Märkte / Aktien

SMI grenzt Verluste bis Börsenschluss ein

Am Schweizer Aktienmarkt haben am Donnerstag über lange Zeit die negativen Vorzeichen dominiert.

(AWP/Reuters) Kurz vor Handelsschluss setzte der SMI (SMI 11'308.98 0.00%) aber zu einem Erholungssprung an. Schliesslich schloss der hiesige Leitindex nur noch leicht im Minus. Als hilfreich erwies sich eine zaghafte Stabilisierung an der US-Technologiebörse Nasdaq im dortigen frühen US-Handel. Die Bärenmarktstimmung habe sich zwar verfestigt, doch es gebe immer auch Wahrscheinlichkeiten für eine Gegenbewegung, sagte ein Börsianer. Fundamental gebe es allerdings keinen Grund, einen Richtungswechsel an der Börse zu erwarten. Und auch die Volatilität dürfte hoch bleiben, sagte er.

Denn das Problem für den Aktienmarkt bestehe weiter darin, dass die Unternehmen aufgrund steigender Kosten ihre Preise anheben müssten. «Dies führt zu einer stärkeren Konsumenteninflation in den USA, die die dortige Notenbank unter Druck setzt, die Zinssätze schneller anzuheben, mit Risiken für das Wirtschaftswachstum.» Die Gesamtauswirkungen der hohen Inflation in den USA, aber auch in der Eurozone, blieben damit ein grosses Problem für die Börse. Den Aktienmärkten stehen im Zuge der Anpassung an die Zinserhöhungen der US-Notenbank höchstwahrscheinlich noch einige schwierige Monate bevor.

Der SMI verlor schliesslich 0,41% auf 11’506,13 Punkte. Kurzzeitig war der Leitindex unter die 11’300er Marke gerutscht. Er machte somit im Tagesverlauf etwa 200 Indexpunkte gut. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind, verlor schliesslich 0,32% auf 1780,77 Punkte und der breite SPI (SXGE 14'530.44 +0.16%) gab 0,41% auf 14’781,05 Zähler nach. Schliesslich hielten sich im SLI die Gewinner und Verlierer in etwa die Waage.

Die meisten Verlierer konnten ihre Verluste im Tagesverlauf deutlich eingrenzen, so auch die Papiere von Richemont (CFR 91.76 -13.11%), doch war ihr Minus auch bei Handelsschluss noch deutlich. Die Papiere hatten allerdings am Vortag zu den grössten Gewinnern gehört. Noch grössere Verluste mussten im SLI einzig Sonova (SOON 323.20 +1.83%) hinnehmen. Der Hörgerätehersteller präsentiert kommende Woche seine Zahlen für 2021/22.

Als Klotz am Bein des SMI erwiesen sich ausserdem die Genussscheine von Roche GS (ROG 319.70 +0.88%). Gleich zwei Kurszielsenkungen von Analysten machten im Nachgang zur Enttäuschung vom Vortag in Bezug auf schlechte Studiendaten den Papieren zu schaffen.

Ebenfalls klar im Minus schlossen auch Alcon (ALC 70.30 +1.12%), die am Vortag nach starken Quartalszahlen allerdings durch die Decke gegangen waren.

Oben auf den Verkaufslisten standen zudem Straumann (STMN 116.15 +2.02%) oder auch Partners Group (PGHN 1'000.00 +0.77%). Beide Papiere haben im bisherigen Jahresverlauf bereits überdurchschnittlich an Wert eingebüsst.

Neben Partners Group fielen auch die übrigen Bankaktien wie Credit Suisse (CSGN 6.58 +0.83%), UBS (UBSG 17.23 +1.03%) oder Julius Bär (BAER 45.87 +0.26%) mit Abgaben von bis zu 1,4% auf. Uneinheitlich präsentierte sich die Lage hingegen bei den Versicherern. Während Swiss Life (SLHN 537.80 +0.67%) Verluste verzeichneten gewannen Zurich Insurance (ZURN 432.20 -0.39%) und Swiss Re (SREN 78.96 -0.10%) stark hinzu. Bei Zurich hatten Analysten den Zwischenbericht für die ersten drei Monate positiv bewertet.

Die Papiere von Logitech (LOGN 56.96 -0.21%) gaben aufgrund der negativen US-Vorgaben am Vormittag deutlich nach, liessen sich am Nachmittag von der positiven Eröffnung an der Nasdaq jedoch wieder ins Grüne Territorium hieven.

Zu den grössten Gewinnern gehörten daneben Kühne + Nagel (KNIN 254.10 +1.84%), Givaudan (GIVN 3'508.00 +0.83%) oder die Papiere der schwergewichtigen Novartis (NOVN 86.70 +1.18%). Nestlé (NESN 113.20 -0.16%) schlossen kaum verändert.

In der zweiten Reihe standen Evolva (EVE 0.1020 +3.03%) und Zur Rose (ROSE 108.00 +2.08%) an der Spitze. Bei Zur Rose wirkte sich ein Bericht über einen definitiven Fahrplan zur Einführung des E-Rezepts positiv aus.

Negativ fielen etwa Swissquote (SQN 121.20 +1.51%) mit zeitweise prozentual zweistelligen Abgaben auf. Hier verwiesen Marktteilnehmer auf die Entwicklung bei den Kryptowährungen. So sackte der Bitcoin erneut ab und erreichte den tiefsten Stand seit Ende 2020.

Rieter (RIEN 118.20 -1.99%) schlossen leicht im Minus, obwohl bekannt wurde, dass Stadler-Patron Peter Spuhler seinen Anteil am Unternehmen um 3% erhöht hat.

USA: Kursrutsch dauert an

Der Ausverkauf an den US-Börsen hat sich am Donnerstag fortgesetzt. Wie schon am Vortag traf es den Technologiesektor härter als die Aktien der «Old Economy». Der von Technologieunternehmen dominierte Nasdaq 100 (NDX 11'875.63 -0.44%) büsste im frühen Handel weitere 0,83% auf 11’869 Punkte ein. Seit Jahresbeginn beläuft sich der Verlust des Index nunmehr auf rund 27%. Vor allem die steigenden Kapitalmarktzinsen lassen die Investoren Tech-Aktien verkaufen.

Der Leitindex Dow Jones Industrial gab um weitere 0,57% auf 31’652 Zähler nach. Er fiel auf den tiefsten Stand seit Anfang März vergangenen Jahres. Seit Jahresbeginn hat sich der Rücksetzer auf rund 13% ausgeweitet. Für den marktbreiten S&P 500 ging es am Donnerstag um 0,54% auf 3914 Punkte abwärts.

Die Verluste an den Aktienmärkten rühren vor allem von der grossen Unsicherheit, wie rasch und wie stark die US-Notenbank Fed die Leitzinsen anheben wird. «Es gibt die Befürchtung, dass der Leitzinsanstieg zu rasch erfolgen und die Wirtschaft dadurch in eine Rezession gestürzt wird», schrieb Volkswirt Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank. Die Konjunkturdaten aus den USA gäben zwar noch keinen Anlass zur Sorge. Der jüngste Einbruch an den Aktienmärkten könne aber «als Hinweis gedeutet werden, dass die Anleger schlechtere Zeiten erwarten und daher Aktien verkaufen».

Im Dow gerieten erneut Tech-Aktien wie Apple , Microsoft und Intel unter Druck. Apple-Aktien fielen auf den tiefsten Stand seit Mitte Oktober vergangenen Jahres. Sie waren am Vortag vom saudi-arabischen Ölkonzern Saudi Aramco als wertvollstes Unternehmen der Welt abgelöst worden. Der wichtige iPhone-Zulieferer aus Taiwan Foxconn musste seine Produktion im chinesischen Shenzen aussetzen, da derzeit in China die Corona-Inkfektionszahlen steigen und die Regierung weitgehende Lockdown-Massnahmen ergriffen hat. Berichten zufolge soll auch der Apple-Zulieferer Unimicron die Produktion ausgesetzt haben.

Eine Studie der US-Bank Wells Fargo (WFC 41.07 -2.21%) lastete auf den Papieren von GM und Ford (F 9.62 -1.23%) . GM büssten 5,4% ein und Ford 3,8%. Analyst Colin Langan argumentierte, dass die Produktionskosten für Elektrofahrzeuge stark steigen dürften. So verteuerten allein die höheren Rohstoffpreise die Gesamtkosten eines Fahrzeugs des Modells «Silverado» um geschätzte 12’600 $. Die Papiere des E-Auto-Produzenten Tesla fielen um 3,1%.

Unter Druck standen auch die Papiere des Fleischersatzproduzenten Beyond Meat . Hier enttäuschten die Quartalszahlen des Unternehmens. Der Aktienkurs rutschte vorübergehend unter den Ausgabepreis von 25 $. Vor gut drei Jahren hatte Beyond Meat den Sprung aufs Börsenparkett gewagt – zwischenzeitlich hatte sich der Wert der Anteilscheine fast verzehnfacht.

US-Dollar/Franken zwischenzeitlich über Parität

Die Erwartungen weiterer kräftiger Leitzinsanhebungen in den USA haben den Dollar gestützt. In der Folge hat der das USD/CHF-Paar kurzzeitig die Parität überschritten. Derzeit notiert der Dollar mit 0,9999 Fr. knapp unter der Parität.

Diese Marke wurde zuletzt im November 2019 überschritten. Im Mittagshandel kostete der Dollar noch 0,9961 Fr. Der Euro wird zu derweil praktisch unverändert gegenüber am Mittag zu 1,0403 Fr. gehandelt. Im Tief notierte die Gemeinschaftswährung am Nachmittag mit 1,0361 Fr. deutlich unter der Marke von 1,04.

Zum Dollar ist der Euro am Donnerstag dafür kurzzeitig unter die Marke von 1,04 gerutscht und hat damit den tiefsten Stand seit fünf Jahren erreicht. Im Tief kostete die Gemeinschaftswährung 1,0384 $ und damit so wenig wie seit Anfang 2017 nicht mehr. Am späten Nachmittag liegt der Euro bei 1,0401 $. Am Morgen hatte der Euro noch über 1,05 $ notiert.

In den USA hat sich der Preisauftrieb auf Herstellerebene zwar etwas abgeschwächt, allerdings von sehr hohem Niveau aus. Die Produzentenpreise stiegen im April laut Arbeitsministerium gegenüber dem Vorjahresmonat um 11,0%. Der Anstieg im März von 11,5% war noch der höchste Anstieg seit Erhebungsbeginn im Jahr 2010 gewesen. Analysten hatten im April einen stärkeren Rückgang erwartet.

Angesichts der hohen Inflation hat das Fed seinen Leitzins in der vergangenen Woche zum zweiten Mal in Folge und merklich angehoben. Es hat zudem weitere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt. Die Inflationsrate hatte sich im April nur leicht abgeschwächt und lag weiter über 8%. Höhere Zinsen machen eine Währung für Anleger attraktiver. Der Dollar legte daher zu vielen Währungen zu.

Der Euro leidet zudem unter einer gestiegenen Verunsicherung. So wachsen die Sorgen um die Gasversorgung in Europa. Die früheren ausländischen Töchter des russischen staatlichen Energiekonzerns Gazprom (OGZPY 1.10 -46.60%) in Deutschland wurden vom Kreml nun komplett vom Gashandel mit Russland ausgeschlossen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hält die Auswirkungen der von Russland verhängten Sanktionen zwar für «überschaubar». Weitere russische Energiesanktionen würden Europa jedoch aufgrund seiner starken Abhängigkeit stärker treffen als die USA.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,85293 (0,85393) britische Pfund und 133,85 (137,07) japanische Yen fest.

Ölpreise legen zu

Die Ölpreise haben am Donnerstag nach anfänglichen Kursverlusten zugelegt. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 108,49 $. Das waren 98 Cent mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 112.09 +2.63%)) stieg um 1,42 $ auf 107,13 $.

Die Verunsicherung an den Märkten bleibt hoch. Zunächst waren die Ölpreise noch unter Druck geraten. Neue Corona-Infektionen in der chinesischen Metropole Shanghai haben Hoffnungen auf eine baldige Lockerung der strengen Virus-Beschränkungen einen Schlag versetzt. Die scharfe Corona-Politik der chinesischen Führung belastet das Wirtschaftswachstum und damit die Erdölnachfrage der Volksrepublik.

Im weiteren Tagesverlauf rückten jedoch die Folgen des Ukraine-Kriegs in den Blick. So ist der europäische Erdgaspreis (TTF) um rund 13% gestiegen. «Offenbar bestehen Sorgen, dass die Gaslieferungen über die Ukraine weiter eingeschränkt werden könnten», kommentierte Commerzbank-Experte Carsten Fritsch. «Möglicherweise versucht die Ukraine, Druck auf Ungarn auszuüben, dem EU-Ölembargo gegen Russland zuzustimmen.»

Zudem ist am Donnerstag nach den von Russland verhängten Sanktionen gegen ehemalige Tochtergesellschaften von Gazprom der Gas-Transit durch die Ukraine nach Europa nochmals gefallen. Bereits am Vortag war er gesunken, weil die Ukraine kriegsbedingt einen Strang durch die umkämpfte Region Luhansk geschlossen hatte. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hält die Auswirkungen der von Russland verhängten Sanktionen zwar für «überschaubar». Weitere russische Energiesanktionen könnten jedoch zu Engpässen führen.

Panik am Markt für Kryptowährungen

Der Kryptowährungsmarkt wird von den mit Inflationssorgen geplagten Finanzmärkten in den Abgrund gerissen. Die «Krypto-Leitwährung» Bitcoin fällt auf den tiefsten Stand seit Ende 2020.

«Krypto-Anleger stehen vor einem Scherbenhaufen», fasst der Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar von RoboMarkets die Lage zusammen. Dies zeige sich unter anderem eindrucksvoll an der Kursentwicklung der Aktie der US-Krypto-Börse Coinbase.

Der Kurs verlor seit November vergangenen Jahres mehr als 80% an Wert und notiert aktuell bei etwas über 50 $. Beim in der Krypto-Szene gross gefeierten Börsendebüt des Konzern im April 2021 startet die Aktie mit knapp 370 $.

Damals sahen viele Krypto-Anleger den Gang von Coinbase aufs Börsenparkett als Zeichen für die Ankunft von Kryptowährungen im Finanzmainstream. Im Rückblick könnte indes gerade diese breit Adaption nun zum Verhängnis werden. Krypto-Assets inklusive der lange als «digitales Gold» gehandelte Bitcoin werden massenhaft abgestossen. Das Narrativ des Bitcoin als Inflationsschutz ist vorerst sicherlich ausgeträumt.

Erschwerend hinzu für Krypto-Investoren kommt der Zusammenbruch des Stablecoins TerraUSD, kurz UST. Die ursprünglich an den $ gebundene und durch einen Algorithmus gesteuerte Blockchain-Devise der Terra Fundation, welche die ebenfalls kollabierte Kryptowährung LUNA entwickelte, fiel am Mittwoch kurzzeitig unter die Marke von 30 US-Cents. «Das Vertrauen in diesem Markt scheint endgültig zerstört», konstatiert Molnar.

Die Marktkapitalisierung von UST ist von über 18 Mrd. $ auf nun mehr noch 7,5 Mrd. $eingebrochen. Auch Verkäufe von hinterlegten Sicherheiten durch die Terra Fundation vermochten die Anbindung an den Dollar bisher nicht wieder herzustellen.

Am Donnerstag machte sich nun auch Panik um den Wertverlust von weiteren Stablecoins im Markt breit. Der grösste und mit über 170 Mrd. kapitalisierte Stablecoin Tether drohte kurzeitig ebenfalls das «De-Pegging» zum Dollar.

Nicht in die Unkenrufe mit einstimmen wollen derweil die Experten der DZ Bank: «Untergangsstimmung ist trotz der Verluste nicht angebracht», heisst es in einem aktuellen Kommentar. «Die überzeugte Community und engagierte Unternehmen dürften am Bitcoin festhalten», lautet die Prognose. Darüber sind sich auch weitere Marktbeobachter einig.

Viele der in den letzten Jahren entstandenen Projekte dürften die Marktbereinigung zwar nicht überleben und auch der Bitcoin dürfte eine schwere Zeit vor sich haben. Die älteste und bekannteste Kryptowährung sei aber gekommen, um zu bleiben, betonen Marktbeobachter.

Vorerst legt der Abwärtstrend indes keine Verschnaufpause ein: Der Bitcoin fiel auf der Handelsplattform von Coinbase auf 25’338 $ zurück und markierte damit den tiefsten Stand seit Ende 2020. Allein in der letzten Woche hat der Bitcoin damit knapp ein Drittel seines Werts eingebüsst.

Auch andere Blockchain-Werte gaben weiter nach. Die nach dem Bitcoin zweitgrösste Kryptowährung Ether fiel deutlich unter die Marke von 2000 $. Ether hat seit Jahresbeginn etwa die Hälfte seines Werts verloren. Der Marktwert aller auf CoinGecko aufgeführten Kryptowährungen beträgt derzeit noch rund 1,26 Bio. $. Im November vergangenen Jahres erreichte der Markt einen neuen Rekordwert von fast 3 Bio. $.