Märkte / Aktien

SMI: Grosser Verfall bringt weitere Verluste

Der Schweizer Aktienmarkt hat am Freitag nach volatilem Verlauf leicht nachgegeben.

(AWP/Reuters)  Nach dem Absturz des Vortages wegen der überraschenden Leitzinserhöhung durch die SNB (SNBN 6'580.00 -0.30%), startete der SMI (SMI 10'823.12 +3.54%) am Vormittag einen Stabilisierungsversuch. Am Nachmittag bröckelten die Kurse aber wieder ab. Das Geschehen blieb im Anschluss an die Zinserhöhungen verschiedener Notenbanken der laufenden Woche von Volatilität und Unsicherheit geprägt. Der SMI gab im Wochenverlauf mehr als 5% nach, seit dem letzten Zwischenhoch von Ende Mai gar mehr als 10%.

«Die Finanzmärkte stehen in einem perfekten Sturm», heisst es denn auch in einer Einschätzung der Lage des Investment Office der Credit Suisse (CSGN 5.72 +5.15%). Die kräftigen aufeinanderfolgenden Leitzinserhöhungen dieser Woche signalisierten, dass wir uns auf eine neue Weltordnung an den Märkten zubewegen. Die Bank erachtet indes das Vorgehen der Zentralbanken zur Eindämmung der Inflation als richtig. Sie geht weiter davon aus, dass die Volatilität in der Anpassungszeit zu höheren Zinsniveaus erhöht bleiben dürfte und rät gleichzeitig dazu, einen kühlen Kopf zu bewahren: «Angst ist keine Anlagestrategie.»

Der SMI verlor 0,23% auf 10’451,31 Punkte und markierte Intraday ein neues Jahrestief bei 10’425. In diesem Bereich bewegte sich der Leitindex zum letzten Mal im Dezember 2020. Auf Wochensicht büsste der SMI 5,6% ein. Es ist das achte Minus der vergangenen neun Wochen.

Der SLI mit den 30 wichtigsten Aktien und den in der Gewichtung gekappten Schwergewichten fiel um 0,19% auf 1610,38 Punkte zurück und der breite SPI (SXGE 13'945.94 +3.37%) um 0,02% auf 13’460,41 Punkte. Von den SLI-Aktien schlossen 16 tiefer und 14 höher.

Die grössten Verluste verzeichneten am grossen Verfalltermin ABB (ABBN 25.46 +1.96%) und Swatch, gefolgt von Richemont (CFR 102.15 +4.28%) und Sonova (SOON 309.00 +2.45%). Letztere wurden allerdings Ex-Dividende von 4,40 Fr. gehandelt, was die Abgaben etwas relativiert. Und für Swatch hat die Citigroup (C 47.86 +3.26%) das Kursziel deutlich reduziert, bei einem unveränderten Rating «Neutral».

Verluste von mehr als 1% erlitten auch SGS (SGSN 2'205.00 +2.61%), Givaudan (GIVN 3'310.00 +4.91%) sowie Kühne+Nagel.

Zu den grössten Gewinnern zählten AMS Osram (AMS 9.33 +4.10%) und Straumann (STMN 110.15 +6.48%), deren Wert sich allerdings seit Jahresanfang fast halbiert hat.

Ganz an der Spitze lagen zum Schluss Temenos (TEMN 84.84 +4.79%). Auch dieser Titel zählt im Jahresrennen nicht zuletzt wegen bisher unerfüllter Übernahmespekulationen zu den schwächsten Standardwerten. Zudem gebe es grosse Baissepositionen auf diese Titel, sagte ein Händler.

Credit Suisse komplettierten das Spitzenquartett, verblieben aber auf sehr tiefem Niveau von unter 6 Fr. Immerhin stoppte der Titel seine achttägige Talfahrt.

Von den Schwergewichten gaben Novartis (NOVN 80.60 +3.03%) etwas mehr nach als Roche, wogegen Nestlé  knapp zu den Gewinnern gehörten. Für letztere hat zwar JPMorgan das Kursziel gesenkt, dabei aber die Einstufung «Overweight» bekräftigt. Die britische Barclays (BARCl 1.59 +3.35%) rechnet zudem mit Blick auf das Halbjahresergebnis von Ende Juli mit einer Erhöhung der diesjährigen Wachstumsvorgaben von Nestlé (NESN 111.64 +2.91%). Auf das Gesamtjahr betrachtet hält die Bank neuerdings ein organisches Umsatzwachstum von bis zu 7% für denkbar.

Im breiten Markt stürzten Addex (ADXN 0.1970 -6.19%) um 48% massiv ab. Das Biotechunternehmen hat eine Studie mit dem Schlüsselkandidaten Dipraglurant eingestellt, weil nicht genügend Patienten rekrutiert werden konnten. Die bisherigen Finanzziele wurden dabei gleichzeitig sistiert.

Aus der Biotechbranche gab es zudem weitere Meldungen. Basilea (BSLN 37.55 +4.60%) erhielt vom US-Pharmakonzern Pfizer (PFE 51.59 +2.99%) eine Meilensteinzahlung von 1,25 Mio. $. Obseva  wiederum meldete die Marktzulassung eines Produktes durch die EU-Kommission.

Starke Gewinne zeigten auch einige Industrietitel wie Starrag (STGN 49.00 +0.00%), Meyer Burger (MBTN 0.4360 -1.71%) oder Montana Aerospace (AERO 15.58 -2.26%).

Euro fällt kurz unter 1,05 US-Dollar

Der Euro hat am Freitag etwas nachgegeben. Am Mittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,0526 $, nachdem sie am Vormittag kurz unter die Marke von 1,05 $ gefallen war. In der Nacht hatte der Euro noch bei 1,0549 $ notiert.

Die Frankenstärke hält derweil an. Der Euro wird noch zu 1,0151 gehandelt nach 1,0197 am Morgen. Vor der überraschenden Zinserhöhung durch die SNB am Donnerstag hatte der Euro noch rund 1,04 Fr. gekostet. Der US-Dollar hat sich zum Franken auf 0,9645 von 0,9693 im frühen Geschäft ebenfalls weiter abgeschwächt.

Die Kursbewegungen zwischen Euro und Dollar fielen vor dem Wochenende nicht besonders stark aus. Inflationsdaten aus der Eurozone entfachten keine grosse Marktwirkung, da das Ergebnis einer vorherigen Veröffentlichung grösstenteils bestätigt wurde. Im Mai stieg die Teuerung auf ein Rekordhoch. Mit 8,1% liegt sie klar über dem mittelfristigen Ziel der EZB von 2%. Die EZB hat zwar Zinsanhebungen in Aussicht gestellt, im internationalen Vergleich hinkt sie im Inflationskampf aber hinterher.

Der Yen stand an den Märkten weiter unter Druck, nachdem die japanische Notenbank im Anschluss an ihre Zinssitzung die extrem lockere Geldpolitik bestätigt hatte. Die Bank of Japan gehört zu den ganz wenigen Zentralbanken, die den Kampf gegen die Inflation bisher noch nicht aufgenommen haben. Die Währungshüter begründen ihr Festhalten mit der zwar steigenden, aber vergleichsweise niedrigen Inflation, die sie zudem als nicht nachhaltig erachten. Ungeachtet dessen leidet die Landeswährung Yen unter der Haltung. In dieser Woche war sie zum Dollar auf den tiefsten Stand seit fast einem viertel Jahrhundert gefallen.

Ölpreise rutschen ab

Konjunktursorgen sorgen für einen kräftigen Preisrutsch beim Öl. Die Nordsee-Sorte Brent verliert 4,7% auf 114,30 $ je Fass, US-Leichtöl WTICL fällt um 5,4% auf 111,24 $ je Fass. Auf Wochensicht steuert Brent auf den ersten Verlust seit fünf Wochen zu. Strategen zufolge nehmen die Befürchtungen zu, dass die Zinserhöhungen der Notenbanken weltweit eine Rezession auslösen könnten.

Dow kann 30’000er Marke nicht halten

Nach einer tristen Börsenwoche droht der US-Leitindex Dow Jones Industrial am Freitag die runde Marke von 30’000 Punkten nicht halten zu können. Eine Erholung im frühen Handel endete rasch, und der Dow fiel wieder unter 30’000 Zähler. Unter diese Marke hatten ihn am Vortag die Rezessionsängste der Investoren gedrückt. Zuletzt gab der Dow um 0,33% auf 29’826 Punkte nach. Wegen der immens hohen Inflation in den USA und der Befürchtung einer starken konjunkturellen Abkühlung steht für den Dow auf Wochensicht ein Verlust von 5% zu Buche. Der marktbreite S&P 500 lag am letzten Handelstag der Woche mit 0,11% im Minus bei 3663 Zählern. Der technologielastige Nasdaq 100 (NDX 12'105.85 +3.49%) lag leicht im Minus.

Das Ruder haben derzeit die Notenbanken in der Hand. Sie versuchen, die hohe Inflation mittels Zinserhöhungen einzudämmen – mit der Gefahr einer Bremswirkung für die Wirtschaft. Am Mittwoch hatten die Anleger zwar noch gelassen auf den mit 0,75 Prozentpunkten grössten Zinsschritt der US-Notenbank seit 1994 reagiert. Als am Donnerstag aber auch die Schweizer Nationalbank überraschend ihren Leitzins deutlich erhöhte, brachen in Europa und den USA die Dämme, und die Börsen sackten ab.

Allerdings müssen die Zentralbanken handeln, da auch eine hohe Inflation Konjunkturrisiken birgt, weil die Menschen dann ihr Konsumverhalten ändern. Unter Druck gerieten die Aktien von Adobe Systems , der Kurs fiel um 3%. Trotz besser als befürchtet ausgefallener Geschäftszahlen senkten viele Analysten ihre Kursziele für den Softwarehersteller, der mit seinem Ausblick nicht zu überzeugen wusste. Aufwärts ging es dagegen für US Steel , der Kurs stieg um 1%. Der US-Stahlhersteller habe sich ähnlich wie einige Konkurrenten überraschend positiv zur Geschäftsentwicklung im laufenden Quartal geäussert, erklärte Analyst Jitendra Pandey von der Credit Suisse.

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