Meinungen

China ist die beste Konsumstory

Trotz struktureller Hürden wächst der Konsum in China schneller als die Investitionen und die Gesamtwirtschaft. Dieser kraftvolle Trend ist nicht aufzuhalten. Ein Kommentar von FuW-Redaktorin Elisabeth Tester.

«Bessere Sozialnetze führen zu mehr Konsum – die Leute müssen weniger sparen.»

Die Chinesen konsumieren immer mehr. Sie kaufen bessere und teurere Produkte und haben die Freizeit entdeckt. «Vor fünf Jahren ist noch kaum jemand, den ich kenne, gereist. Aber seit etwa zwei Jahren fahren all meine Bekannten ins Ausland, manche sogar mehrmals pro Jahr», sagt Deng Huiqing. Sie ist vierzigjährig, lebt mit Mann und Tochter in Schanghai und arbeitet für eine Grossbank. Deng und viele andere Angehörige von Chinas Mittelstand sind für die beste Konsumstory der Welt verantwortlich. Und diese Konsumstory, die den Puls so vieler Analysten und Investoren schneller schlagen lässt, beginnt erst so richtig.

Hunderte von Millionen Menschen in China werden jedes Jahr reicher, und die Wirtschaft dreht von investitionsgetrieben zu konsumorientiert. Ein Paradies für die Konsumgüterindustrie. Doch jüngst mehrten sich die Zweifel an diesem Rebalancing: Die Regierung halte das Wirtschaftswachstum mit Stimuli hoch – die alle auf den Infrastruktursektor zielten, was erneut mehr Anlageinvestitionen und Schulden bedeute. Zudem hat der Konsum im vergangenen Jahr eine deutliche Delle erlitten, wegen der schlechteren Konsumentenstimmung im Umfeld des sich abkühlenden Wirtschaftswachstums und wegen der Antikorruptionskampagne. Diese hat vor allem in kleineren Städten zu einem deutlichen Rückgang des Umsatzes von Spirituosen, Tabakwaren, Restaurants und anderen Dienstleistungen geführt.

Auch westliche Unternehmen der Luxusgüterbranche bekamen den neuen Regierungswind zu spüren, was sich in niedrigeren Verkaufszahlen von Uhren und anderen Accessoires zeigte. Die Luxusbranche reduzierte die Wachstumsaussichten für China von rund 13 auf etwa 8% pro Jahr, was notabene immer noch über dem chinesischen Wirtschaftswachstum liegt.

Endverbrauch statistisch unterschätzt

Die grössten Zweifel am chinesischen Konsum liefert jedoch die Struktur der Volkswirtschaft. Die vom nationalen Statistikamt ausgewiesene Konsumquote ist notorisch und hartnäckig niedrig. Sie liegt mit einem Anteil von 36% am Bruttoinlandprodukt (BIP) deutlich unter derjenigen der anderen grossen Volkswirtschaften – und sie hat in den vergangenen Jahren sogar abgenommen. In den USA beträgt die Konsumquote 70%, in Brasilien und Indien 63 bzw. 62%. In der Schweiz stellt sie sich auf 60%, in Südkorea auf 53%. Das Rebalancing der chinesischen Wirtschaft verlaufe zu langsam, die Wirtschaft drohe wegen der hohen Überschuldung zu stagnieren.

Doch stimmt das? Zwei Gründe sprechen dagegen: das Wachstum der Konsumausgaben und die statistische Erfassung des Konsums. Seit 2011 ist der jährliche Zuwachs der Konsumausgaben in China höher als in den USA. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte trugen im ersten Halbjahr 2014 mit 54,4% auch mehr zum BIP-Wachstum bei als die Investitionen mit 48,5%.

Die Nettoexporte schlugen mit –2,9% negativ zu Buche. Bis 2011 nahmen die Investitionen rund 25% pro Jahr zu, dieses Jahr dürften es noch 16 bis 18% sein. Das Rebalancing ist in vollem Gange. Zwar verlangsamt sich auch das Wirtschaftswachstum, aber der Konsum bleibt robust und gewinnt deshalb an Boden. Tao Wang, Chinaökonomin von UBS (UBSG 12.045 -0.95%), betont: «Auch wenn das Konsumwachstum wegen der Wirtschaftsabkühlung etwas zurückgeht, wird sein Anteil am BIP steigen – da der Konsum schneller wächst als die Gesamtwirtschaft.»

BIP aller Provinzen höher als das nationale BIP

Der zweite Grund für das Unterschätzen ist die statistische Erfassung. Inzwischen erklären auch bekannte «Chinapessimisten», der effektive Konsum sei deutlich höher als der vom Statistikbüro ausgewiesene. Cai Hongbin, Rektor an der Peking-Universität, erklärt, der Konsum werde unterschätzt, weil die Investitionen viel zu hoch gezeigt würden. Das statistische Prozedere zur Erfassung der Investitionen enthalte viele Doppelzählungen.

Das habe dazu geführt, dass das kumulierte BIP aller Provinzen deutlich höher sei als das nationale BIP. Ohne Doppelzählungen betrage die Investitionsquote weniger als 40% statt der gezeigten 47%. Zudem werden viele Barverkäufe der unzähligen Klein- und Kleinstbetriebe nicht versteuert. Es wird in China also viel mehr konsumiert, als die Zahlen suggerieren. Der Chinaexperte William Keller – er hat Roche (ROG 271.35 0.26%) China aufgebaut und ist Ehrenbürger von Schanghai – formuliert es so: «Ich vertraue eher meinen Augen als den Statistiken, und es ist fraglich, wie viel des Konsums wirklich erfasst wird.»

Die Frage stellt sich aber trotzdem, was denn die Regierung macht, um das Rebalancing und somit den Konsum voranzutreiben. Und da greift die negative, alleinige Beobachtung der anfangs erwähnten Wirtschaftsstimulierung durch Investitionen zu kurz. Die chinesische Konsumstory wird von Regierungsdirektiven umrahmt und gelenkt. Der Konsum wird durch direkte und indirekte Massnahmen und Reformen gefördert.

Die Bevölkerung zufrieden halten

Zu den Reformen, die direkte Auswirkungen auf den Konsum haben, gehören der Ausbau des Pensionssystems und des Gesundheitswesens sowie die Reform des Hukou-Systems (Wohnsitzkontrolle). Bessere Sozialnetze führen zu mehr Konsum, da die Menschen weniger für schlechte Zeiten sparen müssen. Haben mehr Leute den Hukou in den Städten, in denen sie bereits leben, dürfen sie dort Wohnungen kaufen, ihre Kinder können in die besseren Schulen gehen, und die ganze Familie erhält eine Krankenversicherung. Da ist plötzlich viel mehr Geld vorhanden für den Kauf von Gütern, die das Lebensnotwendige übersteigen. Ergänzt wird das Paket durch neue und günstige Konsumkredite und Steueranreize für Kaufwillige.

Indirekte, aber nicht weniger belebende Auswirkungen auf den Konsum haben die Steuersenkungen im Dienstleistungssektor, der Abbau von administrativen Hürden für private Unternehmen, das Öffnen der Monopole für Privatbeteiligungen sowie die einfachere – und günstigere – Geldbeschaffung für kleine und mittelgrosse Betriebe. Zudem geben Peking und die lokalen Regierungen viel Geld aus für die Förderung und die Vermarktung von Freizeit, Tourismus, Versicherungen und Dienstleistungen des Gesundheitswesens.

Nicht zuletzt will die Regierung die Bevölkerung zufrieden halten. 2013 hat Präsident Xi Jinping die umfassendsten Wirtschaftsreformen seit zwanzig Jahren angekündigt, darunter das Ziel, die Einkommen bis 2020 zu verdoppeln. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in China beträgt heute erst 7300 $, in der Schweiz ist es zehnmal höher. Die viel beschworene Mittelschicht wird also immer mehr kaufen können und wollen. Doch was bedeutet der Begriff «Mittelschicht» in China?

Mittelschicht auf Chinesisch

Deng Huiqing sagt: «In Schanghai zählt zur Mittelschicht, wer eine Wohnung besitzt, ein kleines Auto hat und neben den Ausgaben für die Ausbildung der Kinder nicht jeden Yuan umdrehen muss.» Der Mittelstand in den grossen Metropolen gelte in ländlichen Gebieten als reich. Statistiken und Prognosen von Citichamp/McKinsey helfen weiter: Als arm gelten Haushalte, deren Einkommen weniger als 9000 $ pro Jahr beträgt. Die breite Mittelschicht verdient 9000 bis 16 000 $ im Jahr, die obere Mittelschicht 16 000 bis 34 000 $. Reich ist, wer jährlich mehr als 34 000 $ verdient.

Die Anzahl Haushalte der Kategorie «arm» und «breite Mittelschicht» dürfte bis 2020 um 3 bzw. 5% pro Jahr abnehmen. Die obere Mittelschicht und die Reichen mehren sich um 18 bzw. 15%, ihre Konsumausgaben sollen jährlich gar um 22 bzw. 20% steigen. Diese Zahlen gelten nur für Grossstädte wie Peking, Schanghai oder Shenzhen. Das ländliche Einkommen beträgt einen Bruchteil davon, aber auch auf dem Land steigen die Einkommen jährlich prozentual zweistellig. Statt Luxusautos und Wochenendtrips nach Hongkong werden dort erst einmal Kühlschränke und Waschmaschinen erworben. Konsum ist es alleweil.

Hunderte Millionen Chinesen haben jedes Jahr mehr Mittel und Möglichkeiten, besser, gesünder, lustbetonter zu leben. Die Konsumstory China hat erst begonnen.

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