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Unternehmen / Schweiz

Christina Kehl: Vom Fintech-Start-up in die Lobby

Sie hat das erfolgreichste Jungunternehmen der Schweizer Finanztechnologie gegründet. Jetzt vertritt sie mit dem Verband SFS die Interessen der Gründerszene.

Ihr erstes «Start-up» gründete Christina Kehl mit sechzehn Jahren: «Bei uns an der Schule fehlte ein Sprachrohr. Ich dachte, so etwas braucht es, und baute eine Schülerzeitung auf», sagt die neue Geschäftsführerin und Mitgründerin von Swiss Finance Start-ups (SFS), dem Interessenverband der jungen Finanztechnologieunternehmen in der Schweiz.

Im Alter von neunzehn hob sie eine Bildungsberatung aus der Taufe und finanzierte sich damit ihr Jus-Studium. «Mir fehlte so eine Beratung früher, und ich wollte es anderen ermöglichen», sagt die Deutsche, die sich selbst als Social Entrepreneur bezeichnet. Die Beratung existiert heute noch. Auf ihren weiteren Stationen Oxford und Berlin kam sie dann zum ersten Mal mit einer Gemeinschaft von Start-up-Gründern und Investoren in Kontakt. «Damals erkannte ich, dass es Unternehmertum ist, was in mir brennt», sagt die 31-Jährige.

2013 kam sie nach Zürich zu Centralway, Entwickler der mobilen Banking-Lösung Numbrs. Dort lernte sie Dennis Just, den Mitgründer von Numbrs, kennen – danach hielt es beide nicht mehr lange in ihrem Anstellungsverhältnis. «Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut, und uns beiden war schnell klar: Wir wollen etwas eigenes machen.»

Im Herbst desselben Jahres entwickelten sie zusammen die Idee von Knip, dem ersten digitalen Versicherungsbroker. Es sollte das erfolgreichste Projekt der noch jungen Schweizer Fintech-Start-up-Szene werden. Vergangenes Jahr erhielt Knip von einer Investorengruppe die Rekord-Finanzierung von 15 Mio. Fr. und wurde im März 2016 von «Finanz und Wirtschaft» mit dem Swiss Fintech Award für die innovativste Schweizer Fintech-Lösung ausgezeichnet.

In kurzer Zeit erreichten Kehl und ihr Mitgründer das, wovon viele Start-up-Unternehmer nur träumen können: internationalen Erfolg. Denn wenn internationale Investoren mehrere Millionen in ein junges Unternehmen stecken, gibt es nur einen Weg: Wachstum.

Doch dieser Weg war bald nicht mehr der ihre. «Es war nie mein persönlicher Anspruch, 150 Mitarbeiter unter mir zu haben», sagt Kehl, die sich vor allem als Netzwerkerin versteht. «Für mich persönlich war es irgendwann nicht mehr das Richtige.» Zudem bahnte sich eine neue Aufgabe an.

Im vergangenen Sommer klinkte sie sich komplett aus der Leitung des Brokers aus, um sich der Lobby-Arbeit zu widmen. In dieser Zeit nahm das Thema Fintech in der Schweiz an Fahrt auf. «Das wollte ich vorantreiben», sagt Kehl. Schon als operative Chefin von Knip vertrat sie mit Verve die Interessen der Fintech-Gründerszene – es gibt kaum eine Diskussion zu dem Thema, bei der Christina Kehl nicht mit auf dem Podium sitzt.

Mit Kehl als erster hauptamtlicher Leiterin des Verbands will SFS nun einen Gang höher schalten. Kehl und ihr Team wollen in Bern bei Politik und Verwaltung für ihr Anliegen weibeln. Ihr grösster Erfolg bisher: ein öffentliches Bekenntnis zur Schweizer Fintech-Szene von Bundespräsident Johann Schneider-Ammann am ersten «Swiss Fintech Day» – Veranstalter: SFS.

Kehl will nun die Start-ups weiter untereinander vernetzen, etablierte Unternehmen sowie Investoren des Finanzplatzes als Partner gewinnen und allgemein die Rahmenbedingungen für Start-ups in der Schweiz verbessern. «Wir brauchen die gleichen Voraussetzungen wie in London oder Singapur, um international mithalten zu können», sagt sie.

Für den Erfolg müssen die Unternehmen in erster Linie aber selbst sorgen, indem sie an die historischen Stärken des Finanzplatzes anknüpfen. «Vermögensverwaltung, Währungen, Datensicherheit und Versicherung» – auf diesen Feldern können laut Kehl «Schweizer Player mit Weltruf entstehen». Aber was ist mit dem eigenen, in ihr brennenden Unternehmertum? SFS sei ja auch so etwas wie ein Start-up, meint Kehl, das sie jetzt entwickeln möchte. Doch sicherlich werde sie auch irgendwann wieder ein eigenes Start-up gründen.