Märkte / Aktien

Nestlé ziehen SMI ins Minus

Nach einem iranischen Vergeltungsschlag auf Basen mit US-Soldaten im Irak scheinen die Anleger auf eine Beruhigung zu spekulieren.

(AWP/Reuters/RB) Der Schweizer Aktienmarkt erleidet am Mittwoch Verluste. Der Leitindex SMI (SMI 11110.78 -0.39%) vermochte zwar vorübergehend einen Teil der Abgaben abzuschütteln, beendete den Handel aber mit einem leichten Minus. Laut Händlern war die Verunsicherung nach den iranischen Raketenangriffen auf US-Stützpunkte im Irak deutlich spürbar.

Um 17 Uhr MEZ gab US-Präsident Donald Trump eine Antwort, die nicht auf eine weitere Eskalation schliessen lässt. Er warnte zwar gleich zu Beginn, dass die USA eine iranische Atombombe niemals zulassen würden. Kündigte aber keine militärische Antwort auf den nächtlichen Rakentenbeschuss dreier Luftwaffenbasen im Irak an. Schon seine erste Reaktion über Twitter (TWTR 38.31 -1.9%) hatte vermuten lassen, dass er keine komplette Eskalation will. Der US-Präsident schrieb «alles ist gut», was die Befürchtungen über eine Verschärfung der Lage dämpfte.

Dennoch suchten die Investoren nach Bekanntwerden der iranischen Attacke Zuflucht in sicheren Häfen. So schoss der Goldpreis erstmals seit 2013 über 1600 $ pro Unze. Auch der Franken war gesucht. Der Euro-Franken-Kurs ist am frühen Nachmittag unter die Marke von 1,08 gefallen und damit auf den tiefsten Stand seit Frühjahr 2017.

Einen eher sachlichen Kommentar zum Geschehen im Iran äusserte beispielsweise UBS (UBSG 12.685 -2.61%). Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran dürften zwar anhalten, heisst es bei der Grossbank. Eine grössere militärische Eskalation sei aber nicht zu erwarten, da daran beide Seiten kein Interesse hätten. Ein Händler in Zürich meinte zudem, dass die Vergangenheit bewiesen habe, dass politisch bedingte Kursrückschläge von den Investoren rasch als Einstiegsmöglichkeit genutzt würden.

Grossbanken, Swatch Group und Lonza führen

Obwohl elf von zwanzig SMI-Titel den Handel im grünen Bereicht beendeten, resultierte ein Verlust. Das lag am grossen Gewicht des Index-Schlusslichts Nestlé (NESN 109.02 -0.31%). Aber auch Novartis (NOVN 94.4 -0.17%) zogen nach unten.

Die beiden Grossbanken bildeten mit Swatch Group (UHR 244.8 -0.97%) und Lonza (LONN 419.6 -0.19%) für einmal die Spitzengruppe im Leitindex, wobei sich UBS etwas besser hielten als Credit Suisse (CSGN 13.39 -1.29%). Die Royal Bank of Canada (RY 109.21 1.12%) hat die Kursziele für die beiden Grossbanken leicht erhöht (UBS) bzw. gesenkt (CS). Beide Aktien werden weiterhin mit «Sector Perform» eingestuft. Alle SMI-Titel notierten zu Beginn noch im roten Bereich, die Abgaben überstiegen aber kaum je 0,5%.

Am stärksten im Minus bei den Blue Chips sind aktuell Schindler (SCHP 233 -0.6%). Beim Lift- und Rolltreppenbauer kommt es bei den dominanten Familienaktionären zu einem Generationenwechsel. (Lesen Sie hier mehr dazu.) Das Ziel, den Familienstatus und den Standort Schweiz im heutigen Umfang langfristig zu sichern, kommt offensichtlich nicht bei allen Investoren gut an. In diesem Zusammenhang äusserte ein Analyst auch die Vermutung, dass die Familienaktionäre auf eine Stimmenmehrheit auf für den Fall abzielen, sollte irgendwann die Einheitsaktie eingeführt werden.

Basilea und Ypsomed gefragt

Im breiten Markt wurden Basilea gegen den Trend deutlich höher gehandelt. Das Biopharmaunternehmen hat ein Update über die Umsatzentwicklung seines Mittels Cresemba publiziert. Auch die Aktien des Medizinaltechnikunternehmens Ypsomed (YPSN 159.2 0.89%) gehören zu den grössten Gewinnern, nachdem die Bank Vontobel (VONN 72.75 -0.75%) sie neu wieder abgedeckt und zum Kauf empfohlen hat. Die Bank sieht das Unternehmen auf einem guten Weg zu einem Turnaround.

Logitech bewegten sich nach einer bestätigten Kaufempfehlung von Goldman Sachs (GS 230.62 -0.91%) nur wenig. Rieter (RIEN 124.3 -0.64%) werden nach einer Abstufung durch Baader Helvea auf «Reduce» deutlich tiefer gehandelt.

Zu den grossen Gewinnern gehörten am Mittwoch auch Molecular Partners (MOLN 23.4 2.86%), zu den Verlierern die Industrietitel Schmolz + Bickenbach (STLN 0.203 0.74%) und Stadler Rail (SRAIL 48.58 -0.74%). Schlatter (STRN 34.6 -1.14%), die sich zunächst noch unter den Tagesgewinnern befanden, verzeichneten schliesslich einen Verlust.

US-Börsen im Plus

Die wichtigsten europäischen Börsen verzeichneten mehrheitlich Gewinne.  Der Dax (DAX 13579.33 -0.62%), der Cac 40 und der Euro Stoxx 50 (Euro Stoxx 50 3800.38 -0.59%) notierten im Plus, während der FTSE-100 in London den Tag auf dem Niveau des Vortages beendete.

Der Preis für Erdöl bewegte sich ähnlich wie der des Goldes: Ein grösserer Preisaufschlag nach Bekanntwerden des iranischen Angriffs baute sich sukzessive ab. Am Nachmittag notierten die Sorten Brent (Brent 58.44 -1.53%) und WTI (WTI 53.4 -0.63%) gar im Minus.

Die US-Börsen eröffneten mit leichten Gewinnen, die sie in den ersten Handelstunden ausbauen konnten. Die wichtigsten Indizes S&P 500 (SP500 3337.75 -1.05%), Nasdaq und Der Dow Jones (Dow Jones 28992.41 -0.78%) lagen alle deutlich im Plus. Die wichtigsten asiatischen Indizes hatten noch im Minus geschlossen.

Iran spricht von achtzig Toten und fordert US-Abzug

Die iranischen Revolutionsgarden feuerten vom Iran aus fünfzehn Raketen auf drei Luftwaffenbasen im Irak ab, auf denen auch US-Soldaten stationiert sind, wie Bloomberg berichtet. Demnach wurden Ayn al-Asad im Westirak, eine Einrichtung in Erbil in den Kurdengebieten im Nordirak sowie die Taji-Luftwaffenbasis bei Bagdad getroffen. Vier Raketen seien abgestürzt, ohne ihr Ziel zu erreichen. Der Angriff gilt als Vergeltung für die Tötung des Top-Generals Kassem Soleimani.

Gemäss US-Behörden kamen keine US-Soldaten zu Schaden. Das iranische Staatsfernsehen behauptete, es seien «achtzig amerikanische Terroristen» getötet worden bei dem Angriff. Ausserdem seien Helikopter und militärische Ausrüstung des US-Militärs schwer beschädigt worden.

Die USA mögen mit der Tötung Soleimanis dem Iran «einen Arm» abgeschnitten haben, sagte der iranische Präsident Hassan Rohani. Aber als Antwort würden die USA ihr Standbein in der Region verlieren. Die iranische Armee fordert erneut den Abzug der US-Truppen aus dem Nahen Osten. «Jetzt, da sie unsere Macht erkannt haben, ist es Zeit für die Vereinigten Staaten, ihre Soldaten aus dem Nahen Osten abzuziehen», sagt Generalstabschef Mohammad Bakeri im Staatsfernsehen.

Beschwichtigungen und Verunsicherung durch Flugzeugabsturz

Neben dem US-Präsidenten bemühten sich aber weitere Akteure darum, die Situation zu beruhigen. Die irakische Armee teilt mit, es gebe keine Opfer unter den heimischen Truppen. Die Produktion in den irakischen Erdölanlagen geht nach Opec-Angaben ungestört weiter. Die Anlagen seien sicher, sagt Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo. Dem Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Suhail al-Masruei, zufolge besteht auch keine unmittelbare Gefahr für die Öltransporte durch die Strasse von Hormus.

Beim Absturz eines ukrainischen Passagierflugzeugs im Iran sind am Mittwoch alle 176 Insassen ums Leben gekommen. Für Verwirrung über die Ursache des Vorfalls sorgte die Ukraine. Deren Botschaft im Iran sprach zunächst von Triebwerksversagen der Maschine vom Typ Boeing (BA 330.38 -1.75%) 737 und schloss «Terrorismus» als Ursache aus. Später zog sie diese Erklärung allerdings zurück, weil die iranischen Behörden darum gebeten hätten. Deren anfängliche Erklärung habe auf lediglich vorläufigen Informationen beruht, sagte ein Botschaftsvertreter. In einer zweiten Stellungnahme hiess es, die Absturzursachen seien nicht ermittelt.

Der Absturz löste unmittelbar Spekulationen aus, ob das Flugzeug im Zuge des eskalierenden Konflikts zwischen dem Iran und den USA von einer Rakete getroffen worden sein könnte. Darauf angesprochen warnte der ukrainische Ministerpräsident Oleksij Hontscharuk vor Schlussfolgerungen, bevor die Ergebnisse einer Untersuchung bekannt seien.

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