Märkte

China-Rückzug ist für Bitcoin ein Segen

Das Verbot von Krypto-Mining in China lässt Bitcoin einbrechen. Längerfristig stabilisiert der Rückzug der Chinesen jedoch das System.

Alain Kunz, Head of Digital Assets, Bank Cler

Der Bitcoin (Bitcoin 48'392.00 -10.07%) durchbrach kurzfristig die wichtige Unterstützung bei 30’000 $, stabilisierte sich aber kurze Zeit später über dieser psychologischen Marke. Der Markt ist richtungslos. Einige Beobachter sehen eine Rückkehr in Richtung 40’000 $, während andere auf die schwache Nachfrage hinweisen und mit weiteren Preisrückschlägen rechnen.

Die Preisvolatilität unterstreicht jedoch, dass die Robustheit und die Belastbarkeit des Bitcoinnetzwerks einmalig sind: Die Preisspanne von Bitcoin über die letzten neunzig Tage reicht vom Höchst bei 64’863.10 $ bis hin zum Tief bei 28’893.62 $. Das entspricht einer Korrektur von über 55% – das System funktioniert einwandfrei: keine Rettungsaktion, kein Bailout, kein Handelsstop. Bitcoin ist antifragil.

Schlüsselmoment

Der Markt reagiert auf das Verbot von Krypto-Mining in China: Die chinesischen Miners verteilen sich nun global, wodurch Bitcoin dezentraler und robuster wird. Kurzfristig kommt es zu höherer Preisvolatilität, langfristig aber zu mehr Sicherheit. So gesehen ist das ein bullisches Signal. Dazu kommt, dass eine Lehre aus dem Internet ist, dass man in alles, was China verbietet, investieren sollte.

Sicher ist auch, dass das Verbot von Bitcoin-Mining in China ein Schlüsselmoment in der Geschichte des Schürfens der Kryptowährung ist. In den nächsten Monaten werden neue Mining-Standorte auf der ganzen Welt gesucht, wobei fortschrittliche Länder um die Technologie, die Arbeitsplätze und die neue Industrie mit einem jährlichen Umsatz von 15 bis 20 Mrd. $ buhlen werden. Das Verbot aus China hat das Potenzial, sich als grosser geopolitischer Fehler zu erweisen.

Zinsen und Regulierung

Die Kryptomärkte haben aber mit mehr zu kämpfen als mit dem Rückschlag in China. Die frühere Zinserhöhung durch die US-Notenbank als erwartet belastet die Stimmung. Und weiteren Druck üben zunehmend auch westliche Regulierungsbehörden aus. Das US-Repräsentantenhaus bildet eine Arbeitsgruppe, um Themen rund um digitale Werte und Kryptos zu diskutieren. Das Ziel ist, sich tief mit dieser schlecht verstandenen und minimal regulierten Industrie auseinanderzusetzen, wie Maxine Waters, die Vorsitzende des House Financial Services Committee, erklärte.

Kryptoinvestoren müssen die regulatorische Unsicherheit mit einem akkommodierenden makroökonomischen Umfeld balancieren, das in den letzten Jahren jede Form von Risiko belohnt hat. Der Markt für Optionen auf Bitcoin signalisiert nach wie vor Unsicherheit. Die Absicherungskosten für Put-Optionen sind nach wie vor stark erhöht. Die durch den Ausverkauf im Mai verursachte Angst ist noch nicht vollständig verflogen.

Weniger Volumen

Seit Ende April ist das Bitcointransaktionsvolumen auf der Blockchain selbst um fast 70% zurückgegangen. Einerseits getrieben durch die tieferen Kurse und andererseits durch die zunehmende Adaption von Bitcoinskalierungslösungen wie Lightning, dessen Einsatz in El Salvador geplant ist. Mit weniger Aktivität auf der Bitcoin-Blockchain ist auch die Transaktionsgebühr für Miners um über 90% gesunken.

Erster Krypto-Banking-Run

Der fast totale Preiszerfall von Titan, einem Token im dezentralen Finanzprotokoll (DeFi), ist der erste weltweit grosse Bank Run in der Kryptowelt, heisst es im Postmortem von Iron Finance, dem Token-Herausgeber. Der Run brachte den Wert des Protokolls von 2 Mrd. $ auf fast null.

Die Ursache für den Run war die Tatsache, dass der Token nicht ganz, sondern lediglich teilbesichert war. Die Liquidität war ausreichend für das Tagesgeschäft. Aber wenn alle Kunden ihr Geld gleichzeitig haben wollten, konnten die Forderungen wie bei einem klassischen Bank Run nicht befriedigt werden.

Der Vorfall wird noch mehr Aufmerksamkeit erlangen, da der US-Milliardär Mark Cuban unter den Protokollnutzern war. Im Zuge des Preisabsturzes wendet sich Cuban nun an die Regulierungsbehörden und fordert eine klare Regulierung für Stablecoins.

MSCI, der wichtigste Anbieter von Finanzmarktindizes, plant gemäss CEO Henry Fernandez die Einführung einer Indexfamilie für Kryptos und digitale Werte.

Horowitz investiert

Andreessen Horowitz lanciert einen Kryptofonds mit einem Volumen von 2,2 Mrd. $, um in die nächste Generation visionärere Protokolle, Projekte und Kryptos zu investieren. Das unterstreicht, dass die nächste Welle der Innovation von Kryptos getrieben wird.

Die Kryptohandelsplattform FTX pirscht sich weiter in die Welt des traditionellen Handels ein und will Transaktionen mit tokenisierten Aktien von Facebook (FB 306.84 -1.14%), Google, PayPal (PYPL 183.93 -1.72%) und Tesla (TSLA 1'014.97 -6.42%) offerieren.

Die brasilianische Börse lanciert den ersten Bitcoin-ETF in Lateinamerika. Der ETF des Emittenten QR Capital handelt unter dem Ticker QBTC11 an der B3-Börse in São Paulo. Die lateinamerikanischen Länder scheinen das wirtschaftliche und soziale Potenzial von Bitcoin und Innovation zu erkennen und zu begrüssen.

Erster Bitcoin-Airdrop eines Landes

Der Präsident von El Salvador kündigt einen Airdrop von Bitcoin für seine Bürger an. Jeder erwachsene Bürger erhält 30 $ auf seiner Chivo-Wallet in Bitcoin. Dieses Programm ist im Vergleich zum Stimulusscheck in den USA ein stärkeres Bekenntnis zu seiner Bevölkerung. Weshalb? El Salvador als Land hat keine eigene Währung, kann den Dollar nicht inflationieren und muss echtes Geld für die Bitcoin der Bürger ausgeben.