Langsam öffnet sich das Eingangstor des Château St. Jean, der Traumfabrik von Ettore Bugatti im elsässischen Molsheim. Ein Wildpark umgibt das klassizistische Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Der Prachtbau ist seit 1909 das Zuhause der Marke und heutiger Unternehmenssitz.

Am Ende der Allee steht ein Bogen, der letzte Überrest der einstigen, im 13. Jahrhundert errichteten Komturei des Johanniterordens. Man kann
sich nur schwer vorstellen, dass hier der schnellste Supersportwagen der Welt gebaut wird.

Auf dem Schlossgiebel prangt die lateinische Devise «semper fidelis» («immer treu»). Treu ist der Bugatti Chiron dem Grundsatz von Ettore Bugatti: «Wenn er vergleichbar ist, dann ist es kein Bugatti», pflegte der Firmengründer zu sagen.

Die unzähligen mechanischen Rekorde dieses Boliden sind in der Automobilindustrie bisher unerreicht. Die Fakten sprechen für sich: 1500 PS, in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h, in 13,1 Sekunden von 0 auf 300 km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 450 km/h, die aber auf 420 km/h eingebremst wird.

Der vierfach aufgeladene 8-l-W16-Motor mit der neu entwickelten Registeraufladung erzeugt neben 1500 PS ein gigantisches Drehmoment von 1600 Nm. Im Vergleich zum 2001 erstmals präsentierten Bugatti Veyron hat er 499 PS mehr Power und zusätzliche 50 km/h auf dem Tacho.

Somit ist der Bolide der Superlative 100 km/h schneller als der Ferrari oder der Porsche 918 Spider und entwickelt doppelt so viel Kraft wie der Lamborghini Aventador. Die Architektur des W16-Motors wurde vom Veyron übernommen.

Unglaublich, aber wahr: Trotz der 499 zusätzlichen PS wiegt er nicht mehr. Um das Gewicht gering zu halten, wurden 92% neue Teile verbaut. Nicht weniger beeindruckend sind die verkaufstechnischen Zahlen: Wer einen Chiron sein Eigen nennen will, muss 2,2 Mio. auf den Tisch legen, sich für diesen Preis aber mit der Grundausstattung zufriedengeben.

Ende 2017 sind bereits 300 der 500 angekündigten Autos bestellt, obwohl Bugatti die Produktion erst im Mai aufgenommen hat. Bis heute konnten erst 70 Stück ausgeliefert werden. Wer Anfang 2018 einen Chiron bestellt, muss sich bis 2021 gedulden, bis er sich hinters Steuer setzen kann.

Im Château St. Jean, wo Volkswagen seine Montagefabrik neu eingerichtet und vergrössert hat, bauen rund zwanzig Mitarbeiter zehn Bugatti in genau definierten Schritten zusammen.

Im Inneren herrscht aufgeräumte Sachlichkeit. Die helle, lichtdurchflutete Produktionsstätte ist dem Perloval des 2005 eingeführten Markenlogos nachempfunden. Sie sieht eher aus wie ein Operationssaal als wie eine Autofabrik.

Kein Maschinenlärm, kein Fliessband, kein Roboter. Wie in der Werkstatt eines Formel-1-Rennstalls wird in drei Boxen alles in Handarbeit zusammengebaut. Sechs Monate dauert es durchschnittlich vom Produktionsstart bis zur Auslieferung eines Chiron.

Teile werden in Molsheim hingegen keine produziert. Sie werden von hoch spezialisierten, auf ganz Europa verteilten Unternehmen gefertigt, die der komplexen Aufgabe gewachsen sind. Zulieferer von VW sind so gut wie keine darunter.

Erstaunlicherweise besteht auch keine Zusammenarbeit mit Lamborghini, die Audi und somit ebenfalls VW gehört.  Jeder Marke ihre DNA und ihre Industriegeheimnisse! Der bevorstehende Wechsel des ehemaligen Lamborghini-Chefs Stephan Winkelmann an die Spitze von Bugatti dürfte allerdings beim Know-how-Transfer für einige Überraschungen sorgen.

Die 1000 Quadratmeter grosse Produktionshalle, das sogenannte Atelier, umfasst zwölf Stationen. An der ersten Station wird der Antriebsstrang auf die Montage vorbereitet. Er kommt vormontiert aus dem Motorenwerk des Volkswagen-Konzerns in Salzgitter.

An der zweiten Station wird der Antriebsstrang mit dem Chassis verbaut. An zwei Chassis-Aufbaubühnen sind jeweils drei Mitarbeiter ungefähr eine Woche damit beschäftigt, das Chassis zusammenzufügen.

Dabei muss jeder Mitarbeiter, anders als ein klassischer Bandarbeiter, den Aufbau des gesamten Chassis beherrschen, sprich Hinterwagen, Monocoque und Rahmenvormontage.

Anschliessend fährt das Chassis wenige Meter weiter auf den Rollenprüfstand. In diese Anlage sind im Zuge der Vorbereitungen auf den Chiron die grössten Investitionen geflossen. Hier werden Geschwindigkeiten bis 200 km/h sowie Beschleunigung bei Volllast simuliert.

Zum Schluss erhält der Chiron seine Aussenhülle, bevor das Interieur eingebaut wird. Für das Exterieur kann der Kunde zwischen Tausenden von Farben wählen, innen zwischen acht Sicht-Carbon-Varianten, 31 Lederfarben, acht Alcantara-Färbungen, 30 Garnfarben, 18 Teppichfarben und 11 Gurtfarben.

Der Chiron hat seinen Namen als Supersportwarten der Extreme also auch in diesem Bereich verdient. Den wohl grössten Eindruck macht der Chiron aber auf der Strasse. Der 1500-PS-Motor schnurrt schon bei den ersten Touren. Röhren ist keins zu vernehmen. Wie bei einem Düsenjet-Motor drückt die aussergewöhnliche Beschleunigung den Fahrer in den Sitz.

Die Strassenlage ist eine Wucht, der Bremsweg bei einer Vollbremsung komplett gerade. Mit dem Chiron hat der Sportwagen eine neue Dimension erreicht. Darin stecken 112 Jahre Entwicklung, sieht man von den 50 Jahren Unterbrechung nach dem Zweiten Weltkrieg ab.

Noch nie hat Bugatti seine mechanischen Fortschritte in einer so geballten Ladung Power umgesetzt. Besonders deutlich wird der Quantensprung anlässlich einer Fahrt in dem spartanisch ausgestatten Bugatti Type 35 aus dem Jahr 1926. Mit vibrierendem Motor düst er über eine Landstrasse bei Molsheim. Definitiv eine Zeitreise!