Meinungen

Britisches Kabarett

Lieber Brexit mit Boris Johnson: Die Wahl des britischen Premierministers wirft Fragen auf. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Pascal Meisser.

«Johnson punktet vor allem mit der Aussage, dass das Königreich am 31. Oktober die EU verlassen werde, was auch immer auf dem Tisch liegt.»

Kaum jemand zweifelt noch daran: Boris Johnson wird in gut einer Woche als Nachfolger von Theresa May in das Haus an 10 Downing Street, der offiziellen Residenz des Premierministers, einziehen. Noch bevor am Freitagabend die zweite TV-Runde der beiden Anwärter auf das Amt – neben Johnson ist auch Aussenminister Jeremy Hunt im Rennen – stattfand, hatte bereits rund die Hälfte der gegen 160 000 Mitglieder der Konservativen Partei ihre Stimme abgegeben.

Johnsons zuletzt in Umfragen gemessener Popularitätsvorsprung auf Hunt ist zu gross, als dass sich das Unvorstellbare noch ereignen könnte. Trotz des klaren Verdikts der Parteibasis ist der neutrale Beobachter geneigt, sich ob des kabarettähnlichen Stils, der in der britischen Innenpolitik vorherrscht, die Augen zu reiben. Es genügt ein Rückblick auf das erste TV-Duell zu Anfang der Woche: Hier Aussenseiter Jeremy Hunt, der eloquente Akademiker mit gepflegtem Kurzhaarschnitt, klaren Gedanken und Visionen, dort Boris Johnson, mit blonder Wuschelfrisur, um Worte ringend, bemüht, einen richtig konstruierten Satz über die Lippen zu bringen.

Johnson punktet vor allem mit der Aussage, dass das Königreich am 31. Oktober die EU verlassen werde, was auch immer auf dem Tisch liegt. Viele Briten fragen sich, ob das die richtige Verhandlungstaktik ist. Gelingt kein Deal, würde Johnson für die Option des harten Brexit gar eine Suspendierung des Parlaments in Erwägung ziehen, denn das Unterhaus hatte sich wiederholt dagegen ausgesprochen, die EU ohne Deal zu verlassen. Bereits beschäftigt sich das Parlament damit, mit welchen Mitteln es einer zeitweiligen Suspendierung entgegenwirken könnte. Zuletzt hat der frühere Premierminister John Major angekündigt, allenfalls gerichtlich gegen Johnsons Vorhaben vorgehen zu wollen. Die britische Politik läuft Gefahr, vor lauter internen Zwistigkeiten den Überblick zu verlieren.

Die Wahl des neuen Premierministers wirft mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Allein das Wahlsystem im Vereinigten Königreich ist bemerkenswert. Indem einzig die Mitglieder der Regierungspartei das Sagen haben, entscheiden 0,24% der britischen Bevölkerung, wer das Land in einer Zeit der wichtigsten politischen Entscheidungen seit Jahrzehnten führen soll.

Dass sich die Parteibasis in dieser Situation ausgerechnet für jenen Kandidaten entscheidet, der es liebt, sich um klare Antworten zu drücken, hat einen Grund – die Angst vor den politischen Gegnern, die den Anspruch der Konservativen auf die Führungsrolle in Frage stellen. Lange galt Labour-Chef Jeremy Corbyn als Angstbild, heute droht die Gefahr von rechts. Die Brexit-Partei mit Nigel Farage an der Spitze droht mit ihrem Isolationskurs den Tories das Wasser abzugraben. Das genügt, um die Mitglieder der Konservativen dazu zu bringen, die Sicherstellung des Führungsanspruchs ihrer Partei über das Gesamtwohl des Landes zu stellen.

Derweil tickt die Brexit-Uhr in der Verlängerungsperiode unerbittlich weiter.

Leser-Kommentare

Jean Ackermann 12.07.2019 - 17:09
Wenn man die Arroganz und das Auftreten der EU gegen May revue passieren lässt, dann fragt man sich was es sonst noch für Möglichkeiten gibt die EU zu verlassen ohne als eine gebeutelte Kolonie der EU zu enden. Es wäre hypothetisch interessant, wie Herr Meisser als enlischer Premier England aus der EU führen würde! Vielleicht schlussendlich auch wie es Johnson… Weiterlesen »