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SMI: Lediglich eine technische Erholung

Der Schweizer Aktienmarkt zeigte am Dienstag deutliche Erholungstendenzen. Doch die Verluste des Vortages konnten nicht wettgemacht werden.

(AWP/Reuters) Laut Experten handelt es sich um eine rein technische Erholung, man befinde sich weiterhin in einem Bärenmarkt. «An der Stimmung hat sich nicht viel verändert, der Markt ist weiter von Zurückhaltung geprägt», sagte ein Händler. Es herrsche eine toxische Mischung: Solange der Krieg in der Ukraine weitergehe und solange es in China nach wie vor Lockdowns gebe, seien auch keine grossen Kurssprünge zu erwarten.

Weiter bleibt auch die Zinspolitik im Fokus der Anleger. «Sobald die Zinserhöhungen eingepreist sind, könnte es wieder eine Erholung geben, im Moment ist es aber schwierig», so der Händler. Dass die USA die Leitzinsen erhöht hat und damit der galoppierenden Inflation die Stirn bietet, werde zwar zu fallenden Inflationsraten führen, erklärte ein Händler. So niedrige Teuerungsraten wie in den letzten Jahren seien allerdings passé.

Der SMI (SMI 11'647.17 +1.35%) schloss mit einem Plus von 0,85% bei 11’541,71 Punkten. Am Montag hatte er allerdings 2,44% verloren. Somit hat er die Vortagesverluste noch bei weitem nicht wettgemacht. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, gewann 0,94% auf 1768,60 Punkte und der breite SPI (SXGE 14'941.43 +1.58%) 0,74% auf 14’800,04 Zähler. Nachdem Grün den ganzen Tag lang die vorherrschende Farbe im SLI war, drehten kurz vor Handelsschluss doch noch ein paar Titel in den roten Bereich. Am Ende standen sechs Verlierer 23 Gewinnern gegenüber. Adecco (ADEN 37.15 +4.41%) schlossen unverändert.

Als schlechtester Bluechip ging Alcon (ALC 71.64 +2.64%) mit Verlusten von 1,5% aus dem Handel. Der Augenheilmittelhersteller wird nach Börsenschluss in den USA seinen Quartalsbericht veröffentlichen. Nun seien einige Anleger bereits aus Gründen der Risikominimierung ausgestiegen, sagte ein Händler. Denn es seien im ersten Quartal bereits bei verschiedenen Firmen zwar solide Zahlen, aber ein wenig erfreulicher Ausblick publiziert worden. Davor könnten manche Investoren auch bei Alcon Angst haben und sich von der ehemaligen Novartis-Tochter zurückziehen.

Verluste verzeichneten auch Temenos (TEMN 95.36 +2.91%) und der Nahrungsmittelriese Nestlé (NESN 116.58 +2.05%), der damit den Gesamtmarkt negativ beeinflusste. Aber auch Finanz- und Bankenwerte wie Partners Group (PGHN 1'048.00 +3.40%), Julius Bär (BAER 49.26 +3.23%) und Credit Suisse (CSGN 6.97 +3.20%) gingen mit einem Minus aus dem Handel.

Die anderen Titel konnten allesamt Gewinne zwischen 0,2 und 3,6% einstreichen, wobei vor allem diejenigen gefragt waren, die in den vergangenen Tagen vermehrt abverkauft wurden. Dazu gehörten etwa Straumann (STMN 119.70 +7.55%), die mit einem Plus von 3,6% bei Handelsschluss den SLI anführten, Geberit (GEBN 531.20 +2.75%), die zusätzlich von einer Kaufempfehlung durch Stifel profitierten, oder AMS, die kurz vor Börsenschluss auch noch den Verkauf einer Sparte bekanntgaben.

Weiter Zykliker wie Holcim (HOLN 48.00 +0.82%) oder Schindler (SCHP 196.80 +0.87%) waren ebenfalls gefragt. Ebenso Swiss Re (SREN 80.36 +1.80%). Gleichentags hatte Konkurrentin Munich Re trotz Ukrainekrieg gute Quartalszahlen präsentiert. Mehr als 2% gewannen auch Givaudan (GIVN 3'569.00 +2.71%).

In den hinteren Reihen profitierten Talenthouse (THAG 0.2360 +2.61%) von den starken Umsatzzahlen für das erste Quartal. Swiss Steel waren nach der Vorlage Quartalsergebnisses vorerst gefragt, gingen schlussendlich aber unverändert aus dem Handel.

Auf der anderen Seite des Spektrums schlossen Zur Rose (ROSE 107.30 +4.38%), die stark unter schlechten Neuigkeiten aus Deutschland litten. Gemäss dem Bericht einer Branchenzeitschrift wurde bei der geplanten Einführung des elektronischen Rezepts in Deutschland weiterhin kein konkreter Fahrplan beschlossen.

Verkauft wurden zudem vermehrt auch GAM (GAM 1.03 +7.53%). Gemäss Marktbeobachtern fragt man sich am Markt, ob der Grossaktionär Jörg Bantleon bei GAM nun aussteigt, nachdem seine Vermögensverwaltungsfirma Bantleon nun auf die Bankenlizenz verzichtet. Ebenso verkauft wurden Polypeptide, die neue Tiefstkurse erreichten. Die Anleger haben offenbar Angst vor einer Platzierung weiterer Aktien durch den Ankeraktionär.

US-Indizes fallen auf Jahrestiefs

Die Wall Street bricht ihren Erholungsversuch ab. Die Leitindizes Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 fallen nach anfänglichen Gewinnen um jeweils ein halbes Prozent. Mit 32’085,29 Punkten, 11’570,48 Zählern und 3970,95 Stellen notieren sie so niedrig wie zuletzt vor mehr als einem Jahr. «Erholungen werden von Investoren genutzt, um Bestände an Risikopapieren abzubauen, was wiederum neue Verkaufslawinen auslöst – ein typisches Merkmal von Rallys in einem Bärenmarkt», sagt Analyst Konstantin Oldenburger vom Online-Broker CMC Markets (T8Q 3.52 +1.73%). «Die meisten Anleger sind noch nicht bereit, Aktien wieder auf höheren Niveaus zu kaufen, da ihr Vertrauen in die Wirtschaft und das Gewinnwachstum der Unternehmen in den vergangenen Wochen zerstört wurde.»

Euro bewegt sich zum US-Dollar wenig

Der Euro hat sich am Dienstag weiter über 1,05 $ gehalten. Am Nachmittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,0535 $. Sie notierte damit nur leicht über dem Niveau vom Morgen.

Zum Franken hat sich der Euro wieder unter die Marke von 1,05 zurückbewegt und notierte zuletzt bei 1,0470 und somit wieder fast auf dem Vortagesniveau. Das USD/CHF-Paar entfernt sich in der Zwischenzeit wieder etwas weiter von der Paritätslinie. Zuletzt notierte es bei 0,9938 Fr.

Der Euro bewegt sich zum Dollar seit Anfang Mai ungefähr auf dem aktuellen Niveau. Zuvor war er merklich unter Druck geraten und Ende April auf ein Fünfjahrestief gefallen. Vor allem die erwarteten Zinserhöhungen in den USA stützten den Dollar. Es zeichnet sich jetzt aber zunehmend auch eine Zinswende in der Eurozone ab. Allerdings dürfte die EZB die Zinsen vorsichtiger als die US-Notenbank anheben.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sprach sich für eine mögliche Zinserhöhung im Sommer aus. «Und wenn sowohl die eingehenden Daten als auch unsere neue Projektion diese Ansicht im Juni bestätigen, werde ich für einen ersten Schritt zur Normalisierung der EZB-Zinsen im Juli plädieren», sagte Nagel bei einer Veranstaltung in Eltville. «Da die Inflation im Euroraum weiter hoch ist, müssen wir handeln.»

Die Aussagen von Nagel bewegten den Devisenmarkt jedoch nicht, da EZB-Direktoriumsmitglieder wie Fabio Panetta und Isabel Schnabel sich schon ähnlich geäussert hatten. Derweil stützten auch besser als erwartet ausgefallene Konjunkturdaten aus Deutschland den Euro nicht. So haben sich die Konjunkturerwartungen des Mannheimer Forschungsinstituts ZEW im Mai auf niedrigem Niveau aufgehellt. Die Beurteilung der Lage trübte sich hingegen zum dritten Mal seit Beginn des Ukraine-Kriegs ein.

«Die Finanzmarktanalysten dürften zumindest etwas erleichtert darüber sein, dass aus Russland weiterhin Gas fliesst», schreibt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank (VPBN 93.20 +2.87%). Allerdings verharrten die Konjunkturerwartungen auf Niveaus, die nach wie vor auf eine bevorstehende Rezession schliessen liessen. Die Industrie sei von den Lockdowns in China weiter «schwerwiegend» betroffen. «Gleichzeitig ist immer deutlicher absehbar, dass die hohen Teuerungsraten den Verbraucher belasten.»

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,85595 (0,85235) britische Pfund und 137,38 (138,10) japanische Yen fest.

Die Feinunze Gold kostete am Nachmittag in London 1859 $. Das waren 5 $ mehr als am Vortag.

Ölpreise erneut unter Druck

Die Ölpreise haben am Dienstag an ihre Vortagsverluste angeknüpft. Am späten Nachmittag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 103,68 $. Das waren 2,30 $ weniger als am Montag. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 114.32 +3.20%)) fiel um 2,19 $ auf 100,89 $. Das geplante Transportverbot von russischem Öl ist nach Angaben aus EU-Kreisen vorerst nicht mehr Teil des geplanten Sanktionspakets gegen Russland. Es sei weitere Koordination auf internationaler Ebene und in der G7-Gruppe nötig, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur von Diplomaten.

Die Diskussionen um das geplante EU-Sanktionspaket drehen sich seit Tagen im Kreis. Schon zu Wochenbeginn hatten die Erdölpreise nachgegeben. Händler verwiesen auf Schwierigkeiten innerhalb der Europäischen Union, sich auf ein Embargo russischen Rohöls zu einigen. Insbesondere Ungarn blockiert ein vorgeschlagenes Embargo gegen russische Öl-Importe und fordert weitgehende Ausnahmen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kehrte am Montag ohne handfeste Ergebnisse von Gesprächen mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orban zurück.

Der zweite Belastungsfaktor für die Ölpreise ist die strikte Corona-Politik Chinas. Seit Wochen versucht die politische Führung, die Verbreitung des Virus mit strengen Ausgangssperren zu verhindern. Die Wirtschaft des Landes leidet unter dem Vorgehen, das auch in Millionenmetropolen wie Shanghai die Abriegelung weiter Teile vorsieht. Die Energienachfrage der Volksrepublik wird dadurch erheblich in Mitleidenschaft gezogen, was auf den Erdölpreisen lastet.

Bitcoin auf Erholungskurs

Die Kryptowährungen Bitcoin verteuerte sich um 1,1% auf 31’283 $, nachdem die Cyber-Devise im Sog des allgemeinen Ausverkaufs an der Börse erstmals seit zehn Monaten unter die Marke von 30’000 Dollar gefallen war. Da Kryptowährungen von institutionellen Anlegern aber wie Technologiewerte behandelt würden, müsse allerdings in turbulenten Phasen jederzeit mit einem erneuten Ausverkauf gerechnet werden, sagte Analyst Timo Emden von Emden Research.