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Britische Too-big-to-fail-Frage beim Baukonzern Carillion

Der britische Bauriese hat öffentliche Bauaufträge erhalten, trotz bekannter finanzieller Schwierigkeiten. Jetzt stellt sich die Frage, ob der Staat hilft.

(Reuters) Der Zusammenbruch des britischen Baukonzerns Carillion bringt sowohl Banken als auch die Regierung in Grossbritannien in Bedrängnis. Der Fall steht für eine der grössten Firmenpleiten in Großbritannien. In den Büchern der grossen Kreditinstitute, darunter Barclays (BARC 172.82 2.16%), Royal Bank of Scotland und Lloyds Banking Group, stehen rund 1,6 Mrd. Pfund an Krediten an den Konzern. Ein Grossteil davon dürfte verloren sein.

Das 200 Jahre alte Unternehmen zählt weltweit rund 43 000 Beschäftigte, 20 000 davon in Grossbritannien. Es baute und betreibt für den Staat unter anderem Hospitäler, Gefängnisse, Verteidigungsanlagen und Bahnstrecken. Daher steht nun die britische Regierung unter dem Druck, viele dieser Aufgaben abzusichern und den Beschäftigten die Gehälter zu zahlen.

Opposition fordert Antworten

Die Opposition dringt zudem auf eine Erklärung, warum Carillion neue Aufträge des Staates in Milliardenhöhe erhalten hat, obwohl die Firma bereits in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckte. Die Pleite dürfte zudem zahlreiche Zulieferer und andere kleinere Unternehmen mit in den Strudel ziehen.

Die Regierung erklärte, Priorität habe nun die Aufrechterhaltung öffentlicher Dienste. Sie forderte die Mitarbeiter auf, weiter ihrer Arbeit nachzugehen, und versprach eine Zahlung der Gehälter. Ein Rettungsprogramm wie für die Banken in der Krise von 2007 bis 2009 ist allerdings nicht geplant. Die Labour-Partei und die Gewerkschaften hatten gefordert, das Unternehmen nicht mit Steuergeldern zu retten.

Die Opposition aus Labour und Liberaldemokraten will ausserdem von der Regierung wissen, warum Carillion nach einer ersten Gewinnwarnung im Juli noch mehrere Staatsaufträge im Umfang von 1,3 Mrd. Pfund bekommen hat. Der Labour-Politiker Jon Trickett erklärte, schon seit sechs Monaten hätten alle Alarmglocken schrillen müssen. Die Regierung müsse nun offenlegen, ob sie ihrer Sorgfalts- und Kontrollpflicht nachgekommen sei.

Vergeblich nach Auswegen gesucht

In den vergangenen Tagen und Wochen suchten Regierung, Management und Banken eine Ausweg aus der Krise des Unternehmens, das Verzögerungen bei Projekten und einen Auftragsrückgang für die wirtschaftliche Schieflage verantwortlich machte. Carillion war in Grossbritannien, Irland, Kanada, dem Nahen Osten und Nordafrika aktiv. Zu den großen Projekten des Unternehmens gehörte das Royal Opera House in London, ein Straßentunnel am Suezkanal und der Bahnhof Union Station in Toronto.

Im Juli, kurz nach der ersten von insgesamt drei Gewinnwarnungen im vergangenen Jahr, erhielt Carillion einen Auftrag beim Bau der Hochgeschwindigkeitsbahn High Speed 2 (HS2) – ein britisches Vorzeigeprojekt, das die Hauptstadt besser mit dem Norden des Landes verbinden soll. Die Regierung betonte nun, dass die Bahnstrecke nicht gefährdet sei. Die anderen beteiligten Firmen hielten daran fest. Kritiker sagten aber, der Zusammenbruch von Carillion werde die Kosten für HS2 weiter in die Höhe treiben. Seit 2012 stiegen sie bereits um 20 Milliarden auf derzeit kalkulierte 56 Milliarden Pfund.

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