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China hat den Rubikon überschritten

Die Volksrepublik hat möglicherweise den sogenannten Lewis Turning Point überschritten. Ist das schlimm?

Mark Dittli

Das Wachstumsmodell der Volksrepublik China hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr in Richtung Infrastrukturinvestitionen verschoben. Aktuell stammen rund 50% des chinesischen Bruttoinlandprodukts (BIP) aus Investitionen, was für eine derart grosse Volkswirtschaft ein im historischen Vergleich einmaliger Wert ist (mehr dazu in diesem Blogbeitrag).

Unterstützt wurde das Wachstum während Jahrzehnten durch den immensen Strom an Arbeitskräften, die aus ruralen Gebieten in die Städte zogen und so erst richtig in den Wirtschaftsprozess eingebunden wurden. Wie der an der Peking University lehrende Ökonom Michael Pettis in diesem und diesem Kommentar bereits überzeugend beschrieben hat, blieb die Entwicklung der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte deutlich hinter den BIP-Wachstumsraten zurück. Die chinesische Bevölkerung partizipierte weit unterdurchschnittlich am Wirtschaftswachstum.

Das könnte sich nun ändern – mit bedeutenden Konsequenzen für die chinesische Volkswirtschaft.

Richard Koo, Chef des Nomura Research Institute in Tokio, stellt in einer aktuellen Studie die These auf, dass China im Verlauf der vergangenen zwei Jahre den sogenannten Lewis Turning Point überschritten hat.

Benannt ist dieser Punkt nach dem Ökonomen und Nobelpreisträger Sir William Arthur Lewis (1915–1991). Er zeigte 1954 in einer Studie mit dem Titel «Economic Development with Unlimited Supplies of Labour», was geschieht, wenn eine Volkswirtschaft in ihrem Modernisierungsprozess Arbeitskräfte aus rückständigen, ruralen Gebieten in die modernen Wirtschaftssektoren integriert.

Vereinfacht gesagt bedeutet die These Folgendes: Zu Beginn seines Industrialisierungs- und Modernisierungsprozesses verfügt ein Land über ein grosses Potenzial an überschüssigen, wenig produktiv eingesetzten Arbeitskräften in ruralen Gebieten. Diese Arbeitskräfte können mit dem Aufbau des industriellen Kapitalstocks laufend in die neuen, industriellen Wirtschaftssektoren integriert werden.

Dieser stete Zustrom an neuen Arbeitskräften führt zu zwei wichtigen Entwicklungen. Erstens: Mangel an Arbeitskräften ist nie der limitierende Faktor im Wachstum der betreffenden Volkswirtschaft. Und zweitens: Weil konstant ein Überschuss an Arbeitskräften herrscht, steigen die Löhne nicht – zumindest nicht im Einklang mit dem Wirtschaftswachstum.

Richard Koo illustriert das Konzept mit folgender Grafik:

Quelle: Nomura Research Institute

Einige Erklärungen dazu: Die blaue Kurve von links unten nach rechts oben bezeichnet das Arbeitskräfteangebot (Labor Supply Curve). Die Kurven D1, D2 und D3 von links oben nach rechts unten bezeichnen die Arbeitskräftenachfrage (Labor Demand Curve). Die vertikale Achse zeigt das Lohnniveau der Arbeiter (Wages), die horizontale Achse die Anzahl Arbeitskräfte (Number of Workers) im Wirtschaftssystem.

Die Arbeitskräfteangebots-Kurve verläuft zunächst waagrecht. Das bedeutet: Die Zahl der in den modernen Wirtschaftssektoren eingesetzten Arbeitskräfte steigt zwar, aber die Löhne der Arbeiter bleiben konstant.

Während dieser Phase haben Kapitalgeber den Anreiz, immer mehr Geld in den Bau von Produktionsstätten zu investieren, denn weil die Löhne der Arbeiter kaum steigen, können die Kapitalgeber den zusätzlichen Gewinn aus den neuen Produktionskapazitäten für sich abschöpfen (rotes, perforiertes Dreieck in der Grafik). Die Arbeitskräftenachfrage-Kurve verschiebt sich in diesem Industrialisierungsprozess laufend nach rechts (von D1 nach D2).

Während dieser Phase baut das Land seinen industriellen Kapitalstock auf, und Investitionen sind in der Regel der grösste Treiber des Wachstums. Genau diesem Muster ist bislang auch China gefolgt.

Irgendwann stösst die Volkswirtschaft jedoch an den Lewis Turning Point (in der Grafik mit dem Buchstaben K markiert).

An diesem Punkt ist das Potenzial an überschüssigen Arbeitskräften allmählich ausgeschöpft, und der Produktionsfaktor Arbeit wird zur limitierenden Grösse. Wenn dieser Punkt passiert ist, steigt die Arbeitskräfteangebots-Kurve steil nach oben. Ein weiterer Ausbau der Produktionskapazitäten und damit eine weitere Zunahme der Nachfrage nach Arbeitskräften werden von nun an einen kräftigen Anstieg der Arbeiterlöhne zur Folge haben (die Nachfragekurve verschiebt sich von D2 nach D3).

In dieser Phase partizipieren nicht mehr die Kapitalgeber, sondern die Arbeitskräfte überdurchschnittlich am Wirtschaftswachstum, was in der Regel den inländischen Konsum erhöht.

Koo ist der Meinung, China habe seinen Lewis Turning Point innerhalb der letzten zwei Jahre überschritten. In der Tat steigen die Löhne in China seit mehreren Quartalen kräftig.

Falls China tatsächlich den Lewis Turning Point überschritten hat, wird sich die Wirtschaft der Volksrepublik in den kommenden Jahren profund verändern. Das muss keine schlechte Entwicklung sein: Die Löhne steigen, und damit die verfügbaren Haushalteinkommen, was wiederum den inländischen Konsum fördert. Im Tandem dazu sollte der Anteil der Kapitalinvestitionen am BIP allmählich sinken, weil es sich für Kapitalgeber nicht in gleichem Ausmass wie zuvor lohnt, in den Bau neuer Fabriken zu investieren.

Diese Veränderung im Wachstumsmix ist jedoch nicht ungefährlich. China muss es gelingen, die Arbeitsproduktivität deutlich zu steigern und höherwertige Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn dies nicht gelingt, droht die so genannte Middle Income Trap:  Wenn der Vorteil der günstigen Arbeitskräfte allmählich erodiert ohne dass die Produktivität deutlich steigt, werden Arbeitsplätze in neue Niedriglohnländer wie Myanmar, Bangladesch oder Laos abwandern.

China steht möglicherweise am Beginn eines wichtigen neuen Kapitels in seiner Entwicklung.

Nur eines ist sicher: Ist der Lewis Turning Point einmal überschritten, gibt es kein Zurück.