Märkte / Makro

Chinas Wirtschaft wächst auch mit «nur» 5,7% noch zu schnell

Zu ehrgeizige Wachstumsziele der Regierung sorgen für Enttäuschungen. Die ineffiziente Kapitallokation und der strukturelle Wandel bremsen.

Noch vor einem Jahrzehnt expandierte die weltweit zweitgrösste Volkswirtschaft jährlich deutlich über 10%. Im Jahr 2014 sogar beinahe 13%. Mittlerweile hat die Hochkonjunktur allerdings einer Abkühlung Platz gemacht. Im Vorjahr legte das chinesische Bruttoinlandprodukt (BIP) real nur noch 6,6% zu. Das ist im Vergleich zu den reifen Industriestaaten zwar immer noch eine stolze Zahl, doch ist die Welt vom Wirtschaftswunderland China anderes gewöhnt.

Das fällt umso mehr ins Gewicht, trug die Volksrepublik in den Jahren nach der globalen Finanzkrise rund 30% zum Wachstum der Weltwirtschaft bei. Jüngste Daten weisen auf eine weitere Verlangsamung der Konjunktur hin, trotz den von der Regierung in den vergangenen Monaten eingeleiteten wachstumsstützenden Massnahmen. Nach Angaben des unabhängigen Forschungsinstituts Oxford Economics wird Chinas Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr 6,2% und 2020 noch 5,7% wachsen. Das ist umso bemerkenswerter, hat doch das Kreditvolumen in den vergangenen Jahren beinahe doppelt so schnell zugenommen wie das BIP. Mittlerweile nähert sich der Verschuldungsgrad Chinas gemessen am BIP gefährlich nahe der Schwelle von 300%.

Auf dem Weg zur Weltspitze

Chinaexperten weisen darauf hin, dass Kapital dort nicht sehr effizient investiert wird. Die Bilanzen der Banken spiegeln das zwar nur teilweise wieder. Denn notleidende Kredite in Billionenhöhe werden nicht als solche ausgewiesen und schliesslich auch nicht abgeschrieben, sondern meist einfach durch die Erteilung von neuem Fremdkapital vor sich hergeschoben. Michael Pettis, ein an der Universität Peking lehrender Finanzprofessor, geht davon aus, dass die Wirtschaft unter Berücksichtigung dieses Faktors real nur 3 bis 4% wächst.

All das stellt Peking vor enorme Herausforderungen. Denn wenn es nach dem Willen der Regierung geht, soll China bis 2021 ein «moderat wohlhabendes Land» und bis 2049 eine «führende Industrienation» sein. Das würde bedeuten, dass Chinas Wirtschaftskraft Mitte dieses Jahrhunderts dreimal grösser wäre als jene der USA. Doch die Einhaltung dieses ehrgeizigen Fahrplans setzt, wie Premierminister Li Keqiang wiederholt gesagt hat, mittel- und längerfristig ein jährliches Wachstum von 6,5% voraus.

Ende des Booms

Das grösste Hindernis auf diesem weiten Weg ist nicht der Handelskonflikt mit den USA, der die Grenzen des von Exporten und Investitionen getragenen Wachstumsmodells aufgezeigt hat. Dabei ist der Umbau der Wirtschaft bereits weit fortgeschritten, was sich etwa daran zeigt, dass der Konsum der Privathaushalte mit einem jährlichen Wachstum von über 10% bereits jetzt ein wichtiger Wachstumsmotor ist. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet 16 000 Dollar hat China auch klar den Status eines armen Entwicklungslandes hinter sich gelassen. Doch gerade das bringt neue Probleme mit sich. China hat einen Entwicklungsstand erreicht, ab dem die Produktivität naturgemäss langsamer ansteigt als in der Anfangsphase. «Je grösser und reifer eine Volkswirtschaft ist, desto schwieriger wird es, hohes Wachstum zu generieren», heisst es dazu in einer Studie der Asiatischen Entwicklungsbank. Als weiterer struktureller Faktor belastet die Demografie das Wachstum. Denn infolge der alternden Bevölkerung hat die Zahl der Arbeitskräfte den Zenit überschritten.

Eine weitere Ursache für das Ende der Boomjahre ist der erschwerte Zugang zu ausländischer Technologie. Dabei spielt auch der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt eine zentrale Rolle.

China ist offensichtlich in eine weniger stürmische Phase eingetreten. Damit erscheint auch ein projiziertes Wachstum von «nur» 5,7% im kommenden Jahr als übertrieben optimistisch.

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