Robinson Crusoe lebte 28 Jahre, zwei Monate und 19 Tage auf seiner Insel, davon die ersten 25 Jahre einsam und allein: «Ich bin von allen Menschen und von aller Welt abgesondert», notierte der Schiffbrüchige ins Tagebuch; «ich bin aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen und muss als Einsiedler leben.» Der Roman von Daniel Defoe (1660–1731), erschienen 1719, war ein Riesenerfolg und wurde sogleich übersetzt; hier werden alte französische Ausgaben gezeigt. Der «Robinson» ist weit mehr als bloss ein Abenteuerschmöker für die Jugend: ein Schlüsseltext der Neuzeit nämlich. Der gestrandete, ganz auf sich gestellte Robinson akzeptiert bald sein Schicksal, nutzt seine Zeit, beherrscht die ihn umgebende Natur auf findige Weise von Tag zu Tag besser und behält damit auch sein Leben im Griff. Das lässt sich lesen als  Gleichnis auf den Wesenskern des modernen Bürgertums: Selbstständigkeit, -verantwortung und -kontrolle, plus Arbeitsamkeit und Forschergeist. Wenn der ein Jahrhundert zuvor erschienene «Don Quijote» ein Abgesang auf das Mittelalter war, so nahm «Robinson» Industrialisierung und Globalisierung vorweg. Zum Schluss wird Robinson Kolonialherr – Herr nicht nur seiner selbst, sondern auch über andere.  (Bild:Walter Bieri/Keystone)