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Brady Dougan: «Credit Suisse ist einzigartig ausbalanciert»

Der abtretende CEO der Credit Suisse spricht im Interview mit der FuW über seine achtjährige Amtszeit und lässt dabei auch selbstkritische Töne anklingen.

Ruedi Keller und Mark Dittli

Diesen Juni wird Brady Dougan nach acht Jahren an der Spitze der Credit Suisse den Stab an Tidjane Thiam weiterreichen. In einem der letzten Interviews als CEO diskutiert der Amerikaner seine Leistung bei der Schweizer Grossbank. Erstmals spricht er auch über Fehler während seiner Amtszeit – nicht strategische, sondern bezüglich Gewichtung, wie er festhält. «Wir hätten besser austarieren können», sagt er im Rückblick zum Ausbau der Investmentbank und zu dem zögerlichen Kapitalaufbau.

Herr Dougan, vor acht Jahren wurden Sie CEO der Credit Suisse. Jetzt gehen Sie. Schauen wir aus Aktionärssicht zwei Parameter an: Der Buchwert sank in dieser Zeit von 42 Fr. je Aktie auf knapp 27 Fr., der Aktienkurs von 90 auf weniger als 25 Fr. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Leistung?
Was aus meiner Sicht auch dazugezählt werden sollte, ist die Dividende. Denn wir haben immer Dividenden bezahlt. Tatsächlich haben wir auf Basis der Gesamtrendite, also der Aktienpreisentwicklung inklusive Dividende, und unter Berücksichtigung der Währungen rund 25% über dem Schnitt von vergleichbaren europäischen Banken abgeschlossen.Geschlagen wurden wir von US-Banken. Aber die bewegten sich in einem anderen Umfeld.

Und Ihre persönliche Leistung?
Zahlen wie die Aktionärsrendite sind das eine, das andere sind Banken, die verschwunden sind – und das waren einige. Credit Suisse hat die Finanzkrise gut gemeistert und eine starke Geschäftsbasis bewahrt.

Schauen Sie sich die Kundengelder an. Andere Banken sind heute froh, wieder dort zu stehen, wo sie vor der Krise waren. Bei uns sind rund 200 Mrd. Fr. Neugelder dazugekommen. Auch im Investment Banking haben wir Marktanteile gewonnen, obwohl wir 2011 Anpassungen an das neue regulatorische Umfeld vorgenommen haben. Andere europäische Grossbanken restrukturieren erst jetzt.

Der Blick auf die aktuellen Performancekriterien der Credit Suisse zeigt: Sie haben kein einziges Ihrer Ziele erreicht.
Das ist nicht ganz korrekt. Ich meine, hier muss man den Blick auf die strategischen und die nicht strategischen Bereiche richten – also die Bereiche, auf die wir fokussieren, und die, aus denen wir aussteigen wollen. In den strategischen Bereichen machen wir wirklich Fortschritte. Andere Teile des Geschäfts müssen wir noch abbauen.

Das Eigenkapitalrenditeziel wurde seit Ihrem Amtsantritt nur gesenkt. Von 20 auf 18, dann auf 15%. Auch davon ist Credit Suisse meilenweit entfernt. Tatsächlich erwirtschafteten Sie in den letzten drei Jahren Renditen um 5%.
Im ersten Quartal 2015 erreichten wir insgesamt eine Eigenkapitalrendite von 10%, im strategischen Geschäft war sie noch höher. Und wir liefern jetzt sehr konstante Ergebnisse. Das 15%-Ziel ist erreichbar. Aber die Anforderungen an die Kapitalunterlegung haben zugenommen und werden weiter zunehmen. Dies erfordert laufend Anpassungen und verzögert die Zielerfüllung.

Die Finanzkrise haben Sie bravourös gemeistert. Nur eine Handvoll Bankchefs hat dies geschafft…
Schreiben Sie das!

Diese Lorbeeren gebühren Ihnen. Doch die vorteilhafte Ausgangslage haben Sie verspielt, da die Strategie danach schwammig blieb.
Ich denke, unsere Strategie ist klar, und wir haben konsequent danach gehandelt. Aber schauen Sie: Firmen, auch in anderen Branchen, die eine Krise haben und sie überwinden, kommen oft gestärkt daraus hervor. Institute, die in Existenznot gerieten, beantragten Staatshilfe – manche haben heute noch grosse Reserven an Verlustvorträgen, die sie anrechnen können, wenn es neue Belastungen gibt im Geschäft, auch bei der Begleichung von Bussen.

Haben Konkurrenten, die Staatshilfe beanspruchten, einen unfairen Wettbewerbsvorteil erhalten?
Ich spreche nicht davon, ob etwas fair ist oder nicht. Tatsache ist, dass Banken, die Probleme hatten, mit Vorteilen aus der Krise herauskamen.

Banken, die keine Staatshilfe in Anspruch nahmen, mussten mehr selbst tragen. Wir haben dies gut gemeistert.

War es aus heutiger Sicht ein Fehler, Staatshilfe abzulehnen und sich teuer privat zu refinanzieren?
Das ist eine der merkwürdigeren Geschichten der Finanzkrise, weil die Meinungen darüber im Zeitverlauf so schwanken. Meine Antwort aber war und bleibt immer dieselbe: Es war richtig, was wir gemacht haben.

Stolz ist wichtiger als Aktionärsrendite?
Es geht nicht um Stolz. Es geht um Grundsätzliches: Man führt ein Unternehmen konservativ, sodass man auf niemanden angewiesen ist, schon gar nicht auf den Steuerzahler. Das ist zentral, und deshalb war es richtig, was wir gemacht haben. So führen wir unser Geschäft. Und es scheint mir ein durch und durch schweizerisches Prinzip zu sein. Aber ich glaube, manche Leute denken heute nicht mehr daran, wer auf Staatskosten gerettet wurde und wer nicht.

Das war Ihr grösster Erfolg als CEO.
Ja, ich denke, der grösste Erfolg war, dass wir sicher durch die Krise gekommen sind. Als ich CEO wurde, entschieden wir sofort, die Risiken herunterzufahren. Damals kritisierte man uns, wir würden damit Chancen vergeben. Doch schnell war klar, dass dies die richtige Entscheidung war. Wir haben über Jahre davon profitiert. Das war wohl eine der besten Entscheidungen während meiner Amtszeit.

Würden Sie im Rückblick irgendetwas anders machen?
2009/10 kamen wir sehr gut aus der Krise heraus. Wir hatten Restrukturierungen hinter uns und hatten im Investment Banking Erweiterungen eingeleitet. Im Rückblick hätten wir das wohl besser nicht gemacht. Ich spreche nicht von einem strategischen Fehler, sondern von einer Frage der Gewichtung. Wir hätten das besser austarieren können.

Das ist das Einzige?
Ich bedaure auch, dass ich in dieser Zeit kein Deutsch gelernt habe. Ich spreche zwar etwas Französisch und auch Japanisch und hielt mich deshalb für sprachtalentiert. Aber ich war einfach zu beschäftigt.

Hat Credit Suisse nicht zu zögerlich Kapital aufgebaut? 2012 hat dies sogar die Schweizerische Nationalbank kritisiert.
Ich bin stolz, dass wir seit dem ersten Quartal 2015 die verlangten Kapitalanforderungen frühzeitig erfüllen. Wir haben den Schweizer Weg aktiv unterstützt und Pionierarbeit bei den bedingten Pflichtwandelanleihen geleistet. In Bezug auf unser verlustabsorbierendes Gesamtkapital sind wir genauso stark kapitalisiert wie alle unsere Konkurrenten. Wir sind den Schweizer Richtlinien gefolgt. Leider ist der Markt heute weniger auf Pflichtwandelanleihen fokussiert als auf Kernkapital, auch wenn Pflichtwandler effiziente Kapitalinstrumente sind.

Um Eigenkapital aufbauen zu können, muss man Gewinne einbehalten. Sie legten den Fokus auf die Ausschüttung von Dividenden, und Ihre Strategie zielte primär auf die Wahrung von Optionen. Sie hofften auf den Aufschwung. Doch er kam nie.
Wir haben drastische Einschnitte vorgenommen. Die Bilanzgrösse haben wir um ein Drittel reduziert, die risikogewichteten Aktiven sogar noch deutlicher.

Dennoch: Ihre Hinterlassenschaft ist, dass alle strategischen Optionen gewahrt sind – die Bank aber knapp kapitalisiert ist.
Diesem Eindruck muss ich widersprechen. Wir haben die Investmentbank stark umgebaut. Andere europäische Banken restrukturieren erst jetzt, während wir im strategischen Bereich bereits sehr hohe Renditen erzielen. Die nicht strategischen Bereiche sind bei Credit Suisse zudem klein. Ich sehe das nicht als Wahrung von Optionen. Jeder würde in ein Geschäft investieren, das 19% Rendite erreicht.

Sie halten die Strategie für zukunftsträchtig. Die Börse bewertet Credit Suisse unter Buchwert. Wer liegt falsch?
Unsere Bewertung gehörte in den letzten Jahren zu den höchsten in der Branche –nicht ganz so hoch wie die von UBS allerdings. Beweisen wir weiter Konsistenz, wird der Wert noch steigen.

Was ist Credit Suisse? Eine Privatbank mit angehängter Investmentbank oder umgekehrt?
Credit Suisse ist eine einzigartig austarierte Grossbank – mit einer starken Marke, sowohl in der Vermögensverwaltung wie im Investment Banking. Sie offeriert eine einmalige Angebotspalette – primär für sehr vermögende Privatpersonen und institutionelle Kunden. Die Qualität unserer Dienstleistungen führt dazu, dass wir mit die höchsten Renditen der Finanzbranche erwirtschaften.

Weder Fisch noch Vogel?
Wir sind einzigartig ausbalanciert.

Exzessive Boni haben Sie zu einer Ikone der Gier gemacht. Was treibt Sie an?
Ich hoffe wirklich nicht, dass ich in der Schweiz das Image habe, das Sie zeichnen. Aber zur Motivation: Als CEO braucht man Willensstärke, denn das öffentliche Feedback ist meist negativ. Praktisch alles wird kritisiert. Man muss für Dinge Verantwortung übernehmen, mit denen man nichts zu tun hatte. Der Job bringt viel Belastendes. Praktisch meine ganze Motivation schöpfte ich aus meiner Loyalität zu Credit Suisse und meinem Pflichtgefühl gegenüber den Leuten, für die ich 25 Jahre gearbeitet habe – Mitarbeitern, Kunden und Aktionären. Das ist mein Antrieb.

Sie pflegen einen unauffälligen Lebensstil. Kaum jemandem ist bewusst, was Sie alles an Wohltätigem leisten.
Ich spreche selten darüber.

Beispielsweise stellen Sie einer Musikerin eine Stradivari zur Verfügung.
Vor über zwanzig Jahren fing ich an, eine sehr junge und hoch talentierte Künstlerin zu unterstützen. Und eine der grossen Herausforderungen für Musiker – besonders Streichmusiker – ist, ein Instrument zu haben, um damit zu spielen. Hier half ich aus – auch in anderen Gelegenheiten.

Was machen Sie nach Ihrem Rücktritt?
Es gibt so viele interessante Dinge! Ich habe aber eine konservative und wie ich meine schweizerische Einstellung: Das Wichtigste für mich ist, diese Institution, in deren Dienst ich 25 Jahre stehe, so gut ich kann durch die Stabsübergabe zu führen und sicherzustellen, dass Tidjane Thiam die bestmögliche Ausgangslage hat.

Und Sie persönlich?
Acht Jahre CEO bei einer kotierten Grossbank sind eine lange Zeit. Ich vermute, dass ich danach etwas ganz anderes machen werde. Ich denke aber, es wäre falsch, wenn ich bereits jetzt Zeit dafür verwenden würde, persönliche Ziele anzuvisieren.

Sie sind ein sehr disziplinierter Arbeiter. Brauchen Sie keinen neuen Job?
Ich weiss nicht, ob ich einen Job brauche in der Art, wie Sie ihn sich vorstellen. Ich bin schon jetzt in viele andere Aktivitäten involviert. Alle zusammen könnten eine Vollzeitbeschäftigung ergeben. Es gibt immer genug zu tun.

Gehen Sie zurück nach Amerika?
Das habe ich noch nicht entschieden.

Die komplette Historie zur Credit Suisse finden Sie hier »

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