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Chinas Fallgrube für Amerikas Denkansatz

Man soll eine gute Krise nicht verschwenden: Die Politik müsste Momente tiefer Bedrängnis nutzen und strukturelle Reparaturen anpacken. China scheint dies zu tun, Amerika nicht. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Wenn China nun seine überschüssigen Ersparnisse umleitet, um die eigenen Bürger zu unterstützen, hat es weniger übrig, um die zu wenig sparenden Amerikaner zu unterstützen.»

Den Versuchungen der Extrapolation ist schwer zu widerstehen. Der Trend übt einen machtvollen Einfluss auf Märkte, politische Entscheidungsträger, Haushalte und Unternehmen aus. Scharfsichtige Beobachter freilich sind sich der Grenzen linearen Denkens bewusst, weil sie wissen, dass sich derartige Linien verbiegen oder manchmal sogar abreissen. Dies ist heute bei der Bewertung zweier zentraler Faktoren der Fall, die die Weltwirtschaft mitgestalten: der mit Amerikas strategischem Ansatz und dem Zustand der chinesischen Wirtschaft verbundenen Risiken.

Die quantitative Lockerung oder QE (das Programm des Federal Reserve für den monatlichen Ankauf langfristiger Wertpapiere) begann als ein nobles Unterfangen – zur rechten Zeit und gut vermittelt als verzweifeltes Mittel des Fed zur Bekämpfung einer schmerzlichen Krise. Überlegungen von der Art «Was wäre geworden, wenn …» sind immer schwierig, doch lässt sich schwer argumentieren, dass die Liquiditätsspritzen Ende 2008 und Anfang 2009 keine wichtige Rolle dabei gespielt haben, die Welt vor etwas viel Schlimmeren als der grossen Rezession zu bewahren.

Die Kombination aus produktspezifischen Finanzierungsinstrumenten und der ersten Runde der quantitativen Lockerung führte zu einer steilen Ausweitung der Bilanz des Fed auf 2,3 Bio. $ bis März 2009; vor Beginn der Krise im Sommer 2008 waren es 900 Mrd. gewesen. Und die krisenverheerten, eingefrorenen Märkte tauten auf.

Die USA verlassen sich zu sehr auf das Fed

Der Fehler des Fed bestand in der Extrapolation – d.h. in der Annahme, dass eine derartige Schocktherapie nicht nur den Patienten retten, sondern auch seine nachhaltige Erholung fördern könne. Zwei weitere Runden von QE bliesen die Bilanz des Fed zwischen Ende 2009 und dem heutigen Tag um weitere 2,1 Bio. $ auf, halfen der Realwirtschaft jedoch wenig.
Dies wird klar, wenn man die Liquiditätsspritzen des Fed mit der Zunahme des nominalen BIP vergleicht. Zwischen Ende 2008 und Mai 2014 wuchs die Bilanz des Fed um insgesamt 3,4 Bio. $; das ist deutlich mehr als die Zunahme des nominalen BIP um 2,6 Mrd. $ während desselben Zentraums. Man kann dies kaum mit «Mission erfüllt» kommentieren, wie es die Anhänger von QE tun. Jeder Dollar QE generierte lediglich 76 Cent nominales BIP.

Anders als die USA, die sich im Wesentlichen auf die Bemühungen ihrer Zentralbank verliessen, die Krise abzufedern und eine Erholung zu unterstützen, setzte China Steuerimpulse im Umfang von 4 Bio. Yuan (etwa 12% seines BIP des Jahres 2008), um seine erlahmende Wirtschaft auf dem Tiefpunkt der Krise zu unterstützen. Während die Steuerimpulse der USA von 787 Mrd. $ (5,5% ihres BIP des Jahres 2009) bestenfalls eine begrenzte Wirkung auf die Realwirtschaft ausübten, bewirkten die chinesischen Bemühungen eine sofortige, steile Zunahme startbereiter Infrastrukturprojekte, die den Anteil der Anlageinvestitionen am BIP von 44% im Jahr 2008 auf 47% im Jahr 2009 in die Höhe drückte.

China ist sich der eingegangenen Risiken bewusster

Natürlich lockerte auch China seine Geldpolitik. Aber diese Massnahmen bleiben deutlich hinter denen des Fed zurück; es gab keine Nullzinspolitik oder quantitative Lockerung, sondern lediglich normale Leitzinssenkungen (fünf Zinssenkungen im Jahr 2008) und Lockerungen der Rücklageverschriften (vier Anpassungen).

Das Wichtigste dabei ist, dass in Peking keine Extrapolationsmanie herrschte. Die Vertreter der chinesischen Regierung betrachteten ihr Handeln in den Jahren 2008 bis 2009 als einmalige Massnahmen, und sie reagierten sehr viel schneller als ihre Kollegen in den USA auf die Gefahren der auf dem Tiefpunkt der Krise umgesetzten Strategien. In Amerika herrscht eine Vogel-Strauss-Taktik vor.

Anders als das Fed, das die potenziellen negativen Folgen von QE auf Vermögensmärkte und Realwirtschaft im In- und Ausland weiter bestreitet, sind sich die chinesischen Behörden der während und nach der Krise eingegangenen neuen Risiken viel stärker bewusst. Sie haben schnell gehandelt, um vielen davon zu begegnen, besonders denen, die von übermässiger Verschuldung, dem Schattenbankensystem und den Immobilienmärkten ausgehen.

Unterschiedliche Strategien vernetzter Volkswirtschaften

Noch ist unklar, ob Chinas Regierungsvertreter genug getan haben. Ich glaube, ja, gebe allerdings zu, dass ich mit dieser Ansicht heute in der Minderheit bin. Angesichts der aktuellen Wachstumsverlangsamung hätte China durchaus seinen früheren, krisenerprobten Ansatz wieder aufnehmen können; dass es das nicht getan hat, ist ein weiterer Beleg für die Bereitschaft seiner Führung, der Extrapolation zu widerstehen und einen anderen Kurs abzustecken.

China hat an dieser Front bereits geliefert, indem es ein Wachstumsmodell aufgab, das die Wirtschaftsentwicklung des Landes mehr als dreissig Jahre lang erfolgreich bestimmte. Es erkannte die Notwendigkeit, von einem Modell, das sich (über die produzierende Industrie) primär auf eine export- und investitionsgeleitete Produktion stützte, auf eines umzustellen, das (durch Dienstleistungen) vom privaten Konsum bestimmt wird. Diese Änderung bietet China eine deutlich bessere Chance, der gefürchteten «Falle des mittleren Einkommens» zu entgehen, in der sich die meisten Entwicklungsländer verfangen, eben weil ihre Politiker der falschen Ansicht anhängen, dass die Wachstumsrezepte aus der Frühphase ihrer Entwicklung ausreichen, um den Status eines entwickelten Landes zu erreichen.

Die amerikanischen und die chinesischen Fälle existieren nicht in einem Vakuum. Wie ich in meinem neuen Buch betone, sind China und Amerika durch eine gegenseitige Abhängigkeit unentwirrbar aneinander gebunden. Es stellt sich daher die Frage nach den Folgen ihrer beiden unterschiedlichen politischen Strategien – amerikanischer Stasis und chinesischer Neuausrichtung.

Vor Gewichtsverschiebung im Tandem USA-China

Das Ergebnis dürfte eine «asymmetrische Neugewichtung» sein. Mit der Änderung seines Wachstumsmodells stellt China von Ersparnisüberschüssen auf die Absorbierung von Ersparnissen um, d.h., es setzt seine Vermögenswerte ein, um ein soziales Sicherheitsnetz zu finanzieren und damit die auf Furcht vor der Zukunft gründenden Vorsorgeansparungen der privaten Haushalte zu verringern. Amerika andererseits scheint entschlossen, seinen aktuellen Kurs beizubehalten – in dem Glauben, dass das auf einer geringen Sparquote und hohem Konsum beruhende Modell, das in der Vergangenheit so gut funktioniert hat, auch in Zukunft reibungslos funktionieren wird.

Die Abstimmung dieser beiden Ansätze wird nicht folgenlos bleiben. Wenn China nun seine überschüssigen Ersparnisse umleitet, um die eigenen Bürger zu unterstützen, hat es weniger übrig, um die zu wenig sparenden Amerikaner zu unterstützen. Und dies dürfte die Bedingungen, zu denen die USA ausländisches Geld anlocken können, beeinträchtigen, was zu einem schwächeren Dollar, höheren Zinsen, steigender Inflation oder einer Kombination aus allen dreien führen wird. In Reaktion darauf wird der wirtschaftliche Gegenwind, dem Amerika ausgesetzt ist, umso stärker zunehmen.

Es heisst oft, man solle eine gute Krise nicht verschwenden: Politiker, Entscheidungsträger und Aufsichtsbehörden sollten den Moment tiefer Bedrängnis ergreifen und die schwere Last struktureller Reparaturen auf sich nehmen. China scheint dies zu tun, Amerika tut es nicht. Die gegenseitige Abhängigkeit beider lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Die USA sind dabei, sich in den Gefahren des linearen Denkens zu verfangen.

Copyright: Project Syndicate.