Meinungen

China setzt auf Atomstrom

Gleichzeitiger Ausstieg aus der Kern- und Kohlekraft ist eine Illusion. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Für die Schweiz heisst das, dass der geplante Ausstieg aus er Kernkaft eine Zunahme der CO2-Emissionen bringen wird.»

Ende Dezember ist in China das 38. Kernkraftwerk ans Netz gegangen: Tianwan-3. Die Meldung wurde kaum beachtet, hätte jedoch mehr Resonanz verdient: Sie kann als wichtiges Signal interpretiert werden. China leidet unter einer enormen Luftverschmutzung, das hat auch das Regime erkannt. Der riesige CO2-Ausstoss des Landes geht auch auf die kohlelastige Stromerzeugung zurück.

Der forcierte Bau von Kernkraftwerken ist ein Teil des Kampfs gegen die Luftverschmutzung. Im Reich der Mitte sind nach Angaben des Nuklearforums Schweiz derzeit weitere 19 Kernkraftwerke in Bau und deren 38 geplant. Andere grosse CO2-Emittenten gehen den gleichen Weg: Von den derzeit weltweit geplanten 140 Kernkraftwerken entfallen gut die Hälfte auf China, Indien und Russland. Auch in den USA, wo 99 der weltweit 450 Kernkraftwerke in Betrieb sind, sind weitere acht Einheiten geplant.

Den Gegenpart zu dieser Entwicklung liefert Deutschland. Seit der Katastrophe von Fukushima 2011 hat Deutschland zehn Kernkraftwerke vom Netz genommen, die verbleibenden sieben sollen bis Ende 2022 folgen. Dadurch hat sich die Klimasituation Deutschlands verschlechtert. Um die Versorgung aufrecht zu erhalten, musste die Stromerzeugung aus Kohle (Kohle 94.5 -0.32%) ausgeweitet werden. Der unregelmässig anfallende Strom aus Sonne- und Windkraftwerken reicht nicht zur Kompensation. Deutschland ist der mit Abstand grösste europäische Emittent von CO2. Das Land stösst rund 18% der gesamten Treibhausgase Europas aus. Die Dekarbonisierung ist in Deutschland nahezu zum Stillstand gekommen.

Die Schweiz ist in den Wintermonaten stets eine Importeurin von Strom. 2016 war sie sogar über das ganze Jahr gesehen eine Nettoimporteurin. Die Einfuhren stammen entweder aus französischen Kernkraftwerken oder aus deutschen Kohlekraftwerken.

Da diese Importe derzeit problemlos möglich sind, kommen Studien zur Versorgungssicherheit in der Schweiz zum Schluss, diese sei auf Jahre hinaus gesichert. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission erhebt allerdings den Warnfinger. Sie wies im Dezember explizit darauf hin, dass die Modellrechnungen zur Versorgungssicherheit auf der Annahme beruhen, «dass der Markt spielt und die Exportbereitschaft und -fähigkeit der Nachbarländer auch in kritischen Situationen vorhanden ist». Ob dies in Deutschland auch nach 2022 der Fall sein wird, ist höchst ungewiss.

Die Entwicklungen zeigen, dass das Ziel ökologischer Politik, gleichzeitig aus der Kern- wie auch der Kohlekraft auszusteigen, ins Dilemma führt. Beide Ziele zugleich sind nicht zu erreichen, zumal der Flatterstrom aus Sonne und Wind zur Kompensation weder ausreichend noch geeignet ist.

Für die Schweiz heisst das, dass der geplante Ausstieg aus der Kernkraft (Mühleberg geht 2019 vom Netz, die Termine für die anderen KKW stehen nicht fest) eine Zunahme der CO2-Emissionen via Importstrom – oder allenfalls eigene Gaskraftwerke – bringen wird.

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