Meinungen

Corona und der (Bio-)Terrorismus

Der weltweite Lockdown hat Terroranschläge erschwert. Im Zuge der Lockerungen dürfte die Saat der Terrorpropaganda aber aufgehen. Ein Kommentar von Mauro Mantovani.

Mauro Mantovani
«Der Bioterrorist ist im Vorteil gegenüber dem Verteidiger.»

Ebenso wie zahllose staatliche und nichtstaatliche Akteure versuchen auch Terroristen, die Coronapandemie in ihre Narrative einzubeziehen, in der Absicht, ihre Gefolgschaft zu einigen, neue Sympathisanten zu gewinnen und ihre strategischen Ziele zu befördern. Für amerikanische Rechtsextreme etwa ist klar, dass China mit dem Virus den Westen angreifen wollte, Neonazis und Anarchisten fordern ihre Anhänger auf, die sozioökonomischen Verwerfungen zu nutzen, um Chaos zu stiften und einen Bürgerkrieg auszulösen. Dazu sollen Virenträger in Menschengruppen ein­geschleust oder auch Vertreter der Staatsgewalt, Versorgungszentren und Krankenhäuser attackiert werden. Dschihadisten wiederum, ebenfalls berauscht von Fantasien des Endkampfs oder der Apokalypse, sehen Corona als Strafe Allahs für alle Nichtgläubigen bzw. «Feinde des Islam» und frohlocken über den wirtschaftlichen Grossschaden und die mutmasslich abnehmende Fähigkeit ihrer Gegner, ihre Bewegung zu bekämpfen.

Unbeeindruckt vom Verlust seiner Territorialherrschaft im Irak und in ­Syrien sowie seiner Identifikations­figur im Vorjahr, rief der IS Mitte März seine Anhänger dazu auf, von Dschihad-Reisen nach Europa ab­zusehen, um sich dort nicht anzu­stecken, bzw. umgekehrt: Infizierte Kämpfer sollten nicht aus Europa zurückkehren. Der «autonome Nachvollzug» weltweiter Reisebeschränkungen mag schon fast humoristisch anmuten, wenn er nicht mit dem obligaten Aufruf verknüpft worden wäre, die Gelegenheit für Anschläge zu nutzen und gefangene Kämpfer zu befreien. Dieser Appell richtete sich an die verbliebenen, untergetauchten IS-Kämpfer, die noch immer auf 20 000 Mann geschätzt werden, sowie an regionale Gruppierungen.

Vor einer Wiederauferstehung des IS?

Motivation, Inspiration und Propaganda sind freilich nicht mit Aktion gleichzusetzen. Tatsächlich ist die ­Anzahl Terroranschläge der globalen dschihadistischen Bewegung seit dem Ausbruch der Pandemie im lang­jährigen Vergleich messbar zurückgegangen, was auch darauf zurückgeführt wird, dass das Virus vor «rechtgläubigen» Muslimen – entgegen dem Wahn des IS – eben doch nicht haltmacht.

Die Chancen für ein Comeback des IS stehen jedoch günstig. Zum einen ist die zentrale Voraussetzung für den Aufstieg der Terrororganisation – das Staatsversagen – in immer mehr Ländern der arabischen Welt gegeben: Nicht nur in den bereits kriegsversehrten Staaten Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen und Jemen liegt die Wirtschaft darnieder, verstärkt durch die Pandemie – aber auch durch die Baisse des Erdölpreises; diese hat bereits Millionen von Wanderarbeitern die Stelle ge­kostet und ihre Familien daheim um die regelmässigen Überweisungen gebracht. Bleibt der Ölpreis im Keller, dürfte dies auch anderswo Lohnzahlungen an Ein­heimische und Sicherheitsorgane in Frage stellen und damit die politische Stabilität gefährden.

Hinzu kommt, dass westliche Staaten ihr wirtschaftliches, humanitäres und militärisches Engagement in der Region herunterfahren – offensichtlich wegen schwindender finanzieller Ressourcen, Gesundheitsrisiken für das Personal und der Verschiebung der politischen Prioritäten. Derweil dürfte das Heer der zornigen jungen Männer ohne Per­spektive zu Hause und mit ­nochmals verringerten Chancen auf  Emigration in das verheissungsvolle Europa wachsen. Kombiniert mit einer nachhaltig geschwächten staatlichen Gegnerschaft und seiner auf 300 Mio. $ geschätzten Kriegskasse dürfte es so dem IS erheblich leichter fallen, in der Region mittelfristig wieder Fuss zu fassen. Die Aussicht auf eine Behausung, Geld, eine Kalaschnikow und eine oder mehrere Frauen, ohne dafür einen Brautpreis entrichten zu müssen, treibt junge Sunniten den Dschihadisten in die Arme.

Dass es seit Anfang des Jahres gleichwohl kaum zu ­islamistischen Anschlägen in Europa gekommen ist, wird mit den Folgen des Lockdown erklärt: weniger Menschengruppen als mögliche Ziele, erhöhte Überwachung des öffentlichen Raums und Fehlen von medialer Aufmerksamkeit für islamistische Anliegen.

Die Pandemie hat gezeigt, wie verwundbar die verflochtenen Volkswirtschaften und das Gesundheits­wesen gerade in hoch entwickelten Demokratien sind. Ihre Gegner ergehen sich aber nicht nur in Schadenfreude, sondern stellen auch fest, dass Corona in New York inzwischen siebenmal mehr Todesopfer gefordert hat als die Attentate von 9/11. Von da ist es nur ein ­kleiner Schritt, eine alte Idee wieder aufzugreifen: den «Bioterrorismus». Denn biologische Waffen versprechen massive Schäden für die Gegenseite zu relativ geringen eigenen Kosten. Die dschihadistische Bewegung hat ­allerdings bisher nicht gezeigt, dass sie die gefährliche Handhabung pathogener Substanzen wirklich beherrscht. Ein erfolgreicher Einsatz ist bisher sogar gänzlich ausgeblieben. Der ungeklärte Verbleib grösserer Mengen von biologischen Kampfstoffen im Irak beunruhigt allerdings auch noch knapp zwei Jahrzehnte nach dem Sturz von Saddam Hussein. Nicht weniger Sorge bereitet Experten die Sicherheit von Forschungslabors. Neben dem Institut für Virologie in Wuhan, wo an Coronaviren und der Übertragung von Krankheiten zwischen Tier und Mensch (Zoonose) geforscht wurde, gibt es weltweit 54 weitere Labors derselben – höchsten – Schutzstufe. Aber auch in Hunderten von Labors mit ­geringerer Schutzstufe sind die Voraussetzungen gegeben, um heikle Experimente an Organismen durchzuführen, wie etwa die Entschlüsselung bzw. Sequenzierung des Erbguts und dessen Mutation (DNA Shuffling). Dadurch können Viren und Bakterien synthetisch re­produziert werden; die Genome von Grippe-, Pocken-, Ebola- oder Marfurt-Virus sind im Internet zugänglich. Bereits 2002 konnten allein mit Computerdaten und im Reagenzglas Polioviren konstruiert werden.

Düstere Aussichten

Die Mutation wiederum eröffnet die Möglichkeit, noch aggressivere Viren und antibiotikaresistente Bakterien künstlich herzustellen. Zehntausende von Labormitar­beitern dürften über Zugang zu diesem Wissen sowie zu den erforderlichen Gerätschaften verfügen. Im Fall der Verbreitung von Anthrax-Sporen im Jahr 2001 führten die Spuren sogar zu einem militärischen Labor, dem medizinischen Forschungsinstitut der amerika­nischen Armee für Infektionskrankheiten. Dies wirft ein Schlaglicht auf das Insider-Problem – analog zur ­Cyber-Kriminalität –, besonders wenn diese Personen frustriert oder von destruktiven Ideologien, gleich, welcher Couleur, befallen sind.

Für die Verhinderung eines unbeabsichtigten oder gewollten Ausbruchs von Krankheitserregern aus Bio­labors sind Staaten alleinig zuständig, ein internatio­nales Aufsichtsgremium mit Interventionskompetenz wie im Fall der Chemiewaffen existiert nicht. Gewiss sind seit 2001 auch die nationalen Frühwarn- und Sicherungssysteme erheblich verstärkt worden, doch selbst wenn die dramatisch verschärfte Schuldenkrise diese Bemühungen nicht untergrübe, ist der Angreifer zunehmend im Vorteil gegenüber dem Verteidiger: zum einen wegen der biotechnologischen Revolution und der kommerziell getriebenen Weiterverbreitung ihrer Erkenntnisse und Geräte, zum anderen, weil es der Aggressor ist, der Ort und Zeitpunkt seiner Tat bestimmt und gute Chancen hat, unerkannt davonzukommen.

Der Terrorismus dürfte nach dem Abebben der Coronakrise in die Schlagzeilen zurückkehren: in der islamischen Welt in altbekannter Manier und getragen von neu konstituierten Gruppierungen, in der hoch indus­trialisierten Welt mit neuer, von Corona inspirierter Fratze und praktiziert von fanatisierten Einzelpersonen.

Mauro Mantovani ist Dozent Strategische Studien, Militärakademie an der ETH Zürich.