Bekennende Contrarians gibt es an jeder Ecke. Solche, die tatsächlich zugreifen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, scheinen weniger häufig zu sein. Aus meiner Sicht hat sich im Eurostoxx Bankenindex eine solche eingestellt.

Diese Beurteilung möchte ich begründen. Die schlechtesten technischen Signale an der Börse kommen dann zustande, wenn sie auf eine spezifische Nachricht zurückgeführt werden können. Gute Investoren warten nicht auf Nachrichten, sondern erarbeiten ihre Visionen der Zukunft schleichend. Somit kann davon ausgegangen werden, dass Kursreaktionen auf Nachrichten von einer Population ausgelöst wurden, die über keine wirklich smarte Entscheidungsstrategie verfügt. Wirklich gute Signale kommen entweder im Nachrichtenvakuum zustande oder laufen exakt konträr zu jeder naheliegenden Annahme aus dem Nachrichtenfluss.

Talsohle durchschritten

Das ist aus meiner Warte im Eurostoxx Bankenindex nach einem Minus vom Jahreshöchst von bis zu 25% im Juni geschehen. Im Juli legte er 5,7% zu und übertraf damit den Zuwachs des MSCI Welt von 3,1% und jenen des Sektors Financials von 4,6%. Die Erholung setzte dort ein, wo jeder Techniker sie erwarten konnte: Auf der Höhe der unteren Linie des 20-Monate-Bollinger-Bandes.

Was lag hinter der Schwäche der Euroraumbanken? Eine Ankerbildung, die Verfügbarkeitsheuristik, und der weitverbreitete Hang zu übertreiben. Die Ankerbildung besteht in der Skepsis gegenüber dem Euro, der institutionellen Aufstellung des Euroraums und der engen Vernetzung zwischen Bankbilanzen und Staatsschulden. Sie entstand in den beiden Vorgängen, die in diesem Jahrzehnt als Eurokrise in die Geschichte eingegangen sind. Die Verfügbarkeit genau dieser Problematik liegt darin, dass gerade dieses Informationspaket insbesondere nach dem Ausgang der Wahlen in Italien auf allen Kanälen der elektronischen Medien und in allen Printmedien ausgebreitet wird.

Hinderliche Tunnelvision

Zur Übertreibung kam es dadurch, dass (leider) sehr viele Marktteilnehmende sich durch den Nachrichtenfluss regelmässig verführen lassen, und zwar in dem Sinne, dass die neuesten Nachrichten bezüglich der Bedeutung im Kontext aller relevanten Variablen überhöht werden und dadurch eine Tunnelvision entsteht, die das im Laufe der Zeit angesammelte Wissen ausser Acht lässt.

Contrarian-Aktionen bieten nicht nur Chancen für überdurchschnittliche Gewinne. Sie enthalten auch überdurchschnittliche Risiken. Deshalb ist es wichtig, bereits beim Einstieg die Ausstiegskriterien festzulegen. Es müssen solche sein, die die Vermutung nahelegen, die ursprünglich angenommene Contrarian-Chance stelle sich nicht ein. Aus meiner Warte wäre ein Rückschlag von 8% vom Schlusskurs des vergangenen Freitags aus gerechnet ein solches Signal.

Für den Schluss dieser Kolumne habe ich eine Anmerkung aufgespart, die im Zusammenhang mit Contrarian-Situationen besonders wichtig ist: Sie ergeben sich wie erwähnt nie aus Meldungen aus dem Wirtschaftssystem, sondern aus der Börse heraus selbst. Das ist auch der Grund, warum ich lieber den Begriff Contrarian verwende als den im deutschen meist zum Zug kommenden: antizyklisch. Es geht hierbei wirklich um eine Handlung, die konträr zu allem erscheint, was sich als glaubwürdige, allgemein akzeptierte Verhaltensweise in einem sozialen Kontext darstellt.

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