Märkte / Aktien

SMI schliesst mit weiterer deutlicher Korrektur

Der Schweizer Aktienmarkt stand am Freitag erneut deutlich unter Druck und musste damit auch über die gesamte Woche einen herben Rücksetzer hinnehmen.

(AWP/Reuters) Die Finanzmärkte bewegten sich weiterhin in einem sehr schwierigen Umfeld aus Ukraine-Krieg, hohen Rohstoffpreisen, Lieferengpässen, immer weiter steigender Inflation, Zinsängsten, Rezessionsgefahr und nicht zuletzt den wieder sehr restriktiven Covid-Massnahmen in China. Das sei eine explosiver Mix, der auch für die nächsten Wochen und Monate nicht allzu viel Gutes erwarten lasse, meinen viele Händler. Die Stimmung unter Investoren ist entsprechend am Boden und die Nervosität gross.

Rund 60% der Befragen in Investoren-Umfragen haben sich zuletzt pessimistisch gezeigt hinsichtlich der weiteren Entwicklung an den Aktienmärkten. «Jedes Aufbäumen an der Börse wird derzeit für Verkäufe genutzt», sagte ein Marktteilnehmer dazu. Kaum der Rede wert seien in diesem Umfeld die zum Teil gar nicht schlecht ausfallenden Quartalszahlen der hiesigen Unternehmen. Die mit Spannung erwarteten US-Arbeitsmarktdaten, die am Freitagnachmittag veröffentlicht wurden, fielen insgesamt nicht schlecht aus, vermochten den Trend aber auch nicht zu kehren. «Für die US-Notenbank Fed ist der Arbeitsmarktbericht von keiner grösseren Relevanz. Die US-Währungshüter haben ihren Kurs für dieses Jahr weitgehend abgesteckt», sagte der Chefökonom einer hiesigen Bank dazu.

Der SMI (SMI 11'647.17 +1.35%) verlor dank einer Erholung gegen Ende des Tages «nur» 1,24% auf 11’730,42 Punkte, zwischendurch war er bis 11’671 Zähler gefallen. Insgesamt büsste das wichtigste Schweizer Aktienbarometer damit diese Woche 3,3% ein, wobei es an drei von fünf Tagen 1% oder mehr verlor. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, fiel um 1,42% auf 1810,24 Punkte und der breite SPI (SXGE 14'941.43 +1.58%) um 1,25% auf 15’074,65 Zähler. Unter den 30 Blue Chips schlossen 25 im Minus und nur fünf im Plus.

In einem in Bezug auf Unternehmensnews insgesamt nachrichtenarmen Handel seien Einzelwerte teilweise eher wahllos auf den Markt geworfen worden, hiess es im Handel. Vor allem konjunktursensitive Titel oder solche mit grossen Avancen im Vorjahr büssten am deutlichsten an Terrain ein. Am Schluss standen Givaudan (GIVN 3'569.00 +2.71%) bei den Blue Chips zuoberst auf der Verliererliste, gefolgt von Sika (SIKA 267.00 +4.71%), Geberit (GEBN 531.20 +2.75%), Kühne+Nagel (-3,7%) oder SGS (SGSN 2'416.00 +0.54%).

Phasenweise waren auch Richemont (CFR 103.85 +9.55%) oder Swatch (-1,1%) deutlicher unter Druck, erholten sich dann aber etwas. Dabei hatten Händler vor allem auf schwache Konjunkturdaten aus China verwiesen. Dort hinterlässt die Null-Toleranz Politik der Regierung mit Blick auf Corona langsam wirtschaftliche Bremsspuren.

Bei den Indexschwergewichten hielten sich Roche (-0,5%) und Novartis (NOVN 87.12 -0.80%) etwas besser als Nestlé (NESN 116.58 +2.05%).

Klarer Gewinner bei den wichtigeren Werten waren Temenos (TEMN 95.36 +2.91%), die weiterhin von Übernahmespekulationen profitieren. Vor allem Private Equity-Gesellschaften wird ein Interesse am Genfer Bankensoftware-Haus nachgesagt. Dass sich der Kurs von Temenos in diesem Umfeld oben halten könne, zeige wohl, dass immer mehr Investoren an eine Übernahmeangebot glaubten, meinte ein Händler.

Ebenfalls vorne im Feld zu finden waren die Papiere des Rückversicherers Swiss Re (SREN 80.36 +1.80%), die allerdings am Vortag wegen schwacher Quartalszahlen unter Druck gestanden hatten und heute einen kleinen Teil der Verluste wettmachen konnten. Auch Swisscom (SCMN 574.40 +0.35%) war wieder gesucht. Der Titel hatte am Vortag ein neues Jahreshoch bei rund 590 Franken erzielt, was dem höchsten Stand seit 20 Jahren entsprach.

In den hinteren Reihen fielen einige kleinere Titel wie Spexis (POLN 1.05 +0.00%), Dottikon (-10%), Airesis (AIRE 0.6400 -6.57%) oder Schlatter (STRN 28.00 -2.10%) mit grösseren Verlusten auf. Auf der Gegenseite standen die ebenfalls eher kleinen Biotech-Titel Relief (+9,1%) oder Obseva (+8,5%) zuoberst.

Weiter Talfahrt an der Wall Street

Die Wall Street kommt nach dem US-Arbeitsmarktbericht am Freitag weiter nicht zur Ruhe. Der Dow Jones Industrial sackte in einem nervösen Anfangshandel um 1,17% auf 32’613,22 Punkte. Er näherte sich damit wieder seinem Tief seit Februar, auf das er zu Wochenbeginn mit knapp 32’450 Zählern gefallen war. Im Wochenverlauf hat er aktuell 1,2% verloren.

An der Nasdaq-Börse bleiben die Schwankungen noch ausgeprägter: Der technologielastige Nasdaq 100 (NDX 12'276.79 +2.79%) büsste am Freitag nach einer halben Handelsstunde 1,66% auf 12 637’196 Zähler ein. Er steht mittlerweile auf dem niedrigsten Niveau seit Anfang März 2021. In dieser Woche ist seine Bilanz mit einem Abschlag von 1,8% noch getrübter.

Die Anleger müssten sich derzeit drei Problemen gleichzeitig stellen: Nachlassendem Wachstum, höheren Kosten und steigenden Zinsen, sagte Marktstratege Sean Darby von der Investmentbank Jefferies. Derweil hat die US-Wirtschaft im April mehr Arbeitsplätze geschaffen als erwartet. «Wieder ein deutlicher Aufbau von neuen Stellen – die Fed bleibt unter Druck», kommentierte dies Analyst Tobias Basse von der NordLB.

Euro steigt zum US-Dollar

Der Euro ist am Freitag nach einer kurzen Schwächephase spürbar gestiegen. Die Gemeinschaftswährung war am Mittag fast bis auf 1,06 $ geklettert und kostete zuletzt 1,0561 $. Im frühen Handel war der Euro noch bis auf 1,0483 $ gefallen. Er hatte sich damit wieder dem tiefsten Stand seit 2017 genähert.

Auch gegenüber dem Franken hat der Euro weiter an Stärke gewonnen. Er kostet derzeit 1,0413 Fr. nach 1,0411 Fr. am Mittag und 1,0394 Fr. am Morgen. Der US-Dollar hat sich gleichzeitig auf 0,9857 von 0,9835 Fr. am Mittag verteuert.

Frischen Schwung erhielt der Euro durch Aussagen des französischen Notenbankchefs Francois Villeroy de Galhau. Seiner Einschätzung nach könnten die Leitzinsen im Euroraum bis Jahresende wieder über Null steigen. «Wenn keine unvorhergesehenen neuen Schocks auftreten, würde ich es für realistisch halten, dass wir bis zum Ende dieses Jahres in ein positives Territorium kommen», sagte Villeroy de Galhau, der im EZB-Rat über die Geldpolitik mitentscheidet. Höhere Zinsen machen eine Währung in der Regel attraktiver für Anleger.

Im frühen Handel hatten enttäuschende Konjunkturdaten aus Deutschland den Euro belastet. Die hiesige Industrie hatte im März deutlich weniger produziert. Die Gesamtherstellung ging zudem weitaus stärker zurück als von Analysten erwartet. «Der Rückgang der Produktion ist Folge des Krieges in der Ukraine», schrieb Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank (VPBN 93.20 +2.87%). So habe etwa die Automobilindustrie im März wegen fehlender Kabelbäume aus der Ukraine besonders stark gelitten.

Jobdaten aus den USA bewegten derweil den Euro kaum. Der US-Arbeitsmarkt entwickelte sich auch im April robust und erholte sich weiter von seinem Corona-Einbruch. Die Beschäftigung stieg stärker als erwartet und fast so deutlich wie im Vormonat. Die Arbeitslosigkeit stagnierte zwar, allerdings in der Nähe ihres Vorkrisen-Niveaus. Die Löhne stiegen erneut deutlich.

Analysten kommentierten, die US-Notenbank Fed dürfte ihrem in dieser Woche verschärften Straffungskurs treu bleiben. Sie hatte erstmals seit mehr als zwei Jahrzehnten eine grosse Zinsanhebung um 0,5 Prozentpunkte vorgenommen, um der hohen Inflation von zuletzt 8,5% Einhalt zu gebieten.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die Europäische Zentralbank die Referenzkurse für einen Euro auf 0,85625 (0,85190) britische Pfund, 137,90 (137,18) japanische Yen und 1,0419 (1,0355) Schweizer Franken fest. Die Feinunze Gold kostete am Nachmittag in London 1885 $. Das waren 8 $ mehr als am Donnerstag.

Ölpreise legen merklich zu

Die Ölpreise haben am Freitag anfängliche Gewinne ausgebaut. Am Mittag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 113,38 $. Das waren 2,49 $ mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 114.32 +3.20%)) stieg um 2,27 $ auf 110,53 $.

Seit dem Vorschlag der EU-Kommission für ein Embargo auf russisches Rohöl haben die Erdölpreise spürbar zugelegt. Schon davor waren sie wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine deutlich geklettert. Seit Jahresbeginn sind die Preise um gut 40% gestiegen. Noch ist allerdings unklar, ob alle EU-Mitglieder zustimmen werden.

Nach heftiger Kritik am geplanten Sanktionspaket gegen Russland könnten Ungarn, die Slowakei und Tschechien mehr Zeit bekommen, um ein Öl-Embargo umzusetzen. Ein neuer Vorschlag der EU-Kommission würde Ungarn und der Slowakei bis Ende 2024 Zeit geben, um ihre Öl-Einkäufe aus Russland einzustellen, wie die Deutsche Presse-Agentur von Diplomaten erfuhr. Tschechien könnte demnach bis Juni 2024 Zeit bekommen, um den Lieferstopp vollständig umzusetzen.

Für zusätzlichen Auftrieb sorgt die Ankündigung der USA vom Donnerstag, ab diesem Herbst mit der Wiederbefüllung der strategischen Ölreserven zu beginnen. Die Reserven befinden sich derzeit auf relativ niedrigem Niveau, da die US-Regierung in den vergangenen Monaten mehrfach Erdöl in den Markt geleitet hat, um den steigenden Ölpreisen Einhalt zu gebieten.

Ein Gegengewicht zu den steigenden Rohölpreisen stellt nach wie vor die strikte Corona-Politik Chinas dar. Die Konjunktur der Volksrepublik wird durch strenge Ausgangssperren deutlich belastet. China ist einer der grössten Ölnachfrager der Welt.