Meinungen

Boris Johnson muss das Königreich vereinen

Der britische Premier sitzt so fest im Sattel wie noch nie. Doch das Land droht auseinanderzufallen – es braucht eine neue nationale Identität. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Pascal Meisser.

Pascal Meisser, London
«In vielen Sportarten treten England, Schottland, Wales und Nordirland jeweils mit einer eigenen Nationalmannschaft an.»

Boris Johnson reitet seit Monaten auf einer Erfolgswelle. Seit der britische Premierminister es im Januar geschafft hat, im Vereinigten Königreich eine effiziente Impfkampagne aufzuziehen, ist die Kritik am anfänglichen Missmanagement der Pandemie weitgehend verstummt. Damals hatte Johnson zunächst einen britischen Sonderweg eingeschlagen und erst spät einen Lockdown eingeführt. Danach hatte er zu früh Entwarnung gegeben und daraufhin einen Schlingerkurs gefahren.

Die Wähler haben in den jüngsten Regionalwahlen den Impferfolg und die Aussicht auf die Rückkehr zur Normalität im Juni höher gewichtet als die Kritik zuvor. Die regierenden Tories konnten die oppositionelle Labour-Partei weiter in die Ecke drängen. Die einst gefürchtete «Red Wall» in Nordengland – Wahlkreise, die während Jahrzehnten fest in Labour-Hand waren – ist in sich zusammengefallen. Auch unter Parteichef Keir Starmer schafft Labour es nicht mehr, der vernachlässigten Bevölkerung in den ehemaligen Industriehochburgen eine Perspektive zu geben.

Wo für den Premier die Gefahr lauert

Furcht vor seinem politischen Gegner muss Johnson vorerst nicht haben. Bis zu den nächsten nationalen Wahlen in drei Jahren dürfte sich Labour vom jüngsten Einbruch noch nicht erholt haben. Beobachter gehen davon aus, dass Boris Johnson der am längsten regierende Premierminister seit über hundert Jahren werden könnte. Bislang galt in der neueren Zeitrechnung des Landes Margaret Thatcher mit elf Amtsjahren als Rekordhalterin.

Johnsons grösste Gefahr lauert deshalb nicht in der Politik, sondern in Zentrifugalkräften an der Peripherie des Landes. Sie werden in den kommenden Jahren zunehmend dessen Einheit bedrohen – so sehr wie noch nie seit der Gründung des Vereinigten Königreichs vor über dreihundert Jahren.

Zum Beispiel in Schottland: Die dortige Unabhängigkeitsbewegung hat mit dem vierten Wahlsieg der Schottischen Nationalpartei (SNP) frischen Aufwind erhalten. Zwar hat die Regierungspartei mit Nicola Sturgeon an der Spitze ihr Ziel verfehlt, die absolute Mehrheit im schottischen Parlament zu erreichen, doch zusammen mit den Grünen, die ebenfalls für ein eigenständiges Schottland einstehen, beherrscht die SNP das Plenum.

Sturgeon hat nach dem Wahlausgang bereits angekündigt, dass es sich bezüglich eines zweiten Unabhängigkeitsreferendums nicht frage, ob es stattfinde, sondern wann. Wegen der Coronapandemie wird die schottische Regierung die Unabhängigkeitsfrage wohl erst 2022 oder 2023 stellen. Wie bereits vor sieben Jahren, als Schottlands Bevölkerung zum ersten Mal über ihre Zukunft abstimmen konnten, ist die Stimmungslage im Land nicht eindeutig. Seit Monaten schwanken das Ja- und das Nein-Lager zwischen 45 und 55%. Ein eindeutiges politisches Mandat, die Abstimmung erneut auf den Tisch zu bringen, lässt sich nicht herauslesen.

Der erneute Wunsch nach Selbstbestimmung ist zu einem erheblichen Teil auch auf den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union zurückzuführen. Schottland gibt sich sehr EU-freundlich; es hat 2016 den Brexit mit 62% abgelehnt, so deutlich wie kein anderer Landesteil (Nordirland war auch dagegen). Die politische Führung in Edinburgh träumt derweil davon, das Land nach dem Austritt aus dem Vereinigten Königreich in die EU zurückzuführen.

Brenzlig ist die Situation in Nordirland, ebenfalls wegen des Brexit. Das haben in den vergangenen Wochen unionistische Ausschreitungen in Belfast gezeigt. Auslöser der gewaltsamen Proteste war das Nordirland-Protokoll, das nach dem EU-Austritt Ulster zumindest zolltechnisch von Grossbritannien abtrennt. Viele Unionisten fühlen sich deshalb von London verraten. Jüngst musste Nordirlands Erste Ministerin Arlene Foster abtreten, weil sie dem Brexit-Deal zugestimmt hatte.

Jüngst hat sich die Teilung Irlands und damit die Einrichtung Nordirlands zum hundertsten Mal gejährt. Wegen der Coronapandemie wurde auf Gedenkveranstaltungen verzichtet. Angesichts des jahrzehntelangen Bürgerkriegs zwischen Protestanten und Katholiken mit über 3000 Toten, der erst 1998 mit dem Karfreitagsabkommen beendet wurde, wären Feierlichkeiten auch kaum angebracht gewesen.

Wales wiederum bleibt fest in Labour-Hand. Seit Jahrzehnten dominiert die Linke die im Westen der britischen Insel gelegene Region. Auch dort hatten sich zuletzt Sezessionsgelüste breitgemacht. Umfragen vor der Wahl ergaben, dass 39% der Bevölkerung sich den Alleingang vorstellen könnten – der höchste dort in einer Befragung je erreichte Wert. Zuvor hatte die Präferenz für das Verlassen des Vereinigten Königreichs über Jahrzehnte bei rund 10% gelegen, Anfang Jahr befürworteten erst 22% der Befragten den Austritt.

Antreiber der Unabhängigkeitsbewegung ist die Walisische Partei (Plaid Cymru), die sich zugleich nationalistisch und sozialdemokratisch orientiert. Mit dem klaren Wahlsieg Labours ist die Gefahr einer Absonderung vorerst gebannt. Dass jedoch ausgerechnet der politische Kontrahent von Downing Street in Wales das Sagen hat, erleichtert den Zusammenhalt der Union in Zukunft nicht.

Was ist «britisch»?

Dies ist zugleich Boris Johnsons nächste Herausforderung. Bis vor wenigen Jahren hatte sich die Frage nach einer nationalen Identität kaum je gestellt. Seit der Gründung des Vereinigten Königreichs zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es übergeordnete Interessen, um in einem gemeinsamen Mantel voranzuschreiten. Britische Leader hätten sich kaum jemals um eine nationale Identität kümmern müssen, schrieb etwa die «Times». Am Anfang hatte der Aufbau des britischen Empire gestanden, dann kam die erste industrielle Revolution und in der Zeit der beiden Weltkriege der Kampf gegen deutsche Hegemonialbestrebungen in Kontinentaleuropa. Allein dies, dass sich die Briten von totalitären Tendenzen auf dem Festland fernhalten konnten, hat ihnen eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben.

Einen ähnlichen Effekt hätte auch der Brexit auslösen sollen, wenn es nach den Austrittswilligen geht. Wieder die Kontrolle über das eigene Land zu übernehmen, hätte an frühere Perioden nationalen Erfolgs anknüpfen sollen. Doch nicht zuletzt der knappe Entscheid, die EU zu verlassen, hat die Gesellschaft gespaltet, statt sie zu vereinen.

Vorerst genügen die Folgen der Pandemie, um die vier Landesteile zusammenzuhalten. Keiner davon wäre in der Lage gewesen, mit einem eigenen regionalen Gesundheitssystem eine effiziente Impfkampagne aufzuziehen. Doch spätestens im Laufe des Jahres, wenn alle Restriktionen aufgehoben werden, muss der Bund der vier Völker definiert werden – und damit auch die nationale Identität.

Der Sport zeigt seit Jahrzehnten exemplarisch, wie das Königreich es bislang versäumt, sich dieser Frage zu stellen. In vielen Sportarten treten England, Schottland, Wales und Nordirland jeweils mit einer eigenen Nationalmannschaft an. Einzig an Olympischen Spielen präsentiert sich das Vereinigte Königreich tatsächlich vereinigt, unter der etwas künstlich anmutenden Bezeichnung Team GB, das bei seinen Auftritten vor heimischem Publikum kaum Emotionen weckt.

Johnsons Aufgabe wird es sein, sich dieser Aufgabe zu stellen und ein Modell zu entwerfen, das die übergreifende nationale Einheit fordert und fördert. Das ist weit anspruchsvoller, als den Zusammenhalt mit Investitionsversprechen in Millliardenhöhe zu erkaufen. Schafft der Premier dies, dann wird er als Retter der Union in die Geschichte eingehen. Scheitert er hingegen, dann wird er nicht nur einer der am längsten amtierenden Regierungschefs sein, sondern auch als derjenige gelten, der das Vereinigte Königreich beerdigt hat.