Ihre Augen sind intensiv blau, die Stimme heiser, schön und fesselnd. Die australische Aktrice und zweifache Oscar-Preisträgerin liebt künstlerische Herausforderungen und ist als Schwerarbeiterin bekannt. Cate Blanchett fasziniert mit ihrer Intellektualität und Emotionalität, sie ist ebenso widersprüchlich wie ganzheitlich.

Sie trägt einen übergrossen, grün-rot karierten Herrenanzug, eine Vintage-Herrenuhr ihres Partners IWC, für den sie im Januar nach Genf gekommen ist. Ihre bleiche Schönheit und ihre jungfräuliche Blondheit unterstreichen die seltene Koexistenz von Maskulinität und Feminität. Nie war sie so brillant wie in der sechs Stunden dauernden Rolle als Richard II. im Theaterstück «The War of the Rose» oder als Interpretin von Bob Dylan im Film «I’m not There» des Regisseurs Todd Haynes.

Einmalig auch ihre Performance in der magistralen Filminstallation «Manifesto» von Julian Rosefeldt, in der sie dreizehn verschiedene Rollen spielte. Und die Hollywood-Superproduktion «Ocean’s 8» wird heute schon als Blockbuster des Frühlings gefeiert. Cate Blanchett spricht über ihr Engagement für die Gleichberechtigung der Geschlechter, ihre künstlerischen Prioritäten, das Jurypräsidium des Filmfestivals Cannes 2018 und die heutige Verantwortung der Künstler.

Wie frei sind Sie heute als Künstlerin?
War es am Anfang Ihrer Karriere einfacher, Ihre Meinung zu äussern, Ihre Rollen zu wählen? Mir mangelte es stets an Konstanz, was für mich aber immer ausschlaggebend und positiv war. Ich plane nie, habe keine Ziele. Ich ziehe es vor, innezuhalten, was mir erlaubt, mich von persönlichem oder beruflichem Druck zu distanzieren. Durchzuatmen. Diese Freiheit zu spüren und zu geniessen. Ist man zu fest auf ein bestimmtes Ergebnis fixiert, will man eine bestimmte Erfahrung oder das Schicksal um jeden Preis erzwingen. Was aber ein gewisses Mass an Ehrgeiz nicht ausschliesst. Aber seit ich für das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge arbeite und meine Erfahrungen auf dem Terrain mache, werde ich mir Tag für Tag der grossen Freiheit bewusst, die ich als weisse Frau aus der Mittelschicht geniesse. Die Arbeit mit massiv gefährdeten Frauen und Kindern macht mir meine extrem privilegierte Stellung als Bürgerin einer freien Demokratie bewusst.

Die sozialen Medien dringen in unser Leben ein. Können Sie dennoch Qualitäten wie Offenheit, Sensibilität, aber auch Verletzlichkeit bewahren, die untrennbar mit dem Künstlersein verbunden sind?
Am Anfang meiner Karriere gab es noch keine sozialen Netzwerke. Ich selbst bin nicht besonders aktiv, ich verfasse keine Posts. Soziale Medien und Internet besitzen ein gewaltiges Potenzial, und es besteht die Gefahr, dass man passiv wird und gegenüber aktuellen Entwicklungen in der konkreten Welt, die uns umgibt, keine aktive Rolle übernimmt. Ich bin als Schauspielerin selbstverständlich interessiert an echtem Engagement, an direkter Kommunikation und an Veränderung. Und natürlich schätze ich die Wirkung der sozialen Medien als Initiator von Kommunikation. Schauen Sie nur die Initiative Time’s Up: Ihre Reichweite ist fantastisch, aber dieser Erfolg muss zu Aktionen führen. Social Media sollen als Anstoss zur Aktion zur Veränderung gesehen werden.

Erklären Sie uns kurz Ihr Engagement bei Time’s Up und die Bedeutung dieser Stiftung.
Wichtig daran ist, dass sich diese Bewegung nicht allein auf die Unterhaltungsindustrie beschränkt. Es geht um die Notwendigkeit eines umfassenden Systemwechsels. Sie beleuchtet die Problematik in allen Branchen, wo Frauen unter Unsicherheit leiden. Diese Veränderungen können und müssen laufend und systemisch umgesetzt werden. Es ist unsere Verantwortung, diese Plattform zu nutzen, um auf Ungleichheit hinzuweisen und den Opfern zu helfen, indem wir dank den gesammelten Geldern gerichtlich vorgehen können. Diese Situationen sind nicht nur ungerecht. Sie schaffen auch ein unproduktives und unkreatives Klima. Das zu verändern, kommt allen zugute, auch den Männern.

Akzeptieren Sie es, dass sich andere, nuanciertere Stimmen in Europa in diese Debatte einschalten und auf potenzielle Beziehungsprobleme zwischen Männern und Frauen hinweisen?
Hören Sie, jede tiefgehende Änderung ist schwierig zu leben, wirkt instabil und ist komplex und wird von Kultur zu Kultur anders wahrgenommen und ausgedrückt. Es wird nicht einfach sein. Aber jede Meinung, jeder Standpunkt ist zu berücksichtigen. Ich denke, jeder und jede hat eine Stimme. Eine nuancierte, starke Debatte ist vital. Ein Gespräch, in dem jeder gehört wird, kann zu einer gemeinsamen Lösung führen. Man darf Menschen nie das Gespräch verbieten.

Allerdings gibt es feministische Kreise, die diese Stimmen nicht hören…
Es sind viele, nicht nur diejenigen, die Sie feministisch nennen. Wir dürfen nicht vergessen, dass sehr viele Frauen während langer Zeit nicht gehört wurden. Jetzt wollen sie reden und gehört werden. Es wird die Zeit kommen, wo die zornigen, verletzten, verängstigten Stimmen gehört werden. Das ist Teil der Veränderung. Man kann sie nicht ignorieren, wie man auch andere Meinungen nicht ignorieren darf. Irgendwo zwischen all diesen Positionen werden wir eine Übereinstimmung finden. Aber das wird hart sein. Niemand hat behauptet, dass Veränderungen einfach sind.

Im kommenden Mai werden Sie Jurypräsidentin der Filmfestspiele von Cannes. Was bedeutet das für Sie? Welches ist Ihre Verantwortung als Künstlerin?
Als Erstes werde ich versuchen, in die Seele des Festivals einzutauchen. Ich freue mich auf starke, hoffentlich offene Diskussionen über die Filme mit den Jury-Mitgliedern. Wir werden einen Gruppengeist finden, und ich bin sicher, wir haben unzählige verschiedene Ansichten und Empfindungen – so gehört es sich auch. Denn in der Kunst gibt es kein Schwarz oder Weiss, kein Richtig oder Falsch, nicht Gewinner oder Verlierer. Es geht um Perspektiven, Zwischentöne und Subjektivität. So wird es Freude geben und Enttäuschung.

Es gibt aber auch eine Verantwortung als Künstlerin.
Selbstverständlich. Aber ich werde vor allem offen sein. Wissen Sie, noch weiss ich nicht, welche Filme am Wettbewerb teilnehmen, und ich kenne auch die Jurymitglieder nicht. Ich bin völlig offen für diese neue Erfahrung. Ich habe Thierry Frémaux, dem künstlerischen Direktor, gesagt: «Ich werde Euer Körper sein und Eure Seele.» Was mehr könnte ich sagen…(lächelt)

Wird Ihre Aufmerksamkeit auch dem Puritanismus gelten, der im aktuellen Kontext auch in der Kunst eine zunehmende Bedeutung erfährt?
Eine interessante Frage. Als ich vor einigen Jahren mit meinem Mann die Sydney Theater Company führte, sprachen die Menschen oft von der erzieherischen Rolle von Kunst und Theater. Wenn wir Studierende zu einer kulturellen Erfahrung einluden, sagten wir ihnen, dass es bei der Kunst nicht um Erziehung oder Politisierung geht. Wenn Kunst einen einzigen Zweck zu erfüllen hat, dann ist es, Diskussionen auszulösen. Das ist, was mich interessiert. Diskussionen sind fundamental. Wer Gespräche verstummen lässt, bringt den kulturellen Fortschritt zum Schweigen. Deshalb liebe ich auch die vielen Arbeitssitzungen bei den Theaterproben. Abseits der Öffentlichkeit geht es dort oft hart zu, manchmal leidenschaftlich und manchmal freundlich. Kunst muss all dies sein. Die Rolle des Schauspielers besteht im Agieren und Sprechen. Aber seine grösste Fähigkeit ist das Zuhören. Wir müssen mehr denn je zuhören. Denn ich denke, Lösungen findet man in den Zwischentönen und zwischen den Zeilen.

Von «Manifesto» zu «Ocean’s 8», welches waren Ihre Herausforderungen? Gibt es eine Logik in der Wahl der Filme?
Es gab nie eine Logik! (lacht) Meine Entscheidungen waren oft zufällig. Ich sollte in einem Stück meines Mannes am Broadway spielen, als mich Steven Soderbergh anrief und erzählte, dass sein geschätzter Freund Gary Ross den Film «Ocean’s 8» drehen wollte und dass unter anderen Sandra Bullock, Sarah Paulson und Helena Bonham Carter mitspielen würden. Wir fanden für unsere Kinder eine Schule für sechs Monate, und das Projekt konnte stattfinden. Alle Bedingungen waren vorhanden. Und das Spiel mit all diesen Frauen – Rihanna, Awkwafina, Mindy Kailing, Anne Hathaway – war herrlich, unglaublich, urkomisch, einmalig. Wir haben viel gelacht.

Sie sind in Genf als Botschafterin der Schweizer Uhrenmarke IWC, die ihren 150. Geburtstag feiert. Welches ist die Geschichte Ihrer Partnerschaft, und wie fühlen Sie sich, wenn Sie in der Schweiz sind?
Mein letzter Besuch des Salon International de la Haute Horlogerie ist einige Jahre her. Dieses Jahr bin ich in Begleitung meines dreizehnjährigen Sohnes gekommen. Er ist völlig fasziniert von den schönen Dingen und der genialen Technik. Wir haben den SIHH besucht, und er war im Paradies. Er ist absolut besessen von Uhren, ihrem Engineering und von der Schönheit der Technik. Es waren schöne Momente. Wir haben die Kathedrale von Genf besucht, ein gutes Fondue gegessen. Leider war es für eine Schifffahrt auf dem Léman zu kalt, auch fürs Skifahren war das Wetter zu schlecht. Aber wir haben unseren Aufenthalt und die gemeinsame Zeit sehr genossen. Wenn man vier Kinder hat, ist es wichtig, auch Zeit mit jedem allein zu verbringen. Meine Geschichte mit der Marke begann vor mehreren Jahren dank der Filmleidenschaft, die den damaligen Chef George Kern und mich verband. Heute habe ich mich sehr gefreut, den neuen CEO Chris Grainger-Herr kennenzulernen, der ja Architekt ist. Es war äusserst interessant, seine Erkenntnisse zu hören und zu teilen, zumal ich mich während meines Studiums der Kunstgeschichte und der Wirtschaft auch zur Architektin ausbilden lassen wollte. Wie meine Schwester übrigens, die in diesem Beruf arbeitet. Aber eigentlich hatte ich weder in meiner Kindheit noch als Studentin eine grosse Ahnung von kostbaren Uhren und raffiniertem Schmuck. Ich trug Herrenanzüge und Herrenuhren wie diese hier (ein Vintage-Modell Portofino von IWC). Ein altes Modell und mein Liebling.