Meinungen

China zeigt Flagge im Südpazifik

Der jüngsten Tour von Chinas Aussenminister Wang Yi durch den Südpazifik war wenig sichtbarer Erfolg beschieden. Trotzdem sind die USA und Australien zu Recht besorgt. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli, Tokio
«Das blutige Ringen zwischen den Amerikanern und den Japanern im Zweiten Weltkrieg wurde im Südpazifik entschieden.»

Es gibt an Chinas Führung viel zu kritisieren. Aber mangelndes Geschichtsbewusstsein kann man ihr nicht vorwerfen. Während sich westliche Politiker um Meinungsumfragen und Schlagzeilen kümmern, pflegt man in Peking die langfristige Sicht. Gleich an mehreren Fronten ist ein erneut zur Weltmacht aufgestiegenes China dabei, geopolitischen Ballast aus den Zeiten, da das Land von fremden Mächten erniedrigt wurde, über Bord zu werfen.

Zurzeit sorgen sich der Westen, vor allem die USA, Australien und Japan, primär um Chinas Ambitionen im Südchinesischen Meer und gegenüber Taiwan. Dabei wird übersehen, dass China in Asien an mehreren weiteren Fronten dabei ist, seinen Einfluss zu konsolidieren und zu mehren.

Bevor die europäischen Seemächte an den Küsten von Süd- und Südostasien auftauchten und dort die Aussenposten ihrer Kolonialreiche etablierten, hatten die Chinesen im Indischen Ozean Flagge gezeigt. Legendär sind die sieben grossen Expeditionen, die während des ersten Drittels des 15. Jahrhunderts unter dem Kommando von Admiral Zheng He chinesische Flotten in den Pazifik und in den Indischen Ozean führten.

Im Unterschied zu den Portugiesen, die gegen Ende des 15. Jahrhundert den Seeweg nach Indien «entdeckten», und im Unterschied zu den zahllosen europäischen Flottillen, die später in den begehrten Gewürzinseln auftauchten, errichteten die Chinesen keine Kolonien, und bereits nach drei Jahrzehnten verabschiedeten sie sich aus teilweise unerfindlichen Gründen von der hohen See.

Drang auf die hohe See

Bis in die letzten Jahrzehnte hielt sich China fern von der hohen See. Allenfalls nutzte Peking die Expeditionen des in Kunming in der Binnenprovinz Yunnan geborenen, muslimischen Admirals als Beweis dafür, «dass das chinesische Reich im Gegensatz zu den imperialistischen Europäern und Amerikanern nie in Asien Überseekolonien akquiriert hat».

Als mächtigstes Symbol der chinesischen Geopolitik steht die Grosse Mauer in der Landschaft. Sie sollte die Landgrenzen des Reichs vor den Barbaren schützen. Die Küsten und die Meere wiederum wurden als Domäne von gefährlichen Piraten gefürchtet und gemieden.

Grössere Einflusszone

Nun, da der neu-alte Hegemon China keine Landmacht mehr zu fürchten braucht, kann sich Peking auf die Stärkung der Seemacht konzentrieren. Bereits seit einiger Zeit hat das Land zielgerichtet und erfolgreich an der Umwandlung des Südchinesischen Meeres in ein Binnenmeer gearbeitet. China hat zwar offene Streitigkeiten mit einer Reihe von südostasiatischen Anrainerstaaten, aber an seiner Dominanz lässt sich auch unter Beizug der Amerikaner nichts mehr verändern.

Das Hauptziel von Chinas Vordringen auf die hohe See ist die Durchbrechung des Cordon sanitaire um seine Küsten. Dafür stehen nicht nur Taiwan und die südostasiatischen Inselstaaten im Wege, sondern auch Okinawa mit seinen amerikanischen Basen. Bereits fordern chinesische Nationalisten, dass dieser Archipel, der einst als Ryukyu-Königreich im Tributverhältnis zum Reich der Mitte gestanden hatte, aus Japan ausgegliedert werde.

Idealerweise sollte die Einflusszone, über die China gebietet, so weit wie möglich in die Weiten des Pazifiks verlegt werden, und damit soll das chinesische Bedrohungspotenzial, über das Peking bereits mit seinen Atomwaffen und Interkontinentalraketen verfügt, zusätzlich untermauert werden.

Geopolitische Rivalitäten

Vor Kurzem tourte der chinesische Aussenminister Wang Yi durch den Südpazifik, eine Reise, die bei Pekings geopolitischen Rivalen in Washington, Tokio und Canberra die Alarmglocken läuten liess. Wie anderswo auch tauchen die Chinesen auf den in immensen Wasserflächen verstreuten Inselchen und Atollen mit prallen Scheckbüchern auf, schaffen ökonomische und politische Abhängigkeiten, die ihnen schliesslich sicherheitspolitische Vorteile verschaffen sollen.

Das festlandchinesische Werben um die südpazifischen Inseln ist nichts Neues. Früher ging es darum, die Ministaaten von ihrer Zuwendung zu Taiwan zu lösen, dann wurden allerlei bilaterale Bau- und Infrastrukturprojekte vereinbart, von denen sich einige inzwischen als weisse Elefanten herausgestellt haben.

Lehren aus der Geschichte

Nun geht es um ein besonders ambitiöses Projekt. Wang hatte ein regionales Abkommen für Sicherheit und Entwicklung im Koffer, traf aber damit bei der Mehrheit der anvisierten zehn Staaten nicht auf Gegenliebe. Die Chinesen steckten die Schmach weg, doch werden sie von ihrem Vorhaben gewiss nicht ablassen.

Zu hoffen ist,  dass die USA, Japan und die neue australische Regierung das gleiche ausgeprägte Geschichtsbewusstsein wie die Chinesen an den Tag legen und sich erinnern, dass der Ausgang des blutigen Ringens zwischen den Amerikanern und den Japanern im Zweiten Weltkrieg im Südpazifik entschieden wurde.