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«Briten sind für einen No-Deal-Brexit nicht bereit»

Der britische Notenbankpräsident Mark Carney fürchtet den schlimmsten Crash seit den Dreissigerjahren, falls Grossbritannien das Abkommen mit der EU ablehnt.

Wenige Tage vor der richtungsweisenden Abstimmung zum Brexit-Abkommen im britischen Parlament hat die Bank of England eine Analyse erstellt, was dem Land im Falle eines chaotischen Austritts droht. Das Ergebnis ist ernüchternd.

So könnte Grossbritannien die schlimmste Rezession seit fast neunzig Jahren drohen, das Wirtschaftswachstum würde um 8% fallen – und damit mehr noch als in der Finanzkrise. Damals tauchte die Konjunktur um 6,3%. Zudem könnten die Häuserpreise um 30% sinken und das Pfund Sterling zum Dollar ein Viertel an Wert verlieren und unter die Parität fallen. Derzeit notiert die britische Valuta bei rund 1.27 $. Die Inflation würde nach Berechnung der BoE auf 6,3% steigen, die Arbeitslosigkeit sich von heute 4 auf 7,5% fast verdoppeln.

«Grossbritannien ist auf einen No-Deal-Brexit nicht vorbereitet», so das Fazit von Notenbankchef Mark Carney, der wegen des EU-Austritts des Landes nicht wie vorgesehen im kommenden Sommer abtritt. «Unsere Aufgabe ist es nicht, auf das Beste zu hoffen, sondern uns auf das Schlimmste vorzubereiten.»

Brexit-Deal mit den geringsten Auswirkungen

Auch die Regierung von Theresa May hat untersuchen lassen, wie sich die verschiedenen Brexit-Szenarien auf die Wirtschaftskraft des Landes auswirken. Die beste Lösung läge darin, die europäische Gemeinschaft gar nicht zu verlassen. Sagt das Parlament Ja zu dem von May vorgeschlagenen Brexit-Abkommen, sinkt die Wirtschaftsleistung über fünfzehn Jahre bis zu 3,1%.

Deutlich schlechter schneiden alternative Varianten ab. Der sogenannte Canada-Style-Deal, bei dem Grossbritannien ein Freihandelsabkommen mit der EU abschliesst, wie es Kanada vorgemacht hat, bringt ein Minus von 8%, bei einem No-Deal-Szenario sind es 10%.

Mays Weibeln um Unterstützung

«Die Analyse bedeutet nicht, dass wir in Zukunft schlechter gestellt sind als heute», sagte Premierministerin Theresa May am Mittwochabend in der wöchentlichen Fragestunde im Parlament. Sie wolle vor allem aufzeigen, dass das Land dank der mit der EU verhandelten Austrittsvereinbarung besser fahre.

May weibelt derzeit im eigenen Land um Unterstützung für das Abkommen, dem die verbleibenden 27 EU-Staaten am vergangenen Sonntag zugestimmt haben. Derzeit ist es völlig in der Schwebe, ob es ihr gelingt, bei der Abstimmung am 11. Dezember die für die Zustimmung nötigen 320 Stimmen im Unterhaus für sich zu gewinnen.

Entrüstung bei Brexit-Befürwortern

Die Prognosen der Regierung und der Notenbank sorgen bei den Brexit-Befürwortern für grosse Aufregung und Entrüstung. Jacob Rees-Mogg, Brexit-Hardliner und einflussreicher Tory-Politiker, beschimpfte Mark Carney als kanadischen Zweitklasspolitiker, der es nicht geschafft habe, in die kanadische Politik zu gelangen, und dann einen Job in England erhalten habe.

Steve Baker, ebenfalls ein führender Brexit-Befürworter im Parlament, brachte Zweifel an der ökonomischen Kompetenz der Regierung an. Aus denselben Reihen kamen zudem Vorwürfe, sowohl die Notenbank wie die Regierung würden das Gespenst des «Project Fear», des Angstprojekts, wiederaufleben lassen.

«Project Fear» wurde während der Brexit-Kampagne 2016 zum geflügelten Wort der Brexiteers gegenüber den europaphilen Wählern. Diese hatten bereits damals vor einem wirtschaftlichen Einbruch gewarnt.

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