Meinungen

Brexit und der Finanzplatz London

Grosse Finanzplätze haben ein zähes Leben haben. Für die Zukunft der «City» sind die britische Wirtschaft und das Pfund Sterling nicht entscheidend. Ein Kommentar von Tobias Straumann.

Tobias Straumann
«In London ist das europäische Geschäft zwar wichtig, aber keineswegs dominant.»

Wie wird es Grossbritannien nach dem Brexit wirtschaftlich gehen? Steht das Land an der Schwelle eines langfristigen Abstiegs? Oder wird die britische Wirtschaft eine Renaissance erfahren? Diese Fragen stellen sich, seit die Verhandlungen in Brüssel in die heisse Phase eingetreten sind.

Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass eine Prognose äusserst schwierig ist. Bisher zielten die Auguren nur schon beim kurzfristigen Ausblick weit daneben. So haben der Internationale Währungsfonds und einige britische Behörden nach der Annahme des Brexit-Referendums eine Rezession vorausgesagt. Das Gegenteil trat ein. Die britische Wirtschaft erlebte ein robustes Wachstum, die Börse legte stark zu. Wenn bereits die kurzfristige Prognose so falsch gewesen ist, ist es schwer zu glauben, der langfristige Ausblick falle korrekt aus.

Grund für die grosse Unsicherheit ist, dass der Erfolg der britischen Wirtschaft wesentlich davon abhängt, wie die Regierung nach dem Brexit den neu gewonnenen Spielraum nutzen kann. Wie wird die Einwanderungspolitik ausgestaltet? Der Wegfall der Personenfreizügigkeit mit der EU könnte dazu führen, dass gezielt Fachkräfte aus aller Welt angezogen werden. Ein wichtiges Thema ist die Steuerpolitik. Wird London die Unternehmenssteuern stark senken? Schliesslich fragt sich, wie der Wegfall der automatischen EU-Regulierung auf die Wirtschaft wirken wird. Herrscht dann Rechtsunsicherheit, weil die EU der wichtigste Handelspartner bleiben wird, oder wird der Staat wirtschaftsfreundlicher?

Weder ein Krieg noch eine Umwälzung

Ein realistisches Szenario hängt auch davon ab, wie man die strukturellen Schwächen Grossbritanniens einschätzt, die unabhängig von der EU-Mitgliedschaft oder dem Brexit bestehen. Die berufliche Bildung ist unterentwickelt. Die industrielle Basis ist am Schrumpfen. Die hohe Ungleichheit behindert die soziale Mobilität und den Wettbewerb im höheren Lohnsegment des Arbeitsmarktes. Der Verschuldungsgrad der Banken und der Haushalte ist immer noch zu hoch. Wenn auf diesen Baustellen keine Fortschritte erzielt werden, wird Britannien früher oder später Wachstumsprobleme haben.

Obwohl eine Prognose prinzipiell unmöglich ist, sind viele Experten sicher, dass der Finanzplatz London der grosse Verlierer des Brexit sein werde. Frankfurt, Paris, eventuell Luxemburg würden sich als neue Finanzzentren Europas etablieren. Als Beleg für die Richtigkeit der Prognose wird auf Ankündigungen von Grossbanken hingewiesen, dass viele Arbeitsplätze auf den Kontinent verschoben werden sollen. Die Annahme ist, dass Grossbritannien bei den Dienstleistungen keinen privilegierten Zugang zum EU-Binnenmarkt erhalten und deshalb grosse Teile des Europageschäfts verlieren werde.

Aus historischer Sicht wirkt die Prognose vom baldigen Abstieg des Finanzplatzes London jedoch übertrieben. London muss wohl Federn lassen, aber die Erwartung, dass die Zeit als führender internationaler Finanzplatz Europas abgelaufen ist, scheint verfrüht. Finanzplätze haben eine ungeheure Beharrungskraft. In der Vergangenheit haben nur grosse Katastrophen – Kriege, dramatische Verschiebungen der wirtschaftlichen Verhältnisse – den Abstieg eines Finanzplatzes herbeigeführt. Der Brexit könnte zwar weitreichende politische und wirtschaftliche Folgen haben, aber der Vergleich mit einem Weltkrieg oder einer epochalen Umwälzung wie der industriellen Revolution ist weit übertrieben.

Ein berühmtes Beispiel für die zerstörerische Macht des Krieges ist der Abstieg Antwerpens, des bedeutendsten Finanzplatzes des 16. Jahrhunderts. Die flämische Stadt, damals unter spanisch-habsburgischer Herrschaft, stand zu Beginn des Jahrhunderts auf dem Höhepunkt ihrer Blüte. Sie war der wichtigste Hafen des europäischen Gewürzhandels mit Asien und des Zuckerimports aus Amerika, kontrollierte die Handelsrouten von der Ostsee bis zum Mittelmeer und beherbergte die grösste Börse. Antwerpen war das Zentrum der Weltwirtschaft. Nach Schätzungen liefen 40% des Welthandels über die Hafenstadt und wurden dort finanziert.

Noch um die Mitte des 16. Jahrhunderts wies nichts auf einen baldigen Abstieg hin. Doch dann änderte der niederländische Befreiungskrieg die Situation grundlegend. 1576 eroberte und zerstörte das spanische Heer Antwerpen ein erstes, zehn Jahre später ein zweites Mal, worauf die Kaufmanns- und Finanzelite in den protestantischen Norden zog, der den Befreiungskampf gegen Spanien erfolgreich beendete. Amsterdam wurde zum neuen Handels- und Finanzzentrum, das rekatholisierte Antwerpen stieg ökonomisch rasch ab.

Auch die Ablösung Amsterdams durch London war grossteils durch militärische Ereignisse bedingt. Nach dem Ende des Bürgerkriegs begann England, die holländische Konkurrenz mit merkantilistischen Praktiken, Piraterie und Seeschlachten gezielt zu schwächen. Ende des 17. Jahrhunderts war man bereits am Ziel. Die Vorherrschaft der holländischen Schiffe war gebrochen, im europäischen wie im Überseehandel. Der Aufstieg des Empire setzte im 18. Jahrhundert ein und beschleunigte sich im 19. Jahrhundert mit der industriellen Revolution.

Auch Verschiebungen innerhalb eines Landes sind meist militärisch bedingt. Berlin stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum führenden Finanzplatz Deutschlands auf und hielt diese Stellung bis zum Zweiten Weltkrieg. Doch die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg entzog der Stadt die wirtschaftliche und politische Basis. Frankfurt wurde zum Finanzzentrum der Bundesrepublik. Die Wiedervereinigung hat bisher nichts daran geändert.

Der Aufstieg New Yorks ist auf die  Weltkriege zurückzuführen. Geschwächt und verschuldet durch den Ersten Weltkrieg, war London nach 1918 nicht mehr in der Lage, die vorherrschende Stellung aufrechtzuerhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerfiel zudem das Empire, während die USA zur selben Zeit eine nie dagewesene ökonomische Dominanz hielten. Der Stabwechsel nach New York war entsprechend auch wirtschaftlich bedingt.

Der Grund für die Beharrungskraft globaler Finanzplätze ist in der langen Tradition begründet, die zu einer einzigartigen, daher nicht imitierbaren Ansammlung von Wissen und Erfahrung führt. Ferner sind globale Finanzplätze breit verankert. Sie bieten alle Geschäfte an, nicht nur die Vermögensverwaltung wie bspw. Zürich oder Genf oder nur Versicherungsprodukte wie bspw. München. Alles ist an einem Ort versammelt, und die ganze Welt ist daran beteiligt. So ist in London das europäische Geschäft zwar wichtig, aber keineswegs dominant. Er ist eng verwoben mit New York und Hongkong.

Angelsächsisches Recht dominiert

London hat auch eine Breite von Finanzmärkten und Dienstleistungen, die andernorts nicht einmal im Ansatz vorhanden ist. So ist etwa der Geldmarkt in Frankfurt und Paris international bedeutungslos. Des Weiteren beruht das internationale Finanzgeschäft auf angelsächsischem Recht, nicht auf kontinentaleuropäischem. Es ist unvorstellbar, dass nur wegen des Brexit nun alles geändert würde. New York und Hongkong würden nie mitmachen. Schliesslich gilt es zu berücksichtigen, dass Londons Bedeutung als globaler Finanzplatz auf dem Dollargeschäft beruht. Die britische Wirtschaft und das englische Pfund sind hingegen irrelevant. Das heisst, eine mögliche Schwächung Grossbritanniens wegen des Brexit hätte keine Folgen. Wie Antwerpen vor 500 Jahren ist London ein Finanzplatz, der weitgehend losgelöst von der Wirtschaft seines Heimatlandes operiert.

Was also auf den ersten Blick völlig klar zu sein scheint, sieht aus einer längerfristigen Perspektive ganz anders aus. Es ist deshalb besser, wir finden uns damit ab, dass wir die Folgen des Brexit kaum voraussehen können, zumal es in Europa an Problemen, deren Folgen wir bereits kennen, keineswegs mangelt.

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