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Chancen und Risiken digitaler Notenbankwährungen

Ein neues Währungssystem muss mindestens so reibungslos funktionieren wie ein bestehendes. Ein Kommentar von Anne O. Krueger.

Anne O. Krueger, Washington
«Weil die Chinesen im Eiltempo daran sind, die internationale Rolle des Renminbis durch die Digitalisierung auszuweiten, wird es starken politischen Druck auf die USA geben, ihre eigene CBDC einzuführen.»

Bitcoin und andere privat emittierte Kryptowährungen haben eine rauschhafte Begeisterung ausgelöst, und derzeit konzentrieren sich die meisten Analysen auf die Attraktivität und die erkennbaren Nachteile dieser Währungen. Relativ wenig Aufmerksamkeit erhält bisher eine sogar noch wichtigere Entwicklung: die zunehmenden Wahrscheinlichkeit, dass viele Länder ganz oder teilweise auf eine digitale Notenbankwährung (CBDC) umstellen werden.

Die Ökonomen erkennen seit langem an, das Geld drei Funktionen erfüllt. Als Tauschmittel ermöglicht es Geschäfte, die sonst schwierige Tauschhandlungen (wie etwa den Wechsel von Hühnern gegen ein Auto) erfordern würden. Als Rechnungseinheit ermöglicht es einem, zu wissen, ob sich das eigene Vermögen während des vergangenen Jahres erhöht oder verringert hat, als Wertspeicher ermöglicht es die Finanzierung künftiger Käufe durch das aktuelle Einkommen.

Es bildet sich zunehmend ein Konsens heraus, dass Bitcoin und andere privat emittierte Kryptowährungen als (spekulativer) Wertspeicher und damit als Anlageklasse dienen können. Doch ob sich diese Instrumente zu einem Tauschmittel oder einer Rechnungseinheit entwickeln können, bleibt zweifelhaft. Bitcoin ist eine Währung ohne Anker, die auf ewig eine festgelegte Anzahl von 21 Mio. Token umfassen wird. Während dies eine gewisse Absicherung gegen Inflation zulassen könnte, lassen Bitcoins wild schwankender Wert und sein Mangel an jeglicher Stützung Zweifel an seiner Stabilität aufkommen. Man hat die Bitcoinmanie zu Recht mit der Tulpenmanie in den Niederlanden im 17. Jahrhundert verglichen – nur ohne die Zwiebeln.

Der «Sanddollar» der Bahamas

Kryptowährungen werden sich zweifellos weiterentwickeln, doch werden die meisten an einer bestehenden Geldeinheit wie dem US-Dollar verankert werden (mit der Garantie eines Umtauschs in diese Einheit). Obwohl es noch einige technische Probleme zu lösen gilt, um den Nutzwert privat emittierter Coins zu steigern, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass dies nicht früher oder später passieren wird.

Derweil haben das Fed, die Europäische Zentralbank und andere begonnen, die Chancen der Ausgabe eigener digitaler Währungen zu eruieren. Die chinesische Volksbank hat bereits in Pilotstädten Pakete digitaler Renminbi ausgegeben, und die Notenbank der Bahamas ist sogar noch weiter gegangen und hat eine als «Sanddollar» bekannte CBDC herausgegeben.

Auf Ebene des Privatkundengeschäfts böte eine CBDC einige offensichtliche Vorteile und würde im Zahlungsverkehr ähnlich funktionieren wie eine Kreditkarte. Ein häufiges Argument ist, dass sie den Armen und anderen gegenwärtig durch das Bankensystem nur unzureichend betreuten Bevölkerungsgruppen helfen würde. Sie würde es den Regierungen zudem erleichtern, Sozialtransfers wie die während der Pandemie an die privaten Haushalte geleisteten Zahlungen durchzuführen. Auch würde ein gut funktionierendes internationales System digitaler Währungen die grenzüberschreitenden Transaktionskosten erheblich verringern.

Viele Komplikationen

Doch CBDC sind auch mit Komplikationen verbunden. Eine wichtige Frage ist, wo die CBDC-Konten geführt werden sollten. Wenn es bei der Notenbank ist, stellt sich die Frage, wie der Datenschutz der Transaktionen gewahrt werden soll. Gleichermassen unklar ist, welche Rolle den privaten Banken verbleiben würde, die gegenwärtig in den meisten Marktwirtschaften die vorrangige Quelle von Krediten sind. Wenn die Banken keine Einlagen mehr erhalten, wie sollen sie dann Kredite vergeben?

Damit ein derartiges Arrangement gut funktioniert, müsste die CBDC eine Balance zwischen Anonymität (Datenschutz) und der Steuerung des Systems gewährleisten. Andernfalls bestünde die bleibende Sorge, dass die Regierung zu einfach auf die Daten der einzelnen Kontoinhaber zugreifen und sich gar in die Kreditvergabe einmischen könnte. Die Alternative ist, dass die Notenbanken ihren Mitgliedbanken Einlagen zuweisen, und die Mitgliedbanken fungieren dann weiterhin als Kreditgeber. In diesem Fall wären starke Mindestreservevorgaben erforderlich, da sonst andere Probleme auftreten könnten.

Auch auf internationaler Ebene gibt es Komplikationen. Wären die Notenbanken bereit, Zahlungen in den CBDC anderer Notenbanken zu akzeptieren? Könnten Länder die Kontrolle über ihre Geldmenge wiedererlangen, wenn diese erst einmal digitale Form angenommen hat? So oder so ist ohne ein hohes Mass an Kooperation, Koordination und Kontrolle schwer vorstellbar, dass wichtige Notenbanken bereit wären, das internationale Finanzsystem zu stützen.

Konkurrenz zum Dollar

Diese internationalen Fragen sind für die USA von besonderer Bedeutung, weil der Greenback seit 75 Jahren als internationale Reservewährung, Rechnungseinheit und Zahlungsmittel dient. Im Guten wie im Schlechten hat die zentrale Rolle des Dollars innerhalb des Systems die USA in die Lage versetzt, relativ wirksame Sanktionen gegen Länder wie Russland und den Iran zu verhängen, und die USA werden dieses Instrument nicht freiwillig aus der Hand geben.

Allerdings hat der zunehmende Einsatz von Sanktionen durch die USA auch den Bemühungen Auftrieb verliehen, eine Alternative zum Dollar zu schaffen. Weil die Chinesen im Eiltempo daran sind, die internationale Rolle des Renminbis durch die Digitalisierung auszuweiten, wird es starken politischen Druck auf die USA geben, ihre eigene CBDC einzuführen, bevor all die erwähnten Komplikationen behoben sind. Während sich der Wettbewerb zwischen Fed, EZB, chinesischer Volksbank und anderen Notenbanken als gesund erweisen könnte, könnte er auch zu Entwicklungen führen, die das gesamte internationale Finanzsystem bedrohen.

Nicht verfrüht einführen

Kein Währungssystem hat je perfekt funktioniert. Doch es wird allgemein anerkannt, dass sich das bestehende System, besonders im Vergleich zu früheren Systemen wie dem Goldstandard, während der Krisen der vergangenen zwanzig Jahre gut geschlagen hat. Obwohl eine CBDC die Finanzinklusion verbessern könnte, warnen die meisten Experten, dass sie nicht eingeführt werden sollte, bis die Gewähr besteht, dass Kreditvergabe, Zahlungssysteme, Mechanismen zum Schutz der Finanzstabilität und andere Aspekte des neuen Systems mindestens so reibungslos funktionieren würden wie im bestehenden System.

Die Entwicklung der CBDC wird fast mit Sicherheit weitergehen. Die Frage ist, ob ihre vielen Probleme vor ihrer Einführung behoben sein werden.

Copyright: Project Syndicate.

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