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Bruges-la-Morte

Brügge ist quicklebendig. Die Perle Flanderns zieht Besucher aus aller Welt an, zu Recht. Die alten Häuser, Plätze und Kanäle, das nahezu unversehrt erhaltene, ­gepflegte ­Ensemble – nicht zu vergessen die Wirtshäuser, in denen eine Vielfalt feinster Biere gezapft wird und Miesmuscheln mit Pommes frites munden wie schier nirgendwo sonst – rechtfertigen die Reise.

Doch das edel Museale der Oberfläche zeigt diskret an: Wirtschaftlich spielt in Belgien die Musik anderswo, in Antwerpen, Gent, Brüssel, Lüttich. Im 19. Jahrhundert war Belgien, erst 1830 entstanden, eines der ersten Länder auf dem europäischen Festland, das sich industrialisierte (Grossbritannien lag damals weit voraus), rasch und massiv.

In der frühen Neuzeit dagegen florierte Brügge dank Handel, Messe und Textilmanufakturen und wurde eine der reichsten Städte Europas. Dazu trug entscheidend eine Laune der Natur bei. 1134 riss eine Sturmflut einen Meeresarm ins Binnenland, den Zwin. Das verschaffte Brügge, etwa 15 km von der Küste gelegen, direkten Zugang zum See­handel und ermöglichte erst den internationalen Austausch – etwa mit englischer Wolle, italienischen Gewürzen, russischen Pelzen, französischem Wein, flämischen Gobelins.

Die Händler aus Genua, Florenz, Venedig und den Städten der Hanse unterhielten in Brügge Kontore. Im Haus der Kaufmannsfamilie Van der Beurze tätigten heimische und fremde Kaufleute regelmässig ihre Wechselgeschäfte; der Begriff «Börse» soll von daher rühren, doch das ist nur eine von mehreren etymologischen Herleitungen.

Die Blüte dauerte bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts, namentlich also bis in Brügges burgundische Zeit. Diese war passé, als der ehrgeizige Herzog Karl der Kühne 1477 fiel (er ruht in Brügges Liebfrauenkirche) – nicht zuletzt die eidgenössischen Raufbolde hatten ihm zugesetzt. Was Brügge jedoch mehr und mehr in einen Dornröschenschlaf entschlummern liess, war das Versanden des Zwin ab dem Ende des 15. Jahrhunderts; alles Baggern und Kanalisieren half nichts. Die Stadt, die nie grosse Kriegs- oder Brandschäden erlitt, ­geriet zur steingewordenen Epochenverschleppung.

Im aufstrebenden jungen Königreich Belgien hatte die Unternehmerschaft Westflanderns jedoch wenig Sinn für Romantik und forderte einen Wasserweg von Brügge zum Ärmelkanal. Zu diesem Zweck nahm die Compagnie des Installations Maritimes de Bruges Kapital auf, wie diese schmucke Obligation zeigt. 1892 begannen die Arbeiten am Kanal und am neuen Überseehafen Zeebrugge; 1907 eröffnete König Leopold II. (Privatbesitzer des Kongo) die Anlagen.

Exakt als der Kanalbau einsetzte, veröffentlichte der aus Gent stammende Schriftsteller Georges Rodenbach – mehr ein Poet der Innerlichkeit als ein Prosaiker der kapitalistischen Moderne – den Roman «Bruges-la-Morte»: die Geschichte des trauernden Witwers Hugues im kongenial todesstarren Brügge. «Morte… morte… Bruges-la-Morte…», das murmelt der arme Held im Takt des Glockenschlags der nahen Kirche am Ende des Texts. Was Rodenbach, gestorben 1898, nicht ahnte: Sein Buch lockte die ersten Touristen nach Brügge.