Luxus / Kunst 09:38 - 14.02.2017

Buenos Aires: Das Potenzial der Kunst

Daniel Eskenazi
Die Kunstszene der argentinischen Hauptstadt sprüht vor Energie. Viele junge Künstler haben sich im Stadtteil Villa Crespo niedergelassen, wo die Mieten noch relativ niedrig sind.

I n der argentinischen Kunstszene brodelt es. Seit der Jahrtausendwende haben in den Stadtteilen Palermo und Villa Crespo Dutzende von Galerien ihre Pforten geöffnet. Die Einrichtung mehrerer Museen von internationalem Ansehen ist bestimmt mitverantwortlich für diese neue Dynamik. Malba zum Beispiel, das 2001 vom Unternehmer Eduardo Costantini gegründete Museum für lateinamerikanische Kunst, zählt Werke von Frida Kahlo, Fernando Botero und Guillermo Kuitca zu seiner ständigen Sammlung.

Und auch die Fundación Proa im Stadtteil La Boca konnte sich in den letzten zwanzig Jahren ein internationales Renommee aufbauen. Dank der Sogwirkung dieser Institution wurden in den letzten drei Jahren mehrere Galerien, wie beispielsweise Isla Flotante und Barro, eröffnet. Barro setzt den Fokus seit 2014 auf zeitgenössische argentinische Künstler. «Einige sind international bekannt, so zum Beispiel Marcelo Pombo, Moinca Giron und Nicola Costantino. Aber wir fördern auch junge Künstler», betont Juliana Fontalva, Assistentin bei Barro. Das Ziel bleibt jedoch dasselbe: Man will die argentinischen Künstler im Ausland bekanntmachen, entweder über Künstlerresidenzen für die jüngsten oder mithilfe der namhaftesten Galerien in Berlin, Paris und den USA. «Die argentinische Gegen

zoom2002. Floralis Generica war ein Geschenk des argentinischen Architekten Eduardo Catalano. Die Blume aus Eisen und Aluminium stellt das Emblem von Buenos Aires dar. Sie öffnet sich bei Sonnenaufgang und schliesst sich bei Sonnenuntergang wartskunst hat sich in den letzten sechs bis sieben Jahren stark entwickelt. Die Künstler sind kreativer und motivierter und vermehrt an internationalen Kunstmessen vertreten. Trotzdem gibt es noch ein grosses Potenzial, das es auszuschöpfen gilt», stellt sie fest.

Die neue argentinische Kunstszene Die Eroberung des ausländischen Kunstmarktes durch argentinische Kunstschaffende nahm in den 1960er-Jahren ihren Anfang. Die 1965 in Buenos Aires eröffnete Galerie Ruth Benzacar spielte bei dieser Entwicklung eine Vorreiterrolle. 1966 nahm sie an der ARCO Madrid teil und wurde in wenigen Jahrzehnten zu einer internationalen Referenz. Nach dem Tod ihrer Gründerin im Jahr 2000 übernahm deren Tochter Orly Benzacar das Zepter.

Nur ein Jahr später erlebte Argentinien die grösste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. «Ich habe mich trotzdem entschieden, die Internationalisierung unserer Galerie voranzutreiben und 2002 argentinische Künstler an der ersten Art Basel Miami zu präsentieren», erzählt sie. Gleichzeitig vertraute sie auf junge argentinische Künstler, die noch nie eine Einzelausstellung hatten und rief den Kunstwettbewerb Curriculum Zero ins Leben. Zwischen 2002 und 2012 konnten Dutzende von Künstlern in den Gruppenausstellungen der Galerie mit

ihren Werken an die Öffentlichkeit gelangen. Für die Gewinner des Wettbewerbs wurde jeweils eine Einzelausstellung organisiert. Die Auslese kann sich sehen lassen: «Der zweite Preisträger war Adrián Villar Rojas, ein mittlerweile weltweit anerkannter Künstler. Dank Curriculum Zero wurden auch Nicanor Aráoz, Eduardo Navarro, Luciana Lamothe und Eduardo Basualdo entdeckt.

Der Wettbewerb brachte in der Krisenzeit eine neue Künstlerszene hervor und gab ihr Impulse, die für die Entwicklung der jungen argentinischen Kunstschaffenden dringend notwendig war», versichert sie. Während der Wirtschaftskrise gründete Eduardo Basualdo mit vier anderen Künstlern die Gruppe Provisorio Permanente (2002). «Dadurch konnten wir Installationen mit sehr geringen finanziellen Mitteln gestalten, uns weiterbilden und eine gemeinsame Energie entwickeln. Wir haben auch industrielles Material aus Fabriken verwendet, die wegen der Krise geschlossen wurden.

Unser Konzept bestand darin, eine Art zeitgenössische urbane Archäologie zu schaffen, aber die Krise selbst war nie ein künstlerisches Thema. Sie hat uns nur veranlasst, diese Gruppe ins Leben zu rufen», erzählt der international bekannte Künstler. Einer, der in Künstler wie Eduardo Basualdo investiert, ist Esteban Tedesco, einer der grössten argentinischen Sammler zeitgenössischer Kunst.

zoom Die Galerie Barro wurde 2014 im Stadtteil La Boca eröffnet und konzentriert sich auf argentinische Künstler, die sie auf internationaler Ebene fördert. In vierzig Jahren hat er um die 2000 Werke gekauft. «Heute konzentriere ich mich vor allem auf junge argentinische Kunstschaffende zwischen 20 und 30 Jahren wie Joaquín Boz, Alexis Minkiewicz oder Eduardo Navarro und Andrea Villa, die allerdings bereits über 30 sind», bekräftigt er. «Zu den älteren zählen Jorge Macchi und Guillermo Kuitca, aktuell wohl die besten argentinischen Künstler.»

Die Krise als kreativer Impuls Laut Tedesco hat sich die argentinische Künstlerszene seit der Wirtschaftskrise von 2001 stark verbessert. Die Krise war quasi der Zünder, der der argentinischen Kunst zur Explosion verhalf. Vor allem auch Frauen erlangten Bekanntheit. In den 2000er-Jahren stellten lokale Künstler ausserdem vermehrt im Ausland aus. «Generell sind die Preise aber vor allem im internationalen Vergleich relativ tief geblieben», stellt Esteban Tedesco fest. Der fünfzigjährige Maler Alejandro Parisi teilt diese Meinung: «Die Preise der Kunstwerke sind sehr niedrig und schwankend. Ohne Unterstützungsbeiträge oder Preisgelder können die Künstler kaum überleben, denn der Markt ist sehr klein. Viele geben nebenbei Kurse. Die Bourgeoisie, die in den 1950erbis 1970er-Jahren Kunst kaufte, ist mit der Diktatur und den darauffolgenden Krisen verschwunden. In Argentinien

kommt eine Karriere als Künstler quasi dem Widerstand gleich», fügt er an. Die finanziellen Umstände haben viele junge Künstler dazu bewegt, sich in Villa Crespo niederzulassen, denn dort sind die Mieten noch günstig. «Ich kenne ungefähr zwanzig Künstler, die wie ich in den letzten Jahren in diesen Stadtteil gezogen sind», sagt der 28-jährige Bildhauer Alexis Minkiewicz. Sein Kunststudium hat er unterbrochen. «Ich beschloss, meine Ausbildung über eine Assistenz bei Bildhauern und Künstlern zu machen, um etwas Geld zu verdienen, denn ich hatte weder eigene finanzielle Mittel noch Unterstützung.

Dabei habe ich gelernt, die Materialien und ihre Beschaffenheit zu verstehen und zu beherrschen. Sie sind bei meinen Arbeiten das Wichtigste. Heute werden meine Installationen von Sammlern und über staatliche Subventionen finanziert», erklärt er. Die Kuratorinnen Alejandra Aguado und Solana Molina Viamonte haben für die Gründung von Móvil ebenfalls private und staatliche Unterstützungsbeiträge erhalten. Ihr 2014 eröffneter Raum für zeitgenössische Kunst verfolgt keine kommerziellen Ziele. Er richtet sich an junge Kunstschaffende, die noch nie eine Einzelausstellung hatten. «Wir möchten ihnen eine Plattform bieten, damit sie kreativ sein können und wir unterstützen sie finanziell, damit sie Werke eigens für unseren Raum schaffen.

Damit füllt Móvil in Buenos Aires eine Lücke», unterstreicht Aguado. Die Kunstszene habe sich in Buenos Aires in den letzten Jahren stark entwickelt, hält die Argentinierin fest. «Die Künstler sind sehr motiviert und haben Lust, etwas zu gestalten, ihnen fehlen aber die Plattformen. Die Entfernung von Buenos Aires zum internationalen Kunstmarkt ist problematisch», bedauert sie. Der Markt sei zwar klein und etwas abgelegen, könne aber mit vielen Vorteilen punkten, versichert Patrick Foret, Leiter der Art Basel Cities. In der argentinischen Hauptstadt gebe es eine Vielzahl herausragender, international noch eher unbekannter Künstler, Galerien und Museen.

Buenos Aires wurde deshalb im September als erste Partnerstadt ausgewählt, um deren zeitgenössische Kunst auf internationaler Ebene zu fördern. «In Südamerika ist die Kunstszene von Buenos Aires die mit dem grössten Potenzial, da sie herausragende Kunst hervorbringt und ihr lediglich die Plattform fehlt, sich grössere Bekanntheit zu verschaffen. Unser Netzwerk umfasst 500 Galerien auf der ganzen Welt, die sich die Kunstszene in Buenos Aires ansehen werden. Ausserdem haben uns Dutzende von grossen Sammlern signalisiert, dass sie gerne nach Buenos Aires kommen möchten, aber bisher noch auf die richtige Gelegenheit gewartet haben.» 2017 ist es so weit.

 

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