«Mit Bukarest verbindet uns eine Hassliebe. Es gibt in der Stadt zwar ein enormes Potenzial, eine wunderbare Energie. Aber die Inkompetenz der Behörden lähmt alles.» Dragos Olea ist Mitglied des Kollektivs Apparatus 22, das in Bukarest, Brüssel und Turin aktiv ist. Kulturelle Infrastrukturen gebe es nicht, auf der Landkarte zeitgenössischer Kunst glänze Rumänien durch Abwesenheit. «Eine unwürdige Situation, denn Bukarest ist ein einzigartiger Ort.

In der Metropole herrscht ein wunderbares Nebeneinander historischer Strömungen und verschiedener Schulen der Architektur», sagt der Künstler. Die Stadt ist ebenso chaotisch wie poetisch und beherbergt angeschlagene Kulturschaffende, die zu den liebenswürdigsten der Welt gehören. Ihr einziger Antrieb ist die Passion, die Mitglieder dieser Gemeinschaft versuchen die Kunstszene neu zu kreieren, die während der Diktatur von Nicolae Ceausescu ausgemerzt wurde.

Mit ihrer Lage im Erdgeschoss der Universitätsbibliothek ist Galateca eine der wenigen Galerien, die über ein Lokal an der Strasse verfügen. Unter der Leitung von Andreea Sandu ist die 2012 eröffnete Institution die Schaltstelle von transdisziplinären Projekten, Konzerten und anderen Kulturevents geworden. «Wir sind ein Volk von Überlebenden. Wir haben die Invasionen der Byzantiner, der Tataren und der Osmanen überstanden. Und schliesslich den Kommunismus, der unser kulturelles Erbe zerstört hat», sagt die Mitverantwortliche von Galateca. Die schlanke rothaarige Frau fährt fort: «Um unsere Zukunft aufzubauen, müssen wir wissen, woher wir kommen. Deshalb haben wir ein Projekt gestartet, das unsere 3000 bis 4000 Jahre alte Geschichte erforscht.» Es trägt den Namen Maïastra wie der Vogel aus der rumänischen Sage, der aus seiner Asche wiedergeboren wird. Maïastra ist auch der Titel einer berühmten Skulpturenserie von Nicolae Brancusi (1876–1957). Der Bildhauer und Nationalheld arbeitete acht Jahre lang, um die Essenz des Vogelflugs darin einzufangen. Seine abstrakten Arbeiten ebneten den Weg für den Surrealismus.

Brancusi ist noch heute die wichtigste Kunstreferenz der Bevölkerung, die wenig Interesse für das aktuelle Schaffen zeigt. Für die Menschen höre das Musikschaffen noch heute mit Debussy (1862–1918) auf, sagt Diana Rotaru, Komponistin und Professorin am Konservatorium. «Es braucht viele Anstrengungen, um den Leuten beispielsweise den Sinn des zeitgenössischen Tanzes zu vermitteln.» Dies ist der Grund, weshalb die meisten rumänischen Kunstschaffenden wie etwa Florica Prevenda ihr Publikum im Ausland suchen. Die Künstlerin pendelt zwischen Paris, New York und Brüssel. Dennoch kann sie sich nicht entschliessen, ihre Stadt zu verlassen. «Man sagt oft, dass Rumänien eine lateinische Insel im slawischen Ozean ist.

Auch wurde Bukarest als Klein-Paris bezeichnet. Ob ich nun hier oder dort arbeite, spielt in unserer globalisierten Welt keine Rolle.» Diese Aussage passt auch zu ihrem Werk über die Net People – Skulpturen, die von der Facebook-Sucht inspiriert sind. Die Menschen, die mit Kunst und Kultur zu tun haben, erzählen alle mehr oder weniger die gleiche Geschichte: Ihre Eltern und Grosseltern waren Intellektuelle und Bourgeois, die vom kommunistischen Regime verfolgt  wurden. «In andern Ländern des ehemaligen Ostblocks spricht man relativ frei über diese Ära. Nicht in Rumänien. Unsere Eltern haben immer noch diesen Angstreflex. Die Menschen wollen vergessen», sagt Sandu.

In Bukarest ist das künstlerische System noch jung und wenig artikuliert. Bis 2002 gab es keine privaten Galerien, die ersten Auktionen fanden 2008 statt. Es gab keine Mäzene, keine Stiftungen, vielleicht einige philanthropische Projekte von Grossunternehmen. Für Künstler und Galeristen ist das Überleben schwer. «Man schlägt sich durch», sagt Sandu. Die Unternehmerin betreibt neben ihrer Galerie eine interessante Boutique, die Arbeiten lokaler Designer und Kunsthandwerker vorstellt. Obwohl die Menschen in Bukarest sichtbar mit Problemen zu kämpfen haben, spürt der Besucher viel Bewegung. Das Lebensgefühl erinnert an Ostberlin nach dem Mauerfall 1989. Wie in der deutschen Hauptstadt werden verlassene Fabriken und von Pflanzen überwachsene historische Gebäude in Clubs, Restaurants, Ideenlabors und Kulturzentren umgewandelt. Mit dem Unterschied, dass die Preise noch nicht gestiegen sind.

Nomadenarbeiter finden überall eine ausgezeichnete Internetverbindung und mischen sich unter die jungen, fröhlichen Nachtschwärmer. Und dies fern der Touristenmassen, die anderswo einfallen. Neugierige und Pioniere treffen in Rumänien auf ideale Bedingungen. Es braucht einiges detektivisches Geschick, um die in privaten Wohnungen untergebrachten Galerien zu finden. Die Lösung heisst Facebook. Alle Adressen sind dort eingetragen, die Besitzer antworten postwendend auf Messenger-Nachrichten. Vor Ort wird der Besucher herzlich empfangen und informiert. Etwa in der H’art Galerie. Nachdem wir wie oben erwähnt ein Treffen vereinbart haben, erwartet uns Dan Popescu an der Tür seiner Fünfzimmerwohnung, wo eine Baustelle auf die demnächst stattfindende Ausstellung hinweist. «Am günstigsten kommt es, einen Künstler in der eigenen Wohnung auszustellen», sagt der frühere Philosophieprofessor.

Das Gespräch mündet in die schwierige Definition der rumänischen Kunst. «Es ist vor allem die Freiheit, Formen zu erfinden. Unsere Künstler inspirieren sich an unglaublichen Stilkombinationen, die man hier findet.» Ein wenig informiertes Publikum könne aber etwas für schlechten Geschmack halten, was eigentlich als humorvoller Beitrag gedacht sei, sagt er. Ebenfalls in einer Privatwohnung, diesmal jedoch im Untergeschoss, eröffnet die Galerie Mobius eine Ausstellung von Roman Tolici. «Mit den Künstlern des ehemaligen Ostblocks teilen wir das Erbe des Traumas, das unsere Eltern und Grosseltern in der Zeit des Kommunismus erlitten haben», sagt der aus Moldawien stammende Künstler. Man habe auch eine komplizierte Beziehung zu Geld: Vor 1989 sei es unwichtig gewesen. Doch das habe sich schnell geändert. Dennoch wäre eine Karriere à la Jeff Koons hier unmöglich, sagt der Vierzigjährige ironisch.

Bevor wir Bukarest verlassen, besuchen wir das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst MNAC. Es ist in einem Flügel des brutalistischen ehemaligen Palasts des Ehepaares Ceausescu untergebracht, heute Sitz des Parlaments. Das Museum ist eine Kuriosität. Bis 27. Januar zeigt es eine Auswahl seiner eigenen Kollektion. «Seeing History – 1947–2007», so der Titel, präsentiert Arbeiten von offiziellen Künstlern der Partei bis zur Revolution 1989 sowie Erwerbungen, die danach von den Behörden getätigt wurden. Mehr als mit ihrer Ästhetik wirken die Werke als historisches Zeugnis für Betrachter, die bereit sind, sie zu entschlüsseln. Hier finden Sie eine ausgezeichnete Liste von Adressen im Internet.

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