Blogs / Fintech

Wenn die Blockchain überflüssig ist

In der Euphorie um neue Kryptoanwendungen wird kaum je die grundsätzliche Frage gestellt, ob es eine Blockchain überhaupt braucht. Manche Experten mahnen zur Vorsicht.

Alexander Trentin

Wann braucht es eigentlich eine Blockchain? Eine grundsätzliche Frage, die anscheinend vor lauter Euphorie kaum je gestellt wird. Die Blockchain kam durch die Kryptowährung Bitcoin in die Welt, wird aber nun für alle möglichen Anwendungsfälle geprüft. Experten mahnen zu einer nüchternen Abklärung, ob es Blockchain für eine spezifische Anwendung wirklich braucht.

Besonders viel Aufmerksamkeit hat die Finanzierung von Blockchain-Projekten durch die Ausgabe neuer digitaler Währungen (Initial Coin Offerings, ICO) bekommen. Zuletzt hat gar der frühere Filmhersteller Kodak (KODK 6.25 -2.34%) versucht, seinem Aktienkurs neues Leben einzuhauchen, indem über ICO eine Blockchain für die Bezahlung von Fotografen ins Leben gerufen werden sollte.

Grossunternehmen steigen ein

Aber auch etablierte Grossunternehmen bieten Kryptoanwendungen an. IBM (IBM 153.18 -0.51%) offeriert mit HyperLedger einen Weg für Unternehmen, eigene Blockchains zu bauen. Und mehrere internationale Banken, darunter die UBS (UBSG 18.095 -0.19%), arbeiten am Unit Settlement Coin, der in Zukunft für das Abwickeln von Wertpapiertransaktionen verwendet werden soll.

Florian Hollender, Direktor beim Beratungsunternehmen LSP Digital in Hamburg, kritisiert gegenüber FuW: «Die Technologie der Blockchain wird in den Vordergrund gestellt. Dabei sollte sie kein Selbstzweck sein.»

Hollender stellt klar: «Die Blockchain ist nichts anderes als eine besondere Form der Datenbank.» Die Entwicklung von Anwendungen sei noch nahe an der Grundlagenforschung. «Bitcoin ist der erste Anwendungsfall, der leidlich gut funktioniert», sagt er. Mit Bitcoin sei zwar die Anwendung eines Distributed Ledger demonstriert worden – also ein Register von Transaktionen, das dezentral auf einem Netzwerk gespeichert wird. Doch: «Alles, was nun auf dieser Basis entwickelt wird, ist noch explorativ.»

Deutlich positiver ist Maximilian Groth gestimmt. Er ist Mitgründer von Decentriq in Zug, die Finanzinstitutionen bei der Anwendung von Blockchain berät. Ausserdem ist er Director bei CCBA, einem Vermögensverwalter für Kryptowährungen. Groth meint: «Der Konsens unter Investoren in die Projekte ist, dass niemand die Zukunft exakt voraussehen kann – dass es aber ein grosses Disruptionspotenzial gibt.»

Investoren und Medien folgen dem Hype

Karl Wüst, Informatiker an der ETH Zürich, hat mit seinem Kollegen Arthur Gervais eine Studie zur Frage veröffentlicht, wann eine Blockchain tatsächlich Mehrwert schafft. Auf FuW-Anfrage erklärt er zu Blockchain-Anwendungen: «Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir uns immer noch mitten im Hype-Zyklus befinden.» Das habe wenig mit der Technologie an sich zu tun. Stattdessen folgten Investoren, Medien und technische Laien dem Hype.

Wüst beobachtet: «Viele Kryptowährungen bieten beispielsweise technisch nichts Neues im Vergleich zu Bitcoin. Viele Blockchain-Projekte lassen sich technisch gesehen einfacher oder besser ohne Blockchain realisieren.» Trotzdem werde in die Projekte extrem viel Geld – insbesondere über ICO – investiert.

Wann eine Blockchain nötig ist

In seiner Studie stellt Wüst ein Diagramm als Entscheidungshilfe vor (vgl. Grafik unten), ob für einen Anwendungsfall eine Blockchain notwendig ist.

Dabei differenziert er drei verschiedene Blockchains:
– die Blockchain, die wir von Bitcoin kennen: Sie ist öffentlich einsehbar, und niemand braucht eine Erlaubnis, um teilzunehmen;
– eine Public Permissioned Blockchain: Das ist eine öffentlich einsehbare Blockchain, aber um darauf Daten zu schreiben, braucht es eine Berechtigung;
– eine Private Permissioned Blockchain: Sie ist weder öffentlich einsehbar noch ohne Berechtigungen zu beschreiben.

Das Interessante: Nur unter bestimmten Bedingungen ist eine öffentliche Blockchain notwendig. In den meisten Fällen braucht es keine Blockchain – sondern eine klassische, zentrale Datenbank.

Zentrale Datenbank immer effizienter

Aber warum soll man nicht für alle Anwendungen eine Blockchain nutzen? Wichtig sind gemäss einer Übersicht von Wüst der Datendurchsatz und die Verzögerung (Latency) einer dezentralen Anwendung. Wüst erklärt: «Ein zentrales System ist zwangsläufig effizienter.» Solch ein System bedeute aber nicht, dass es nur über einen einzigen Server laufe. «Zentral heisst, dass alles unter der Kontrolle durch eine Partei steht. Im Normalfall sind diese Systeme auch verteilt.»

Dank der zentralen Kontrolle müssten gemäss Karl Wüst keine aufwendigen Protokolle zwischen den verschiedenen Parteien ausgeführt werden. Daher sinke bei Blockchains die Effizienz, «weil es einen grossen Overhead durch zusätzliche Kommunikation gibt». Zwar sei es möglich, dass in Zukunft die Effizienz dezentraler Systeme sich der von zentralen Systemen annähere. «Im Moment ist das aber noch nicht der Fall», diagnostiziert Wüst.

Zweifel an privater Blockchain

Das wichtigste Merkmal eines Netzwerks, das für den Einsatz einer öffentlichen Blockchain spricht: Die Teilnehmer trauen sich nicht, und gleichzeitig wollen sie die öffentliche Einsehbarkeit ihrer Transaktionen. Doch das ist laut Florian Hollender in der Wirtschaft «nur selten der Fall».

Hollender ruft in Erinnerung, dass die Transaktionen auf der Blockchain «nicht anonym, sondern pseudonym» verzeichnet würden – man im Zweifelsfall den Urheber von Transaktionen also zurückverfolgen könne. Hollender führt aus: «In einer öffentlichen Logistik-Blockchain könnte man einsehen, was wohin geliefert wird. Damit besteht die Gefahr, dass man herausfinden kann, was und wie viel ein Unternehmen liefert.»

Daher würden private Blockchains eingesetzt, wie etwa HyperLedger von IBM. Doch diese sieht Hollender kritisch: «Die Akteure in einer privaten Blockchain würden sich wohl einigen, Transaktionen nachträglich verändern zu können. Da wird es aus meiner Sicht absurd: Warum braucht es dann eine Blockchain?» – die Technologie soll ja gerade die nachträgliche Manipulation von Daten verhindern. Hollender fragt: «Warum gründen die Unternehmen nicht einen gemeinsamen Dienstleister, der eine klassische Datenbank betreibt?»

Blockchain-Vorteile nicht nutzbar

Hollender beobachtet in der Praxis besonders Probleme bei der Implementierung von Blockchain-Anwendungen. Sie würden zwar oft günstige Transaktionen, automatisierte Logik und hohe Transparenz versprechen, aber oft mangle es an Schnittstellen mit unternehmensinternen Systemen, um die Blockchain in Geschäftsprozesse zu integrieren.

Der Unternehmensberater erklärt: «Die Vorteile kann ein Unternehmen nicht nutzen, wenn eine automatische Schnittstelle fehlt.» Das sieht er an Beispielen in der Logistik und im Supply Chain Management. In solch einem Fall müsse jemand manuell die Abwicklung übernehmen, die Lösung sei dann nicht mehr skalierbar.

Der Blockchain-Unternehmer Maximilian Groth sieht dagegen in der Logistik – neben der Finanzindustrie – die Branche, die von Blockchain am ehesten profitieren könne. Groth erklärt: «Beispielsweise gibt es im Rohstoffhandel viele Parteien, die sich gegenseitig nicht vertrauen.» Für solch eine Industrie sei Blockhain prädestiniert. Für eine Transaktion brauche es daher viele Dokumente. Mit Blockchain könne man den Ablauf technologisch vereinfachen. «Die grossen Player sind über den Status quo froh, da der komplizierte Prozess eine Eintrittsbarriere für potenzielle Wettbewerber darstellt», fügt Groth hinzu.

Verbindung zu physischer Welt manipulierbar

Für Logistik und Supply Chain Management sieht Wüst die besondere Herausforderung, die physische mit der digitalen Welt zu verbinden. Viele Blockchain-Anwendungen wollten mit dem Internet of Things Abläufe in der Wertschöpfungskette automatisieren. Aber auch wenn die Informationen auf der Blockchain nicht manipulierbar seien, könnten Sensoren falsche Daten liefern.

«Viele denken, dass etwas wahr sein muss, wenn es in der Blockchain steht. Das ist aber überhaupt nicht so. Blockchain ist ‹Garbage In, Garbage Out›.» Werden unwahre Informationen geliefert, bleiben sie in der Blockchain gespeichert.

Nach Einschätzung von Wüst werden Anwendungsfälle etwa in der Logistik oft von Leuten angetrieben, die keinen technischen Hintergrund haben – «sondern von der Blockchain gehört haben und sie jetzt benutzen wollen».

Blockchain hilft bei der Start-up-Finanzierung

Den Hype würden sich Start-ups zunutze machen, glaubt der ETH-Informatiker: «Wahrscheinlich wissen einige Start-ups selbst, dass es für ihren Anwendungsfall eine bessere Lösung ohne Blockchain gibt.» Aber es sei viel einfacher, Mittel einzusammeln, wenn das Projekt Blockchain verwendet. Der Anteil mit sinnvollen Anwendungsfällen sei klein.

«Es gibt im Moment zu viele Start-ups, die Blockchain als Technologie nicht richtig verstanden haben – und dennoch Unmengen an Geld durch Initial Coin Offerings erhalten», bemerkt Karl Wüst.

Auch der Kryptoexperte Groth moniert das Vorgehen vieler Emittenten: «Viele ICO emittieren Tokens für die Bezahlung einer bestimmten Dienstleistung. Das ergibt keinen Sinn. Das wäre so, als könnte man in einer bestimmten Pizzeria Pizza ausschliesslich mit der hauseigenen Währung bezahlen.» Viele Leute am Markt hätten noch nicht verstanden, was einen sinnvollen Token ausmache.

Aber trotzdem seien solche Finanzierungsmethoden notwendig: «Die Krytposzene zieht extrem viel Talent und Kreativität an. ICO sind dabei eine Form von Risikokapital, das notwendig ist, um Innovationen zu finanzieren.»

Florian Hollender hat bei den ICO einen deutlichen Hang zur Selbstbeschäftigung der Kryptoszene festgestellt. Bis November vergangenen Jahres hingen die meisten ICO mit Investitionen und Handel von Kryptowährungen zusammen (vgl. Grafik).

Leser-Kommentare