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China braucht kein 7%-Wachstum

Die Fixierung der Finanzmärkte auf hohe BIP-Wachstumsraten führt in die Irre. China benötigt eine Abkehr vom bisherigen, investitionsgetriebenen Wirtschaftsmodell. Ein Kommentar von Michael Pettis.

Michael Pettis
«BIP-Expansionsraten von 7,5 oder selbst 7% werden in den kommenden Jahren unmöglich zu erreichen sein. »

Die Einstellung zum Wachstum des Bruttoinland­produkts (BIP) ändert sich in China – doch das Umdenken muss noch viel weiter gehen, soll die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt nicht eine sehr schmerzhafte Anpassung erfahren. Je intensiver in Peking die Debatte über die Qualität und die Nachhaltigkeit des chinesischen Wirtschaftswachstums geführt wird, desto mehr wird klar, wie dieses Umdenken stattfindet. Chinas umsichtigste Ökonomen stellen die Notwendigkeit hoher BIP-Expansionsraten immer mehr in Frage.

Doch ihre wachsenden Zweifel werden nicht von allen geteilt. Im März hat Peking für 2013 ein BIP-Wachstumsziel von 7,5% festgelegt. In den letzten dreissig Jahren war das tatsächlich gemeldete Wachstum stets höher als die Zielrate – und zwar meistens deutlich.

Am 11. Juli allerdings, im Nachgang des USA-China-Wirtschaftsgipfels in Washington, sorgte der chinesische Finanzminister Lou Jiwei an den Weltfinanzmärkten für Aufregung mit seiner Aussage, «das 7%-Ziel sollte nicht als unterste Grenze betrachtet werden». Er schien anzudeuten, dass nach zwei Jahren massiv abnehmender Wachstumsraten mit einer weiteren Verlangsamung zu rechnen ist. Aus nicht vollends nachvollziehbaren Gründen machte Peking jedoch umgehend einen Rückzieher: Am 12. Juli korrigierte Chinas offizielle Nachrichtenagentur Xinhua News Agency die Aussage von Lou und bekräftigte das Wachstumsziel von 7,5%. Genau dieser Wert wurde – es mag ein Zufall sein – drei Tage später offiziell für das Wachstum zum Vorjahr im zweiten Quartal 2013 gemeldet (zum Vorquartal betrug es knapp 7%).

Als sich im vergangenen Jahr Chinas Wirtschaft deut­licher zu verlangsamen schien als ursprünglich angenommen, haben mehr und mehr chinesische und ausländische Ökonomen und Analysten ihre Wachstums­prognosen massiv nach unten korrigiert. Die Konsensschätzung lautet, dass Chinas Wirtschaft in den nächsten paar Jahren mit 7 bis 8% per annum expandieren wird. Pessimistischere Schätzungen gehen von einer stärkeren Verlangsamung aus, die Talsohle werde jedoch dieses oder nächstes Jahr bei rund 7% erreicht.

Diese Prognosen werden sich als falsch erweisen.

Gefährliche Ausweitung der Kredite

BIP-Expansionsraten von 7,5 oder selbst 7% werden in den kommenden Jahren unmöglich zu erreichen sein. Das rasche Wachstum wurde in den vergangenen Jahren durch eine enorme Zunahme der Investitionen und eine noch grössere Ausweitung der Kreditschöpfung getrieben. Ein grosser Teil der Investitionen erzeugt heute aber wenig bis gar keinen wirtschaftlichen Wert mehr, sondern bloss Schulden im System: China ist von einem untragbaren Wachstum der Kredite gekennzeichnet, was die Gefahr einer turbulenten Anpassung immer grösser macht.

So kann es nicht weitergehen. Auf welche Weise auch immer – das Wachstum wird deutlich unter 7% sinken, weil sich das Kreditwachstum massiv verringern muss. Letzten Endes spielt diese Zahl ohnehin keine Rolle: BIP-Wachstumsraten sind keine sinnvolle Zielgrösse. Die Kennzahl, auf die es ankommt, will China das Rebalancing zu einem gesünderen Wirtschaftsmodell schaffen, ist das Wachstum der Haushaltseinkommen.

Warum, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, was das Rebalancing für China genau bedeutet: Es geht darum, den Wandel von einer investitionsgetriebenen zu einer konsumgetriebenen Volkswirtschaft zu erreichen. Der Konsum der privaten Haushalte macht gegenwärtig ausserordentlich niedrige 35% des BIP aus. Der weltweite Durchschnitt ist fast doppelt so hoch. Wenn Peking ein Rebalancing bewerkstelligen will, das den Konsum der Privathaushalte in zehn Jahren auf 50% des BIP hievt – was immer noch der mit Abstand niedrigste Wert aller bedeutenden Volkswirtschaften wäre –, muss das Wachstum des Konsums dasjenige des Bruttoinlandprodukts Jahr für Jahr um ungefähr vier Prozentpunkte übersteigen.

Das ist reine Arithmetik: Ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 7,5% bedingt, dass der Konsum um über 11% zunehmen muss, wenn die Wirtschaft tatsächlich neu ausgerichtet werden soll. Selbst ein minimales Rebalancing, das mit einem BIP-Wachstum von 7,5 oder selbst 6% vereinbar ist, würde einen ungeheuren Anstieg der privaten Haushaltseinkommen erfordern, ohne Rücksicht darauf, ob die Wirtschaft in China und der übrigen Welt sich verlangsamt. Ohne eine fort­gesetzte – allerdings sehr gefährliche – Ausweitung der Verschuldung ist das ein Ding der Unmöglichkeit.

Wie soll China eine derartige Ausweitung des Konsums bewerkstelligen? Mittlerweile weiss man, dass die Haushalte deshalb so wenig konsumieren, weil ihre Einkommen einen sehr geringen Anteil am BIP – mit rund 50% zählt er zu den tiefsten je verzeichneten Werten – ausmachen. Dieser Wert muss steigen. Es ist daher irreführend, wenn im Zusammenhang mit China immer bloss das BIP-Wachstum betrachtet wird. Wie einige chinesische Ökonomen zu bedenken geben, ist für die Bevölkerung die BIP-Wachstumsrate kaum von Belang. Der gewöhnliche Bürger in China – wie im Übrigen überall – kümmert sich nicht um seinen Pro-Kopf-Anteil am BIP des Landes. Für ihn zählt sein reales verfügbares Einkommen.

In den vergangenen Jahrzehnten vergrösserte sich das reale verfügbare Einkommen der chinesischen Haushalte mit deutlich über 7% jährlich – langsamer zwar als das BIP, aber trotzdem eindrücklich schnell. Dieses Wachstumstempo gilt es aufrechtzuerhalten. Peking sollte sich eine durchschnittliche Zunahme der Haushaltseinkommen von 6 bis 7% pro Jahr zum Ziel setzen und dafür jegliche BIP-Wachstumsraten in Kauf nehmen, die nötig sind, damit das Rebalancing der Wirtschaft gelingt.

Ein solches Vorgehen würde soziale Stabilität gewährleisten und Chinas Wirtschaft vorwärtsbringen. Es bedeutet aber auch: Soll Chinas Wirtschaft ein nennenswertes Rebalancing erfahren, darf die BIP-Wachstumsrate jeweils «bloss» 3 bis 4% betragen. Das ist zwar wenig gemessen an den chinesischen Standards, steht aber im Einklang mit der raschen Ausweitung der Haushaltseinkommen und ermöglicht ein tatsächliches Rebalancing der Wirtschaft, begleitet von einer so gut wie inexistenten ­Zunahme der Investitionen. Anders gesagt: Wenn der Konsum schneller als das BIP wachsen soll, müssen – per Definition – die Investitionen weniger schnell wachsen.

Abschied von einem Mythos

Keine Frage: Die Ausweitung der verfügbaren Haushaltseinkommen aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Investitionen zurückzufahren, wird zu einer gewaltigen Herausforderung für Peking. Eine Lösung ist, die versteckten Transfers von den Haushalten an den Staat umzukehren, indem Ressourcen vom Staat zu den Privaten übertragen werden. Zudem muss die Abhängigkeit der Wirtschaft von billigem Kapital verringert und das Wachstum arbeits­intensiver gestaltet werden. Heftiger Widerstand vonseiten der politischen Elite ist hierbei gewiss.

China braucht nicht zwingend ein Wachstum von 7,5%. Von diesem Mythos gilt es sich zu verabschieden. Was zählt, ist, dass die gewöhnlichen chinesischen Haushalte ihren Lebensstandard weiter in dem Tempo verbessern können, das sie gewohnt sind, und das Chinas Wirtschaft so umstrukturiert wird, dass das Problem der real existierenden Kreditblase angegangen werden kann.

Wenn es während der Amtszeit von Präsident Xi und Premierminister Li gelingt, dass die Haushaltseinkommen 6 bis 7% zunehmen und die Abhängigkeit der Wirtschaft von Krediten gemildert wird, ist das eine ausser­ordentliche Leistung, selbst wenn es – was unausweichlich ist – bedeutet, dass das BIP-Wachstum auf 3 bis 4% sinkt. Wird diese Transformation umsichtig gehandhabt und der Widerstand der Elite überwunden, wird der durchschnittliche chinesische Bürger die mit dem Wandel zu einem nachhaltigeren Modell einhergehende massive Wirtschaftsverlangsamung kaum wahrnehmen, und eine Kreditkrise wird abgewendet. Meint China es mit dem Rebalancing wirklich ernst, kann und muss es mit einem massiv langsameren Wachstum auskommen.

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