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Brexit in eine schöne neue Welt

Daniel Gros, Brüssel
«Was zählt, ist die relative Grösse, nicht die Nettohandelsströme.»
London werden im Brexit hohe Kosten entstehen. Wenn mehr Länder Trumps Führung folgen und das regelbasierte globale System weiter zerfällt, werden sie weiter steigen. Ein Kommentar von Daniel Gros.

Im zweiseitigen Handel sind die Gewinne zwischen grösseren und kleineren Volkswirtschaften ungleich verteilt. Selbst in guten Zeiten wäre das eine schlechte Nachricht für das Vereinigte Königreich, wenn es sich um neue Handelsabkommen mit der Europäischen Union und anderen bemüht. Und dies sind keine guten Zeiten.

Die Wirtschaftstheorie sagt vorher, dass die Errichtung neuer Handelsbarrieren beiden Seiten schaden wird. Doch wirtschaftliche Grundsätze legen zugleich nahe, dass die grössere der beiden Volkswirtschaften weniger verlieren dürfte.

Im Fall eines Zolls etwa wird die geringere Nachfrage vonseiten der grösseren Volkswirtschaft tendenziell die Preise für die von ihr importierten Waren nach unten drücken. Die kleinere Volkswirtschaft dürfte nicht genug Einfluss auf die Gesamtnachfrage nach den von ihr importierten Waren und damit auf ihren Preis haben.

Grösserer Partner im Vorteil

Der Vorteil der gewichtigeren Volkswirtschaft ist noch grösser, was nichttarifäre Handelsbarrieren angeht, die häufig aus Unterschieden in Regulierungsvorschriften und Normen zwischen miteinander Handel treibenden Ländern herrühren. In den meisten Fällen muss das kleinere Land schlicht die Regeln des grösseren akzeptieren.

Angesichts dieser Tatsache haben die Brexit-Befürworter Unrecht mit ihrer Behauptung, dass sich das Vereinigte Königreich als Nettoimporteur in den Handelsverhandlungen mit der EU in einer starken Position befinden wird. Was zählt, ist die relative Grösse, nicht die Nettohandelsströme.

Mehrere Studien bestätigen dies und kommen zu dem Schluss, dass das Vereinigte Königreich den Löwenanteil der Brexit-Kosten tragen wird. Falls sich das Vereinigte Königreich und die EU auf eine neue Handelsbeziehung auf Grundlage der Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) einigen, so wird es gemäss diesen Studien etwa 110 Mrd. € verlieren, während die EU nur etwa 50 Mrd. € verlieren wird. Da die Volkswirtschaft der EU etwa fünfmal grösser ist als die des Vereinigten Königreichs, impliziert dies, dass der Verlust für Letzteres als Anteil vom BIP etwa zehnmal grösser wäre.

Nach der EU auch die USA und China

Falls keine Übereinkunft erzielt wird, wird sich dasselbe Ungleichgewicht ergeben, nur dass die Kosten für das Vereinigte Königreich noch grösser sein werden – eine Wahrheit, vor der die britische Ministerpräsidentin Theresa May, die erklärt hat, dass das Vereinigte Königreich bei für es ungünstigem Verhandlungsverlauf die Verhandlungen abbrechen würde, die Augen verschliesst. Ungeachtet der politischen Rhetorik ist ein «schlechtes Abkommen» für das Vereinigte Königreich tatsächlich besser als überhaupt kein Abkommen.

Doch die Verhandlungen mit der EU sind nur der Anfang. Das Vereinigte Königreich wird ausserdem Handelsabkommen mit anderen Partnern schliessen müssen, darunter den beiden weltgrössten Volkswirtschaften USA und China.

Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als bestünde bei den Verhandlungen mit den USA kein Grund zur Sorge. Schliesslich hat Präsident Donald Trump durchblicken lassen, dass das Vereinigte Königreich bei einem US-Handelsabkommen «an erster Stelle» stünde. Zudem hat er den Brexit gelobt und sogar andere EU-Mitgliedstaaten ermutigt, es dem Vereinigten Königreich gleichzutun und den Block zu verlassen.

«America first» und die Folgen

Aber Trump hat auch erklärt, dass bei allen Abkommen und Massnahmen der USA «America first» gelten werde, besonders was den Handel angehe. Dies wirft Zweifel auf, ob Trump bereit sein wird, die US-Märkte in den wenigen Bereichen zu öffnen, in denen das Vereinigte Königreich noch wettbewerbsfähig ist, wie etwa in der Luftfahrt- und der Automobilindustrie. Und selbst wenn er das tut, wird er es vermutlich nicht umsonst tun. Als absolutes Minimum wird das Vereinigte Königreich die US-Normen und -Regulierungsvorschriften einhalten müssen.

May weiss, dass sie, um von Trump ein annehmbares Abkommen zu bekommen, sein Spiel mitspielen muss. Deshalb hat sie, als Trump ein Dekret unterzeichnet hat, um allen Bürgern aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern die Einreise in die USA für neunzig Tage zu verbieten und syrischen Flüchtlingen die Tür auf unbegrenzte Zeit zu versperren, alle starken Aussagen vermieden. Im Gegensatz dazu hatten ihre Kollegen aus der EU im Vertrauen auf die Grösse und die Stärke der EU als Handelsblock keine Hemmungen, den Schritt zu verurteilen.

Dies wirft ein Schlaglicht auf eine Herausforderung, die die Brexit-Befürworter nicht vorausgesehen haben. Sie hatten erwartet, dass der Brexit vor dem Hintergrund des regelbasierten multilateralen Handelssystems ablaufen würde. Angesichts bestehender globaler Handelssysteme wie der WTO schien es, als ob selbst das Worst-Case-Szenario für Grossbritannien nicht gar so schlimm wäre und als ob die Folgen des Austritts aus der EU unbedeutend wären.

Was bleibt von der WTO?

Doch die Welt hat sich seitdem erheblich verändert. Trumps Aufstieg zur Macht wurde durch Versprechen angeheizt, die Fesseln der WTO – tatsächlich sogar aller internationalen Organisationen – abzustreifen und unilaterale Entscheidungen auf der Basis amerikanischen Eigeninteresses zu treffen. Selbst die Handelsgespräche mit der EU erscheinen einigen aus Trumps Gefolge zu multilateral, weil daran 27 Mitgliedstaaten beteiligt sind.

Ohne die USA wäre das regelbasierte internationale System deutlich weniger sicher – nicht zuletzt, weil andere bald Trumps Beispiel folgen und sich für bilaterale Übereinkünfte statt für multilaterale Zusammenarbeit entscheiden könnten. Wenn das Welthandelssystem an Offenheit verlöre, würden alle verlieren, aber nicht gleichermassen. Den USA, China und der EU (sofern sie denn überlebt) würde es viel besser ergehen als kleineren Volkswirtschaften wie dem Vereinigten Königreich.

Es bleibt abzuwarten, ob die USA mit ihrer Wirtschaftsmacht sich Trumps protektionistischen Ansatz leisten können. Doch es erscheint klar, dass dem Vereinigten Königreich im Rahmen des Brexit-Prozesses hohe Kosten entstehen werden. Wenn mehr Länder Trumps Führung folgen und das regelbasierte globale System weiter zerfällt, werden diese Kosten nur weiter steigen.

Copyright: Project Syndicate.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

2 Kommentare zu «Brexit in eine schöne neue Welt»

  • Luis Frei sagt: 19.02.2017 – 11:32 Uhr

    Die Idee EU hätte vor mehr als 200 Jahren eine Berechtigung gehabt. Ökonomen wie David Ricardo erkannten schon um 1810 die Bedeutung des grenzüberschreitenden Handels. Und Ökonomen vor ihm wussten wie wichtig Nationen und Landeswährungen waren um den Wohlstand einer Gesellschaft zu erhöhen. Die Welt hat sich seitdem naturgemäss vor allem wirtschaftlich sehr schnell entwickelt und Nationen, welche wie England die Grundprinzipien des Wohlstandes erkannten, geniessen heute noch hohe Lebensstandards. Insofern eröffnet den Brexit eine Reihe von kostengünstigen neuen Alternativen die mit der EU nicht möglich wären, selbst gegenüber der EU. Die EU-Idee mit ihren Zwängereien und Illusionen, kann somit heute nur einen Rückschritt bedeuten, denn man versucht die komparativen Vorteile von einzelnen Mitgliedern ständig mit gigantischen Kompensationszahlungen auszugleichen, wobei nur sehr wenige davon profitieren gleichzeitig aber kostenintensive Abhängigkeiten ohne nachhaltige Wohlstandswirkung entstehen. Diese Atrozität versucht man mit der Personenfreizügigkeit zu reduzieren wodurch aber noch gravierenden Kosten bei den anderen entstehen. Als Folge davon ist der Euro heute eine der grössten Gefahren geworden, die wir alle bezahlen ob wir wollen oder nicht. Was nicht in Ordnung ist!

  • Christian Landolt sagt: 17.02.2017 – 08:16 Uhr

    Aus den Angaben zum Autor ist ersichtlich wessen Brot er isst. Darum sicher kein neutraler Beitrag.