Unternehmen / Industrie

Clariant wird von Geistern der Vergangenheit heimgesucht

W. R. Grace geht an Standard Industries, eine Gruppe mit White-Tale-Bezug. Sie wäre auch für Clariant interessant gewesen.

Die Möglichkeiten für Clariant (CLN 19.12 -0.75%), einen grossen Wachstumsschritt zu machen, sind kleiner geworden. Die ohnehin geringe Zahl von Übernahme- oder Fusionskandidaten auf dem Gebiet der Katalysatoren wird mit der Akquisition von W. R. Grace durch Standard Industries noch kleiner. Die US-Gesellschaft hat dem Werben der privaten Holding aus New York stattgegeben und wird künftig deren Spektrum an Unternehmen, Technologien und Investitionen erweitern.

Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass die Personen hinter Standard Industries, die Co-CEO David Millstone und David Winter, für Clariant keine Unbekannten sind. Denn auch 40 North gehört zu Standard Industries, jene Investmentfirma also, die 2017 mit dem Hedge Fund Corvex den oppositionellen Clariant-Aktionär White Tale gebildet hatte.

White Tale wollte damals die Fusion mit Huntsman verhindern, was gelang, nach Ansicht von Clariant aber auch das Unternehmen zerschlagen hatte. Der mit harten Bandagen geführte Kampf endete damit, dass White Tale die Beteiligung von rund 25% Anfang 2018 an Sabic verkaufte.
Was Standard Industries mit W. R. Grace vorhat, ist insofern unklar, als das Gros der industriellen Aktivitäten Baumaterialien umfasst und auch Solarlösungen einschliesst. Denkbar ist ein Private-Equity-ähnlicher Ansatz.

Die am Montag besiegelte Transaktion misst Grace – die 2020 aus 1,73 Mrd. $ Umsatz einen Betriebsgewinn (Ebit) von 312 Mio. $ erzielte – einen Unternehmenswert von 7 Mrd. $ zu. Darin enthalten ist der im Februar vereinbarte Kauf des Fine-Chemistry-Services-Geschäfts von Albemarle. Standard Industries wird je Aktie 70 $ bezahlen. Das erste Angebot vom 9. November lautete noch auf 60 $, was als unzureichend zurückgewiesen wurde. Nun beträgt der Aufschlag zum letzten Kurs vor jener Offerte 59%.

Ob ein transformierender Wachstumsschritt für Clariant überhaupt noch drinliegt, ist unklar. Hariolf Kottmann, der Anfang April abgetretene VR-Präsident, hatte sich einen solchen stets gewünscht, am liebsten bei Katalysatoren – Stoffen, die die Geschwindigkeit einer chemischen Reaktion beeinflussen oder eine solche erst auslösen, ohne dabei selbst verbraucht zu werden. Im FuW-Interview von Anfang Februar sagte er jedoch, Sabic habe Clariant darüber informiert, dass keine transformierenden Akquisitionen oder Mergers unterstützt werden.