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Märkte / Makro

«China droht ein verlorenes Jahrzehnt»

Wie der Pekinger Finanzprofessor Michael Pettis Im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» erläutert, steht China vor einem schmerzhaften Anpassungsprozess.

Herr Pettis, weshalb wächst Chinas Wirtschaft nicht mehr so schnell wie im vergangenen Jahrzehnt?
China befindet sich in einer Übergangsphase von einem Wachstumsmodell, das auf Investitionen und Schuldenaufbau basierte, zu einem ausgeglicheneren Modell, in dem der Konsum eine wichtigere Rolle spielt. Dieses Ausbalancieren geht auf Kosten des gesamtwirtschaftlichen Wachstums. Deshalb wird sich das Wachstumstempo in den nächsten Jahren weiter verringern.

Worauf stützen Sie Ihre Prognosen?
Chinas Wachstumsmodell ist weder neu noch einzigartig. Die Geschichte lehrt uns,  dass solche investitionslastigen und schuldenfinanzierten Wirtschaftswunder kein gutes Ende nehmen.

Welches sind die berühmtesten Vorgänger?
Die Sowjetunion hat darin Pionierarbeit geleistet. Die Wirtschaft wuchs in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren so schnell, dass man annahm, die UdSSR werde gegen Ende des Jahrtausends die grösste Volkswirtschaft der Welt sein. Doch schon in den Siebzigerjahren drohte der Kollaps; er wurde nur dank der hohen Erdölpreise noch etwas hinausgezögert. Auch Brasilien erlebte in den Sechziger- und Siebzigerjahren einen investitionsgetriebenen Boom, der danach in eine grosse Krise mündete. Japan und später Südkorea sind natürlich ebenfalls gute Beispiele.

Was sind die typischen Merkmale eines solchen Wachstumsmodells?
Charakteristisch sind die Zentralisierung des Investitionsprozesses und die Unterdrückung des privaten Konsums. Die Haushalte werden zum Sparen gezwungen, damit das Land nicht auf ausländische Finanzierung angewiesen ist. Die Investitionen werden von den Konsumenten subventioniert.

Wie wird das erreicht? Welche Rolle spielt dabei das Steuersystem?
In Brasilien wurden die Haushalte tatsächlich sehr stark besteuert. Aber meist sind die Steuern versteckt, wie im Fall von China. Eine unterbewertete Währung, zu niedrige Zinsen und geringe Lohnsteigerungen – das sind alles Instrumente, mit denen die Konsumenten benachteiligt und Investitionen in die Produktionskapazität gefördert werden.

Diese Unterdrückung des Konsums macht aber das Wirtschaftswunder erst möglich, oder?
Ja, genau. Am Anfang wachsen solche Volkswirtschaften sehr schnell, sodass es auch den privaten Haushalten absolut betrachtet besser geht. Doch dann kommt das System an einen Punkt, an dem sich Fehlallokationen häufen und die Verschuldung nicht mehr tragfähig ist. Schliesslich folgt eine schmerzhafte Anpassung, entweder in Form einer Schuldenkrise oder einer langen Phase mit sehr wenig Wachstum und noch mehr Schulden. Das Modell per se ist nicht schlecht, sondern die Übertreibungen sind das Problem.

Wann hat China diesen Punkt erreicht, und wie wird dies enden?
Zu Beginn des letzten Jahrzehnts begannen sich die Fälle von Investitionen in unwirtschaftliche Projekte zu häufen. Ich erwarte aber keine Implosion, sondern halte es für wahrscheinlicher, dass China eine Art verlorenes Jahrzehnt durchlaufen wird, mit geringem Wirtschaftswachstum und hoher Verschuldung, ähnlich, wie es Japan seit 1990 durchmacht.

Wie weit ist China mit dem Ausbalancieren der Wachstumstreiber?
Dieses Rebalancing hat zwei Pfeiler: Erstens muss die Abhängigkeit von Investitionen reduziert und die Rolle des Konsums gestärkt werden. Dieser Prozess hat 2012 begonnen, wenn auch sehr langsam. Der zweite Pfeiler wäre die Reduktion der Schuldenabhängigkeit. In China aber steigt die Gesamtverschuldung in hohem Tempo weiter.

Wie besorgniserregend sind Chinas Schulden?
Die Schulden wachsen jährlich um 13 bis 14%, wogegen das nominelle BIP, das ein gutes Mass für die Schuldentragfähigkeit ist, nur 6 bis 6,5% zunimmt. Die Schulden wachsen also zwei- bis dreimal so schnell wie die Kapazität, sie zurückzuzahlen. Auch das Schuldenniveau per se ist beängstigend. China hat unterdessen eine der höchsten Schuldenquoten in der Welt. Nur ein paar Industrieländer haben im Verhältnis zum BIP noch mehr Gesamtschulden.

Wie werden sich Chinas Rebalancing und das niedrigere Wirtschaftswachstum auf andere Schwellenländer auswirken?
Für die Schwellenländer insgesamt wird es eine schwierige Zeit werden. Denn sie sind – trotz allem Gerede von einer besseren Diversifikation – immer noch primär Rohstoffexporteure. Und die Rohstoffpreise sind seit 2012 unter Druck, als China mit dem Rebalancing begonnen hat. Ich habe nie etwas von der Idee gehalten, dass sich die Schwellen- von den Industrieländern abkoppeln können. Die Wachstumsschwäche, die die USA und Europa nach der Finanzkrise von 2008 erfasst hat, wäre längst in den Schwellenländern angekommen, wenn China nicht mit einem massiven Konjunkturprogramm den Rohstoffboom noch für zwei, drei Jahre künstlich am Leben erhalten hätte.