Meinungen

Britisches Schönwettermodell ist am Ende

Das Beispiel Grossbritannien zeigt: Die Privatisierung von Bahnen ist nicht trivial. Ein Kommentar von FuW-Korrespondent Pascal Meisser.

«Interessenkonflikte sind programmiert: Private Zugbetreiber wollen den Gewinn maximieren, die Kunden jedoch den bestmöglichen Service erhalten.»

Ausgerechnet das Zug-Pionierland Grossbritannien ist mit der Privatisierung der Eisenbahn gescheitert, zumindest teilweise. Mit Wales und Schottland haben gleich zwei der drei Landesteile auf der Insel die Coronakrise zum Anlass genommen, den Zugverkehr wieder zu verstaatlichen. Während Wales dies schon vor eineinhalb Monaten umgesetzt hat, wollen die Schotten in einem Jahr gleichziehen. Sie sind nicht mal die Ersten: England hat bereits in den vergangenen drei Jahren zwei Linien, unter anderem die Hauptverbindung von London nach Edinburgh, wieder unter staatlichen Besitz gestellt. Gemessen an der Zahl der Konzessionen ist damit ein Viertel des gesamten britischen Schienenverkehrs entprivatisiert worden.

Für ein Land, das im vergangenen Vierteljahrhundert so stark auf den Verkauf von Staatskonzernen gesetzt hat wie kein anderes in Europa, ist das bemerkenswert. Doch was genau ist schiefgelaufen? Das Hauptproblem lässt sich auf einen simplen Konstruktionsfehler herunterbrechen. Das Eisenbahnnetz ist bei der Entstaatlichung in seine ursprüngliche Fassung zurückgesetzt worden. Aus einem grossen Monopol sind viele kleine Monopole entstanden. Keine Konkurrenz bedeutet zugleich keinen Druck, die Preise zu senken oder den Qualitätsstandard zu erhöhen. Das führt dazu, dass etwa für die viereinhalbstündige Strecke London-Edinburgh ein Zweitklassticket mehrere hundert Franken kosten kann. Da ist es meist billiger, auf das Flugzeug auszuweichen.

Diese Problematik trat während der Coronakrise noch deutlicher auf als bereits zuvor. Wegen des Einbruchs der Fahrgastzahlen haben Zugbetreiber ihren Fahrplan erheblich ausgedünnt. Dazu kommt das Problem von kurzfristig ausfallenden Verbindungen, das bereits vor der Pandemie existierte. Aus Schweizer Sicht ist es fast unvorstellbar, dass auf einer bestimmten Strecke wegen fehlenden Personals jeder vierte Zug ausfällt. Teilweise sind einzelne Zugbetreiber derart unzuverlässig, dass der Regulator sie verwarnen muss.

So weit wollen es Wales und Schottland gar nicht kommen lassen. Wegen Bedenken, dass die Versorgungssicherheit im öffentlichen Verkehr noch stärker leiden könnte, haben sie vorzeitig die Reissleine gezogen – und damit ein klares Signal ausgesandt. Diese Art der Privatisierung, die auf einem Schönwettermodell basiert, ist gescheitert. Denn solange keine Anreize gesetzt werden, den Kunden nicht bloss als Goldesel zu betrachten, wird die Servicequalität mangels Konkurrenz weiter abnehmen. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass Umfragen seit längerer Zeit zeigen, dass sich die Briten eine verstaatlichte Eisenbahn zurückwünschen, selbst wenn sich wohl niemand nach der desolaten und unzuverlässigen British Rail von damals zurücksehnt.

Die frühen Jahre der Privatisierung haben durchaus gezeigt, dass der Markt gegenüber dem Staat für Verbesserungen sorgen kann. Längerfristig kann dieses Modell aber nur funktionieren, wenn sie auch beim Kunden so wahrgenommen werden.