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SMI: Technische Erholung vor Zinsentscheidungen

Nach Tagen fallender Kurse ist es am Schweizer Aktienmarkt zur Wochenmitte wieder einmal nach oben gegangen.

(AWP/Reuters) Der Leitindex SMI (SMI 10'823.12 +3.54%) legte zwar auf breiter Front zu, schloss aber unter dem Tageshoch. Nach den massiven Verlusten sei der Markt mehr als reif für eine technische Gegenbewegung gewesen, hiess es. Händler beschrieben das Geschäft vor den mit Spannung erwarteten Zinsbeschlüssen der US-Notenbank Fed und der Schweizerischen Nationalbank aber als von Vorsicht geprägt. Die meisten Investoren hätten sich an die Seitenlinien zurückgezogen.

Wegen der hohen Inflation in den USA erwarteten viele Marktteilnehmer ein entschlosseneres Vorgehen vom Fed und rechneten mit einer Zinserhöhung um bis zu 75 Basispunkte. Im Mai war die Inflationsrate mit 8,6% auf einen rund 40-jährigen Höchststand geklettert. Das Fed sollte alles daran setzen, die Inflation möglichst rasch zu bekämpfen, auch wenn das bedeute, dafür einen Teil des Wachstums zu opfern, kommentierte ein Marktteilnehmer. Es sei wichtig, dass die Marktteilnehmer sähen, dass das Inflationsgespenst konkret und zielstrebig angegangen werde. Für eine Überraschung sorgte zudem die EZB. An einer Sitzung wurde über die aktuellen Marktbedingungen – der überdurchschnittlich starke Anstieg der Renditen in den Peripherieländern – gesprochen. Die EZB will nun Gelder aus dem Ende März ausgelaufenen Corona-Notkaufprogramm PEPP besonders flexibel einsetzen.

Der SMI schloss nach einem Tageshoch bei 10’850 Punkten noch um 0,79% höher bei 10’783,59 Punkten. Im frühen Handel war der Leitindex gar kurzzeitig ins Minus gerutscht. Der SLI, in dem die 30 wichtigsten Aktien enthalten sind und in dem die Gewichtung der Schwergewichte stärker gekappt ist, rückte um 1,17%auf 1673,90 und der breite SPI (SXGE 13'945.94 +3.37%) um 0,77% auf 13’870,29 Zähler vor. 25 SLI-Titel zogen an und vier gaben nach. Swisscom (SCMN 522.40 +1.67%) waren unverändert.

An die Spitze der Gewinner setzten sich Temenos (TEMN 84.84 +4.79%). Händler begründeten den Kurssprung mit einer Gegenbewegung nach den massiven jüngsten Verlusten. Auch Deckungs- und spekulative Käufe dürften dem Hersteller von Banksoftware Auftrieb gegeben haben. Ausserdem punktete Temenos mit dem Gewinn eines Kunden in den USA.

Dahinter folgten weitere Werte mit Bezug zur Finanzindustrie: Die Aktien der Versicherer Swiss Life (SLHN 472.00 +2.56%), Zurich und Swiss Re (SREN 75.12 +2.96%), die Aktien des Vermögensverwalters Julius Bär (BAER 45.26 +5.08%) und Partners Group (PGHN 895.00 +3.76%) zogen zwischen 1,7% und 3,2% an. Bei Julius Bär sorgte laut Händlern auch die Hoffnung auf eine höhere Dividende für Kursgewinne. Während bei den Grossbankenwerten UBS  gesucht waren, verharrten Credit Suisse (CSGN 5.72 +5.15%) in der Nähe des kürzlich erreichten Rekordtiefs von 5,79 Franken.

Gekauft wurden auch Aktien zyklischer Unternehmen, die seit einiger Zeit Konjunktursorgen gelitten hätten. So reihten sich Adecco (ADEN 33.86 +1.83%), Holcim (HOLN 43.72 +1.86%), ABB (ABBN 25.46 +1.96%) und Sika (SIKA 227.30 +3.08%) mit einem Kursplus von 1,5% bis 2,7% bei den Gewinnern ein.

Die arg gebeutelten AMS Osram (AMS 9.33 +4.10%) gewannen 2,9%. Der Technologiekonzern verkauft den Bereich Digital Systems an den chinesischen Inventronics-Konzern. Die beiden Uhrenherstellertitel Swatch  und Richemont (CFR 102.15 +4.28%) waren dank besser als erwartet ausgefallenen Konjunkturdaten aus China stark.

Dass der SMI, was den prozentualen Anstieg anbelangte, hinter seinen europäischen Pendants Dax, Cac-40 oder FTSE 100 hinterher hinkte, lag vor allem am Schwergewicht Nestlé (NESN 111.64 +2.91%). Auch Roche GS (ROG 318.80 +4.08%) und Novartis (NOVN 80.60 +3.03%) hinkten dem Markt hinterher. Für den Augenheilkunde-Konzern Alcon (ALC 66.14 +2.16%) und Kühne + Nagel (KNIN 226.10 +3.76%) ging es leicht abwärts.

Auf den hinteren Reihen waren Clariant (CLN 17.72 +4.11%) nach Zahlen etwas höher. U-Blox und Feintool gewannen nach Analystenkommentaren. Das Gegenstück bildeten Autoneum-Aktien nach einer Gewinnwarnung mit -3,0%. In ihrem Sog fielen Klingelnberg (KLIN 14.50 -0.68%) um 0,6%.

US-Börsen: Kurse erholen sich etwas vor Zinserhöhung

Vor einer erwarteten deutlichen Zinserhöhung der US-Notenbank Fed haben die Aktienkurse am Mittwoch an den US-Börsen zugelegt. Nach fünf verlustreichen Börsentagen in Folge stieg der Dow Jones Industrial im frühen Handel um 1,26% auf 30’747 Punkte. Eine hohe Inflation, steigende Zinsen an den Kapitalmärkten und daraus resultierende Rezessionssorgen hatten die Märkte zuletzt belastet.

Was die Eröffnungsgewinne wert sind, wird sich wohl erst zwei Stunden vor Handelsschluss zeigen, wenn die Fed das Ausmass der allgemein erwarteten neuerlichen Zinserhöhung bekannt gibt. Als ausgemacht gilt, dass die Notenbanker den Leitzins um mindestens 0,5% erhöhen. Banken wie JPMorgan und Goldman Sachs (GS 302.75 +5.79%) rechnen inzwischen aber sogar mit einem 0,75-Punkte-Schritt, und selbst ein voller Prozentpunkt wird nicht ausgeschlossen.

Der marktbreite S&P 500 stieg um 1,47% auf 3791 Zähler. Der technologielastige Nasdaq 100 (NDX 12'105.85 +3.49%) erholte sich um 1,77% auf 11’513 Punkte.

Die hohe Inflation in den USA bringt die Zentralbank zu einem immer entschlosseneren Vorgehen. Hatten viele Fachleute damit gerechnet, dass sich die Teuerung etwa gegen Jahresmitte wieder etwas abschwächen dürfte, ist zuletzt das Gegenteil eingetreten. Im Mai stieg die Inflationsrate auf 8,6% und damit auf einen rund 40-jährigen Höchststand. Analysten hatten dagegen mit einer leichten Abschwächung gerechnet.

Unter den Einzelwerten fielen Boeing (BA 141.53 +5.64%) mit einem Kursplus von gut 5% auf. Damit führten sie wie schon am Vortag die Gewinner im Leitindex Dow an. Händler begründen die Gewinne vor allem mit dem sehr schwachen Abschneiden in den vergangenen Monaten. Seit dem Jahreshoch der Aktien Mitte Januar hatte sich der Kurs halbiert.

Papiere von Citigroup (C 47.86 +3.26%) gewannen 2,5%. Die Investmentbank prognostizierte, dass die Umsätze im Handel mit Wertpapieren im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Viertel zulegen dürften.

Die Anteile von Boston Scientific (BSX 38.02 +2.92%) gewannen fast 4%. Der an der Börse mit 52 Milliarden US-Dollar bewertete Medizintechnikhersteller übernimmt die Mehrheit an der südkoreanischen M.I.Tech, die unter anderem Produkte zur Hautglättung produziert.

Euro gibt im Verlauf Kursgewinne wieder ab

Der Euro hat am Mittwoch im Handelsverlauf deutliche Kursgewinne wieder abgegeben. Zuletzt kostet die Gemeinschaftswährung 1,0411 $ und ist damit etwa auf dem Niveau vom Vortag. Am Vormittag war der Euro noch zeitweise über die Marke von 1,05 $ gestiegen.

Auch zum Franken hat der Euro etwas an Wert verloren. Das EUR/CHF-Währungspaar wird derzeit mit 1,0418 Franken tiefer als am Morgen gehandelt. Der Dollar hat sich zum Franken dagegen kaum bewegt und kostet mit 1,0006 Fr. praktisch gleich viel.

Am Devisenmarkt stellt sich am Vortag der mit Spannung erwarteten SNB-Sitzung immer mehr die Frage, wie hoch der Franken eigentlich bewertet ist. Nachdem die SNB (SNBN 6'580.00 -0.30%) mantramässig in den vergangenen Jahren von einer sehr hohen oder zumindest hohen Bewertung der heimischen Währung gesprochen hatte, gibt es jetzt sogar Anzeichen, dass der Franken zum Euro unterbewertet sein könnte.

So hat die UBS (UBSG 16.00 +6.03%) in einer Studie berechnet, dass der faire Wert von EUR/CHF (EUR/CHF 1.0111 +0.01%) gemessen an der Kaufkraftparität wegen der hohen Inflationsunterschiede in den letzten Jahre mittlerweile bei 0,99 liegt (gegenüber 1,20 vor der Pandemie). Dabei beziehen sich die Ökonomen der Bank allerdings vor allem auf die Inflationsunterschiede gemessen an den Produzentenpreisen.

Der Euro hatte vorübergehend von der Nachricht Auftrieb erhalten, dass die EZB am Mittwoch eine Sondersitzung abhalten wollte. Der EZB-Rat sprach über die aktuellen Marktbedingungen. Hintergrund ist der starke Anstieg der Kapitalmarktzinsen, der besonders kräftig in südeuropäischen Ländern wie Italien ausfällt. An den Finanzmärkten hat dies Sorgen um die finanzielle Solidität hoch verschuldeter Länder geweckt.

Der Euro gab seine Gewinne jedoch wieder ab, nachdem die EZB die Ergebnisse der Gespräche veröffentlicht hatte. Die Notenbank will frei werdende Gelder aus dem Corona-Notkaufprogramm Pepp besonders flexibel einsetzen. Zudem soll die Fertigstellung eines neuen Kriseninstruments beschleunigt werden. Die Anleger hatten sich wohl konkretere Aussagen erhofft.

Die Blicke richten sich am Abend ganz auf die US-Notenbank Fed, die angesichts der hohen Inflation eine weitere Zinserhöhung beschliessen dürfte. Experten rechnen mindestens mit einer Anhebung um 0,5 Prozentpunkte. Aber auch ein noch stärkerer Zinsschritt wird zunehmend für möglich gehalten. Derzeit liegt der Leitzins in einer Spanne von 0,75 bis 1,0 Prozentpunkten. Eine deutlichere Leitzinserhöhung dürfte den Dollar stützen.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,86328 (0,86578) britische Pfund und 140,49 (140,62) japanische Yen fest.

Ölpreise geben nach – IEA warnt vor knappem Angebot

Die Ölpreise sind am Mittwoch bis zum Mittag gefallen. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 119,68 $. Das waren 1,49 $ weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI (WBS 117.46 +2.28%)) fiel um 1,65 $ auf 117,28 $.

Für Belastung am Markt sorgte die Erwartung einer strafferen US-Geldpolitik. Am Mittwochabend dürfte die Federal Reserve ihren Kampf gegen die hohe Inflation mit einer deutlichen Zinsanhebung fortsetzen. Analysten erwarten eine Straffung um 0,5 Prozentpunkte, die Finanzmärkte setzen auf einen grösseren Schritt um 0,75 Punkte. Höhere Zinsen bremsen die Wirtschaft und damit den Ölverbrauch.

Die Internationale Energieagentur IEA warnte unterdessen vor einem nicht ausreichenden Ölangebot im kommenden Jahr. Die westlichen Sanktionen gegenüber Russland sorgen schon seit einiger Zeit für ein knappes Angebot. In diesem Jahr geht die IEA jedoch davon aus, dass sich auch die Nachfrage abschwächt, was den Ölmarkt ins Gleichgewicht bringe.

Schon seit längerem wird die Erdölnachfrage durch die strikte Corona-Politik Chinas belastet. Am Mittwoch sorgten Konjunkturdaten aus der Volksrepublik aber für etwas Zuversicht. Produktionsdaten aus der Industrie und Umsatzzahlen aus dem Einzelhandel fielen etwas besser aus als erwartet. Auch die Investitionsneigung der Unternehmen überraschte leicht positiv. China ist einer der grössten Ölverbraucher der Welt.

Talfahrt bei Kryptowährungen hält an

Der Kryptowährungsmarkt befindet sich weiterhin auf Talfahrt. Im Sog der Finanzmärkte verlieren Bitcoin und Co. zur Zeit massiv an Wert. Neben Zins-, Rezessions- und Inflationssorgen, die auch den Börsen zusetzen, kämpft der Kryptowährungsmarkt indes mit «hausgemachten» Problemen.

Am Mittwochmittag notiert der Bitcoin-Kurs auf der Handelsplattform Bitstamp bei 20’400 $. Das ist ein weiteres Minus von über 10% zum Vortag und der tiefste Stand seit eineinhalb Jahren. Alleine im Verlauf der letzten sieben Tage büsste die «Krypto-Leitwährung» damit rund einen Drittel an Wert ein. Die Marktkapitalisierung ist zur Berichtszeit unter die Marke von 400 Mrd. $ gerutscht. Die Kapitalisierung des Gesamtmarktes beträgt gerademal noch 914 Mrd.

Zur Erinnerung: Im November 2021 wurden Bitcoins für mehr als 60’000 $ pro Einheit gehandelt. Der Gesamtwert aller bisher «geschürften» Bitcoins betrug damals über 1,2 Bio. $. Der Gesamtmarkt war über 3 Bio. schwer.

Denn im Rest des Kryptowährungsmarkts sieht es nicht besser aus: Laut einer Auswertung des Datenportals Coingolive sind von den knapp 13’000 ausgewerteten Kryptowährungen deren 12’763 mindestens 90% weniger Wert als vor einem halben Jahr.

Seither haben sich im Kryptomarkt Billionen an Dollar in Luft aufgelöst. Denn auch andere Kryptoanlagen wie die Nummer zwei am Markt, Ether, ist bis auf 1030 $ abgesackt und damit auf den tiefsten Stand seit Anfang 2021. Im Herbst 2021 wurde Ether noch bei einem Höchstwert von über 4’800 $ gehandelt.

Begründet wird der Absturz an den Kryptomärkten zum einen mit den Inflations- und Zinssorgen, die derzeit auch die traditionellen Finanzmärkte schwer belasten. Wegen der hohen Teuerung straffen viele Zentralbanken ihre Geldpolitik. So dürfte etwa am Mittwoch die US-Notenbank Fed ihren Leitzins um weitere 0,5 Prozentpunkte anheben. Einige Fachleute halten sogar einen noch grösseren Schritt um 0,75 Punkte für denkbar.

Der Ausverkauf am Kryptomarkt geht neben den Zins- Rezessions- und Inflationssorgen aber auch mit «hausgemachten» Problemen einher, die den Markt zusätzlich ins Rutschen brachten. Angesichts dieser Hiobsbotschaften halten die Verkaufskaskaden an. «Sowohl die Krypto- als auch die traditionellen Finanzmärkte leiden unter einer Kombination aus Makro- und Mikrofaktoren, die sich als perfekter Sturm erweisen», schreibt Matteo Bottacini, Analyst bei Crypto Finance.

Mit einer Hiobsbotschaft wartete Anfang Woche die Krypto-Kreditplattform Celsius Network auf: Sie fror alle Kundenkonten ein und weckte damit schlechte Erinnerungen an den Kollaps der Terra-Luna-Plattform. Marktbeobachter spekulieren derweil, ob die Insolvenz von Celsius noch abgewendet werden kann.

Anfang Mai hatte der Kollaps des sogenannten «algorithmischen Stablecoins» UST der Terra Fundation für erste grössere Turbulenzen gesorgt. Die mit hohen Zinsrenditen lockende Plattform aus dem «Decentralized Finance»-Bereich, kurz DeFi genannt, brach unter sich verschlechternden Marktkonditionen zusammen.

Gemäss den Zahlen der DeFi-Datenplattform Defillama ist der in DeFi-Projekten steckende Gesamtwert an Kryptowährungen seit den Hochs im vergangenen November von über 200 Mrd. $ auf noch knapp 75 Mrd. $ zusammengeschmolzen.

 

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