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«China drohen japanische Zustände»

Joerg Wuttke, abtretender Präsident der EU Chamber of Commerce in Peking, warnt vor den Folgen der verschleppten Wirtschaftsreformen im Land.

China bewegt. Was immer in der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt geschieht, hat globale Auswirkungen. Befürchtungen einer harten Landung, einer allzu starken Abkühlung des Wirtschaftswachstums, haben sich bislang nicht bewahrheitet; im ersten Quartal expandierte das Bruttoinlandprodukt mit 6,9% überraschend kräftig. Doch einer der klarsichtigsten westlichen China-Experten warnt: Das Wachstum basiere immer noch auf dem alten Rezept und sei von einem besorgniserregenden Schuldenaufbau begleitet, sagt Joerg Wuttke, abtretender Präsident der EU Chamber of Commerce in Peking. Je länger die Regierung mit nötigen Reformen zögere, desto grösser werde der Knall später sein.

Herr Wuttke, wie steht es um die chinesische Wirtschaft?
Sie hält sich über Wasser. Wir sehen seit einigen Monaten einen Aufschwung, getrieben von fiskalpolitischen und finanziellen Stimuli. Das Wachstum basiert aber immer noch auf dem alten Rezept: Investitionen in die Infrastruktur. Wer unter die Oberfläche schaut, erkennt zwei hartnäckige Probleme: Erstens kommt die Reform der ineffizienten Staatsbetriebe nicht voran. Die Überkapazitäten sind gewaltig. Und zweitens lastet auf China ein horrender Schuldenberg, der in einer normalen Volkswirtschaft längst zu einer Finanzkrise geführt hätte.

Wieso ist der Schuldenberg so gefährlich?
Die staatlichen Unternehmen sind extrem hoch verschuldet, und nun sehen wir auch im Sektor der privaten Haushalte, befeuert von den steigenden Immobilienpreisen, eine wachsende Verschuldung. Die totale Verschuldung der chinesischen Volkswirtschaft liegt derzeit bei 267% des Bruttoinlandprodukts, mit einem rasanten Anstieg in den letzten Jahren. Sei es in Japan, den USA oder Südostasien: Ein derart grosser und rasanter Anstieg der Verschuldung hat in der Geschichte stets zu einer Finanzkrise geführt.

In China sind die meisten Unternehmen sowie die Banken in staatlicher Hand. Verhindert diese Tatsache eine Finanzkrise?
Ja. Das System wird nicht so explodieren wie in Korea oder Thailand 1997. Es gibt in China keinen allgemeinen Vertrauensverlust, denn der Eigentümer ist am Ende immer derselbe: der Staat. Trotzdem ist die Situation im Bankensektor gefährlich. Die grossen vier der Branche, Bank of China, ICBC, Agricultural Bank of China und China Construction Bank, sind zwar nicht das Problem. Sie haben alle ein relativ gutes Risikomanagement mit einigermassen soliden Bilanzen. Völlig anders sieht es aber bei den lokalen Banken aus, von denen viele hochgradig marode sind. Chinas Finanzsystem benötigt dringend Reformen. Der neu dafür zuständige Mann, Guo Shuqing, ist ein Reformer durch und durch. Doch er steht vor einer gewaltigen Aufgabe, die kaum ohne Kollateralschaden zu bewältigen sein wird.

Sie haben die Reform der Staatsbetriebe erwähnt. Tut sich da denn gar nichts?
Ich sehe viele neue Initiativen und Regeln, aber kaum bleibende Effekte. Im chinesischen Stahlsektor bestehen immer noch mehr als 300 Mio. Tonnen Überkapazität, ähnlich sieht es in Sektoren wie Zement, Glas oder Kohle aus.

Aber es wurden doch bereits etliche Stahlwerke geschlossen. Reicht das nicht?
Viele Stahlwerke wurden bloss stillgelegt, sie können quasi über Nacht wieder in Betrieb genommen werden. Das ist keine Lösung. Kranke, überschuldete Unternehmen müssen vom Markt verschwinden, doch da tut sich die Zentralregierung mit dem Protektionismus der Lokalregierungen schwer. China ist nicht so zentrallastig, wie es nach aussen hin erscheint. Entscheide aus Peking werden in den Provinzen negiert oder hintergangen.

Vor einem Jahr haben Sie in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt, in China gebe es Zehntausende Zombie-Unternehmen, die nicht überlebensfähig seien. Gilt das weiterhin?
Ja, das gilt unverändert. Die Zentralregierung vertraut auf Quoten statt auf Marktkräfte. Doch sie bestraft damit die gut geführten, gesunden Unternehmen, weil die kranken am Leben gehalten werden.

Wenn Peking die Zombies untergehen liesse, würden Millionen von Menschen in strukturarmen Regionen arbeitslos.
Ja, das wären Millionen.

Kann sich die Zentralregierung das denn überhaupt leisten?
Sie muss. Je länger sie wartet, desto grösser wird der Knall später sein. Das ist das Gebiet, auf dem die chinesischen Politiker zunehmend wie unsere Politiker im Westen agieren: Sie sind risikoscheu. Premierminister Zhu Rongji hat in den späten Neunzigerjahren bewiesen, dass es geht. Er hat 24 Mio. Leute entlassen. Um China herum tobte die Asienkrise, das Land war viel ärmer als heute, die Inflation verharrte im zweistelligen Prozentbereich – und trotzdem hat Zhu China durch eine Entschlackung der Staatsbetriebe und den Ausbau der Finanzmärkte auf einen Kurs gesetzt, der dem Land danach zehn Jahre lang zweistelliges Wachstum beschert hat. Zhu Rongji war ein Genie. Wenn die Regierung jetzt noch weiter zögert, könnte China ein Nullwachstum drohen, das demjenigen von Japan in den letzten zwanzig Jahren nicht unähnlich ist. China drohen japanische Zustände.

Sie zeichnen ein desolates Bild der Unternehmenslandschaft. Was ist denn mit Gesellschaften wie Alibaba oder Tencent, die sich erfolgreich global etabliert haben?
Chinas Volkswirtschaft ist gespalten. Auf der einen Seite stehen die oft hoch verschuldeten Staatsbetriebe. Die schauen nicht auf Märkte und Kunden, sondern auf Subventionen. Auf der anderen Seite stehen einige sehr clevere Unternehmer, die sich, wie Sie erwähnen, global etabliert haben. Daraus müsste die Regierung lernen: Ziehen wir uns zurück und lassen den Unternehmen ihre Freiheit. Doch da sind das Planungsdenken und die Machtfülle so, dass die Regierung lieber auf Infrastrukturinvestitionen setzt.

Sind diese Investitionen nicht sinnvoll?
Jeder Flughafen in China ist besser und schöner als Frankfurt oder Zürich, jede City Hall ist überdimensioniert, sie haben Bibliotheken ohne Bücher, Opernhäuser ohne Programm. Wie viele Flughäfen und Kongresszentren braucht es denn noch? Während der Erstellung dieser Bauten wird natürlich Stahl und Zement nachgefragt, doch das perpetuiert die Überkapazitäten und produziert letztlich die Umweltschäden, unter denen China so leidet.

Die EU-Handelskammer hat in scharfen Worten die «Made in China 2025»-Strategie der Zentralregierung kritisiert. Wieso?
Die Strategie verfolgt das Ziel, Chinas Wirtschaftsstruktur auf Sektoren mit höherer Wertschöpfung auszurichten. Es ist durchaus richtig und nötig, sich diese Gedanken zu machen. Uns stört aber die Zentralplaner-Aufstellung, mit Subventionen, forcierten Unternehmenszusammenschlüssen und der Einschränkung ausländischer Konkurrenz. Die Werkzeuge sind falsch. China schafft damit Überkapazitäten und nicht unbedingt gute Unternehmen. Die Strategie läuft Gefahr, viel zu kosten und in Tränen zu enden.

Eine wohlwollende Interpretation von «Made in China 2025» wäre, dass es eine Kopie der «Industrie 4.0»-Strategie ist, die Deutschland verfolgt.
Nein, das ist etwas völlig anderes. Industrie 4.0 funktioniert von unten nach oben: Die deutschen Unternehmen und Forschungsinstitute haben sich zusammengetan. Das Budget der Bundesregierung sind mickrige 200 Mio. €. In China wird von oben nach unten gearbeitet, mit einem satten Budget von 300 Mrd. $ über fünf Jahre. Das ist eine Restrukturierung der gesamten chinesischen Industrie.

Die Regierung will globale Champions in ausgewählten Industrien schaffen?
Ja. Das ist der erste international ausgerichtete Zehnjahresplan Pekings. Man spürt darin die Gene der Planer, die glauben, sie könnten nicht nur identifizieren, wo man investieren  sollte – als könnten die chinesischen Unternehmer das nicht selbst herausfinden –, sondern auch noch sagen, wie viel Marktanteil man in den einzelnen Sektoren erlangen will. Stellen Sie sich vor, die deutsche Bundesregierung würde ihren Unternehmen in bestimmten Branchen befehlen, sie müssten bis 2025 einen Marktanteil von 60% erreichen. Das wäre absurd. Genau das macht Peking. Die richtig guten chinesischen Unternehmer, ein Jack Ma von Alibaba oder ein Robin Li von Baidu, machen einen Bogen um dieses Programm.

Im 2025-Strategiepapier sind zehn Industrien identifiziert, auf die China strategisch setzen will. Ist das für europäische Unternehmen in diesen Branchen nun eher eine Chance oder eine Gefahr?
Kurzfristig locken Chancen. Chinesische Unternehmen, die in gewissen Branchen globale Champions sein wollen, brauchen Technologie und gute Lieferanten. Bedenklich ist jedoch, dass der Plan aufzeigt, wie viel Marktanteil die heimischen Unternehmen dereinst erreichen sollen. Es geht eben nicht nur um «Made in China», sondern um «Made by Chinese in China». Das kann für westliche Unternehmen gefährlich werden. Man hat das in der Solar- und der Windenergie gesehen: Die Regierung legt einen Plan auf, die Investitionen werden massiv hochgefahren – und später erstickt die Welt in Überkapazitäten.

Muss man eine Akquisition wie Syngenta als Baustein dieses Masterplans sehen?
Das ist schwierig zu sagen. Der Käufer von Syngenta, ChemChina, ist ein staatlicher Koloss, der unter horrenden Schulden ächzt. Da wird man sehen müssen, ob das ein unternehmerischer Entscheid war oder halt eben doch politisch motiviert.

Im Herbst findet der 19. Kongress der Kommunistischen Partei statt. Erwarten Sie, dass Präsident Xi Jinping in seiner zweiten Amtszeit die Wirtschaftsreformen anpackt?
Ja, die Hoffnung habe ich. Wir haben in den ersten fünf Jahren der Regierung von Xi starke Reformen in den Bereichen gesehen, die ihm am wichtigsten waren: in der Armee, dem Geheimdienst, der Partei. Das eröffnet die Perspektive, dass eine neue Regierung ab März 2018 sich um die Reformen in der Wirtschaft kümmern kann. Die Frage ist: Wird es Xi Jinping gelingen, eine gute, reformorientierte Mannschaft für die Wirtschaft aufzustellen?

Xi ist der mächtigste Parteichef seit langer Zeit. Wieso soll das nicht gelingen?
Er hat eine grosse Machtfülle, aber Xi ist nicht der Diktator Chinas. Das Land hat ein komplexes Regierungsgebilde, mit verschiedenen Interessengruppen. Xi wusste, dass er die Armee und den Geheimdienst unter Kontrolle bringen und die Ideologie wieder schärfen muss. Im Grunde genommen hat er sich am Untergang der Sowjetunion ausgerichtet: Er weiss, dass die Sowjetunion aus einem Mangel an Ideologie scheiterte und die Regierung am Ende von Armee und Geheimdienst weggeputscht wurde. Ich hoffe, dass er jetzt genügend fest im Sattel sitzt und mit einer neuen Regierung – es gibt Gerüchte über einen neuen Premierminister – die Wirtschaftsreformen angeht. Xi muss den Wagen wieder auf die Schiene bringen. Ein China, das entgleist, kann die Welt sich nicht leisten.

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