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Misstrauen um Ausbleiben chinesischer Daten

Exportstatistiken und Frühindikatoren werden nicht mehr veröffentlicht. Auch die Geburtenstatistik wird vermisst.

Alexander Trentin

Die Statistiken, die von den chinesischen Behörden veröffentlicht werden, werden schon seit langem mit grossem Misstrauen beäugt. Anfang Jahr hat die Provinz Innere Mongolei mitgeteilt, dass 40% ihrer ausgewiesenen Wirtschaftsleistung nicht existieren. Und der Gouverneur der Provinz Liaoning hat eingestanden, dass das Bruttoinlandprodukt bis 2014 um ein Fünftel zu hoch ausgewiesen wurde. Die Nationale Statistikbehörde hat als Antwort versichert, dass sich die Qualität der Daten verbessert habe und man sich darauf verlassen könne.

Misstrauisch macht nun, dass bestimmte Daten gar nicht mehr publiziert werden. So ist die Provinz Guangdong (Kanton) mit ihrer exportabhängigen Industrie im Handelskrieg zwischen China und den USA wohl eine der am schwersten betroffenen Regionen. Der Einkaufsmanagerindex (Purchasing Managers Index, PMI) ist seit August unter der Marke von 50 – und damit in der Kontraktionszone. Seitdem wird die Zahl nicht mehr veröffentlicht. Die PMI werden über eine Umfrage bei Unternehmen erhoben.

«Nur noch nationale Datensammlung»

Die in Hongkong sitzende «South China Morning Post» (SCMP) fragte bei der Regierung der benachbarten Provinz nach, was dort passiert ist. «Tief vergraben in der Webseite hat man dort bekanntgegeben, dass die Nationale Statistikbehörde angewiesen hat, dass alle PMI-Zahlen nur noch national gesammelt werden», schreibt die SCMP.

Dabei hatte man den Provinz-PMI erst Anfang Jahr eingeführt. Damals wurde der Vergleich zum Einkaufsmanagerindex von Chicago gezogen – der von vielen Ökonomen als wichtiger Gradmesser der amerikanischen Industrie gesehen wird. Solch ein regionales Frühwarnsystem wird von den Statistikern in Peking in schwierigen Zeiten offensichtlich nicht goutiert.

Der offizielle PMI für China und der vom Wirtschaftsmagazin Caixin erhobene PMI, der eher die Stimmung privater Unternehmen abbildet, sinken seit Monaten. Sie haben sich für den November aber noch knapp über der Wachstumsmarke von 50 gehalten.

Das japanische Wirtschaftsmagazin «Nikkei Asian Review» weist darauf hin, dass detaillierte Daten zu den Ein- und Ausfuhren von den chinesischen Behörden nicht mehr veröffentlicht werden. Die Zollbehörde publiziert nicht mehr ihren monatlichen Frühindikator für die Ausfuhrstatistik. Auf Anfragen reagiert die Behörde nicht.

Harte Daten zeigen Verlangsamung

Nicht nur die Stimmung ist gedrückt. Auch harte Daten zeigen eine Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft. Der Einzelhandelsumsatz ist gegenüber dem Vorjahr um 8,1% gestiegen. Das ist so wenig wie seit fünfzehn Jahren nicht. Die Industrieproduktion ist mit 5,4% einen halben Prozentpunkt weniger gewachsen als von Ökonomen vorhergesehen. Das war der geringste Anstieg seit Februar 2016.

Geburtenrate nicht veröffentlicht

Neben aktuellen Wirtschaftsdaten scheint auch eine langfristig wirkende «unbequeme Wahrheit» nicht mehr genehm zu sein. Das im November publizierte Jahrbuch beinhaltet nicht mehr die Zahl von Neugeborenen chinesischer Frauen. Seit dem Jahr 2010 liegt die Geburtenrate gemäss diesen Zahlen knapp über 1 je gebährfähige Frau. Dabei ist die offizielle Rate bei 1,6 – mit der Begründung, dass viele Geburten nicht gemeldet würden.

Die Geburtenstatistiken für 2016 und 2017 wurden nicht bekanntgegeben. Seit Anfang 2016 wurde die Einkindpolitik der Volksrepublik gelockert. Seitdem darf jedes Paar zwei Kinder haben – doch zu einem Geburtenboom hat diese Lockerung kaum verholfen.

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