen für sämtliche von ihnen abgedeckten Bauzulieferer massiv reduzierten.

Stark unter Druck standen aber auch die Finanzwerte. Bei den Bankenaktien waren es für einmal die Titel der Grossbank UBS (UBSG 15.87 +1.99%) , welche die höchsten Verluste erlitten. Aber auch Julius Bär (BAER 50.34 +0.20%) und die auf immer neuen Tiefstwerten gehandelten Credit Suisse (CSGN 5.39 +2.51%) Group gaben stark nach. Die Analysten der deutschen BZ Bank senkten ihr CS-Kursziel am Dienstag auf gerade noch 5 Fr.

Ebenso gross waren die Kursverluste bei den Versicherungswerten: Sowohl die Titel des Rückversicherers Swiss Re (SREN 73.64 +0.63%) wie auch die Aktien der Einzelversicherer Swiss Life (SLHN 517.00 +1.10%) und Zurich Insurance (ZURN 423.30 +0.91%) mussten massive Verluste hinnehmen.

Stark abwärts ging es zudem mit den Luxusgütertitel Richemont (CFR 115.45 +2.39%) und Swatch Group (UHR 255.00 +1.88%). Die Analysten der Royal Bank of Canada (RY 126.47 +0.02%) kappten am Dienstag ihre Prognosen sowie die Kursziele der Uhrenhersteller. Erneut klar im Minus gingen auch die Aktien des Chipherstellers AMS Osram (AMS 8.20 -0.24%) aus dem Handel.

Etwas moderatere Abgaben gab es für die defensiven Schwergewichte. Die Titel der Pharmakonzerne Novartis (NOVN 82.25 +0.24%) und Roche GS (ROG 316.35 -0.11%) notierten aber den ganzen Tag im Minus. Am Nachmittag drehten dann auch die Aktien des Nahrungsmittelriesen Nestlé (NESN 116.42 +0.80%) in die Verlustzone.

Etwas besser hielten sich die etwa auch Kühne + Nagel (KNIN 241.90 -1.22%) oder Schindler (SCHP 182.70 +1.98%). Die Aktien des Liftherstellers erhielten Unterstützung von den Goldman-Sachs-Analysten, die ihre Kaufempfehlung trotz etwas tieferen Gewinnschätzungen und einem gesenkten Kursziel bekräftigten.

Zu den wenigen Gewinnern im SMI/SLI gehörten die Aktien des Zahnimplantatespezialisten Straumann (STMN 132.05 +2.40%) und des Hörgerätespezialisten Sonova (SOON 345.10 +0.38%). Zulegen konnten auch die Titel des Pharmazulieferers Lonza (LONN 565.80 +1.00%), die von einer Kaufempfehlung der Citigroup-Analysten gestützt wurden. Die zuständigen Analysten sehen Lonza mit der starken Bilanz als attraktives Investment.

Am breiten Markt standen klar die Valora-Aktien im Fokus, die um 51% auf 259 Fr. in die Höhe sprangen. Der mexikanische Femsa-Konzern legte am Morgen ein Übernahmeangebot zu 260 Fr. pro Aktie vor, was den Kioskbetreiber mit 1,1 Mrd. Fr. bewertet.

Im Plus schlossen die Titel von Edisun (ESUN 117.00 -1.68%) Power. Der Solarstromspezialist hatte bekanntgegeben, auf eine angekündigte Kapitalerhöhung vorerst zu verzichten.

USA: Lange Gesichter nach einem langen Börsenwochenende

Die US-Börsen sind nach einem langen Wochenende am Dienstag auf Talfahrt gegangen. Nach dem Feiertag am Vortag prägten Ernüchterung und Sorgen das Geschehen. Die Erleichterung über Gespräche zwischen den USA und China, um womöglich einige der einst unter Donald Trump eingeführten Handelszölle wieder zurückzunehmen, wich einmal mehr hartnäckigen Rezessionsbefürchtungen.

Dafür sorgten dieses Mal auch Daten aus Europa. Die Unternehmensstimmung trübte sich im Euroraum laut einer Zweitschätzung deutlich ein und fiel auf ein 16 Monatstief. In den USA dagegen wurden zwar besser als erwartete Auftragseingangsdaten der Industrie für den Monat Mai veröffentlicht, doch solche Daten sind angesichts der herrschenden Lieferkettenprobleme und damit aufgestauter Auftragsbestände zweitrangig geworden.

Der Leitindex Dow Jones Industrial gab im frühen Handel um 1,78% auf 30 544,29 Punkte nach und weitete damit seinen etwas mehr als einprozentigen Verlust der vergangenen Woche aus. Für den marktbreiten S&P 500 ging es am Dienstag um 1,80% auf 3756,40 Zähler nach unten. Der technologielastige Nasdaq 100 (NDX 13'207.69 -0.78%) verlor 1,17% auf 11 449,79 Punkte. Er hatte in der vergangenen Woche etwas mehr als vier Prozent eingebüsst.

Euro sackt zum Franken auf tiefsten Stand seit über 7 Jahren

Der Euro hat am Dienstag die Talfahrt beschleunigt und ist zum Franken nicht nur unter die Parität, sondern auch auf klar den tiefsten Stand seit sieben Jahren gefallen. Zum US-Dollar sackte die Gemeinschaftswährung derweil sogar auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten ab. Am Nachmittag kostete ein Euro nur noch 1,0245 $ und damit so wenig wie zuletzt am Jahresende 2002.

Zum Franken notierte der Euro am Nachmittag noch bei 0,9940 Fr. nachdem er zuvor bis auf ein Tagestief von 0,9924 Fr. abgerutscht war. Am Morgen hatte die europäische Währung noch über 1,00 Fr. notiert. Schwächer war der Euro bisher lediglich Mitte Januar 2015 gewesen, als die Schweizerische Nationalbank (SNB (SNBN 5'880.00 -3.29%)) völlig überraschend den Euro-Mindestkurs aufgehoben und die Finanzmärkte damit in Turbulenzen gebracht hatte.

Der Dollar zog dagegen zum Franken steil an und überschritt mit 0,9703 Fr. wieder die Marke von 0,97 Fr. Das ist ein ganzer Rappen mehr als noch am Morgen (0,9600 Fr.).

Der Euro wird schon seit einiger Zeit von der teils sehr trüben Stimmung an den internationalen Finanzmärkten belastet. Im Gegensatz zum Euro profitiert der Dollar, da er von vielen Anlegern nicht nur als sichere, sondern aufgrund der Grösse des US-Finanzmarkts auch als sehr liquide Anlageform geschätzt wird. Am Dienstag verlor deshalb nicht nur der Euro fast zwei US-Cent an Wert. Auch viele andere Währungen gaben zum «Greenback» erheblich nach.

Ein zentrales Argument für den schwachen Euro lautet, dass Europa wesentlich stärker von den Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine betroffen sei als die USA. Als entscheidender Grund gilt die hohe Abhängigkeit vieler europäischer Länder von russischen Rohstoffen wie Erdöl oder Erdgas (NG - -). Am Dienstag stieg der europäische Erdgaspreis aus Angst vor zunehmenden Engpässen auf ein Viermonatshoch.

Ein weiterer Grund für die Euro-Schwäche ist, dass viele Notenbanken wesentlich entschlossener auf die hohe Inflation reagieren als die EZB. Während etwa die US-Notenbank Fed ihren Leitzins schon mehrfach und deutlich angehoben hat, hat sich die EZB bisher nur zu einer Ankündigung durchringen können. Mitte Juli soll ihr Leitzins erstmals seit elf Jahren steigen, allerdings wohl nur um 0,25 Prozentpunkte. Andere Zentralbanken, wie jüngst die eigentlich eher vorsichtige Notenbank Australiens, heben ihre Zinsen viel stärker an. Sogar die SNB emanzipierte sich vom Kurs der EZB und erhöhte jüngst die Leitzinsen überraschend deutlich um 0,5 Prozentpunkte.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,85845 (0,85960) britische Pfund, 139,77 (141,51) japanische Yen und 0,9932 (1,0037) Schweizer Franken fest.

Ölpreise brechen wegen Rezessionsangst ein

Die Ölpreise sind am Dienstag stark durch zunehmende Rezessionsängste belastet worden. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent fiel um mehr als elf US-Dollar bis auf 102,12 $. Das war der tiefste Stand seit Mitte Mai. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 88.64 +0.62%)) fiel ähnlich stark und sank unter die Marke von 100 $. Im Tief wurden 98,44 $ markiert.

Zuletzt lag der Brent-Preis bei 103,19 $. Das waren 10,31 $ weniger als am Vortag. Ein Fass WTI kostete am Abend 99,31 $ und damit 9,12 $ weniger als einen Tag zuvor.

In den vergangenen Tagen haben Sorgen um die Entwicklung der Weltkonjunktur die Ölpreise belastet. Die hohe Inflation und die Zinserhöhungen vieler Notenbank dürften die wirtschaftliche Entwicklung dämpfen und so auch die Nachfrage nach Rohöl sinken lassen. Die Erdölpreise sind deshalb in den vergangenen Wochen gefallen – allerdings von hohem Niveau aus. Seit Jahresbeginn sind die Preise um rund 30% gestiegen. Grund ist vor allem der Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Im Falle einer globalen Rezession halten die Experten der Citigroup (C 51.99 +0.64%) einen Rückgang des Ölpreises auf 65 Barrel zum Jahresende für möglich. Bis zum Ende des Jahres 2023 könne er dann sogar bis auf 45 $ sinken. Dies gelte trotz anhaltender europäischer Sanktionen gegen russisches Rohöl, was tendenziell die Preise unterstützen dürfte, heisst es in einer Studie.

Am Dienstag begann ein Streik in der norwegischen Öl- und Gasindustrie. Die Tarifverhandlungen sind ohne Einigung geblieben. Dies dürfte die Öl- und Erdgasproduktion verringern. Der Streik hatte sich in den vergangenen Tagen bereits abgezeichnet.

Goldpreis fällt auf Jahrestief

Der aufwertende US-Dollar lastet zunehmend auf dem Goldpreis. Am Dienstag fiel der Preis für eine Feinunze (etwa 31,1 Gramm) des Edelmetalls auf den tiefsten Stand in diesem Jahr. Mit 1765 $ wurde Gold so niedrig gehandelt wie seit Dezember 2021 nicht mehr. Gegenüber dem Vortag beliefen sich die Verluste auf rund 43 $.

Belastet wird der Goldpreis vor allem durch den starken Dollar. Die Währung der Vereinigten Staaten profitiert derzeit erheblich von der grossen Unsicherheit an den Finanzmärkten. Es wird befürchtet, dass die vielen Belastungsfaktoren wie Ukraine-Krieg, Lieferengpässe, hohe Inflation und steigende Leitzinsen die Weltwirtschaft in die Rezession stürzen könnten. Der Dollar wird als Reservewährung in unsicheren Zeiten vermehrt angesteuert.

Rohstoffe wie Gold werden zumeist in Dollar gehandelt. Daher verteuert ein steigender Dollarkurs den rechnerischen Kaufpreis für Interessenten ausserhalb des Dollarraums. Das lastet auf der Nachfrage und damit letztlich auf dem Goldpreis.

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