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Coronavirus und künstliche Intelligenz

Die Schweiz ist in der Pole Position beim Wettbewerb bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz.

Pascal Kaufmann

Im Zuge der aktuellen Coronavirus-Situation werden ganze Industrien lahmgelegt, der Lehrbetrieb muss eingestellt werden, die zwischenmenschliche Interaktion soll auf ein Minimum beschränkt werden. Begriffe wie Social Distancing sind in aller Munde. Doch Menschen sind soziale Wesen, die sich nicht einfach wegschliessen lassen.

Menschliche Kreativität findet einen Weg, und wenn es sein muss, werden neue Wege geschaffen. Neue Möglichkeiten zur Interaktion werden dieser Tage intensiv weiterentwickelt, die Hochschule der Zukunft wird sich kaum mehr durch Betonwände und Wandtafeln definieren.

Vielleicht hat die dramatische Ausbreitung des Coronavirus für die Zukunft neben den tragischen Folgen auch einen positiven Aspekt: indem die jetzige Notlage dazu beiträgt, neuartige Formen der Kooperation zu fördern und Technologien entstehen zu lassen, die den Know-how-Austausch über die physischen oder die zwischenmenschlichen Grenzen hinaus auf globaler Ebene ermöglichen.

Die Frage, wie eine Maschine konstruiert werden müsste, die zu intelligenten Entscheidungs- und Handlungsprozessen fähig ist, konnte bis heute mit klassischen Forschungsansätzen nicht gelöst werden. Das Coronavirus könnte der fehlende Funke für eine vollends neue Generation von Kooperationssystemen sein, die menschliche Zusammenarbeit in virtuellen Welten erlaubt. Diese könnte im Vergleich zur physischen Interaktion in einem stickigen und logistisch schwer zu erreichendem Raum als inspirierendes Erlebnis gestaltet werden.

Eine neue Art von Zusammenarbeit könnte für einen qualitativen Durchbruch im Feld der künstlichen Intelligenz ausschlaggebend sein. Die Schweiz ist an dieser Entwicklung in einer Spitzenposition. Es ist nun an uns, die Lehren aus der aktuellen Krise zu ziehen und jetzt erst recht in Spitzenforschung und neue Welten zu investieren. Das Ziel ist dabei, dass menschenartige künstliche Intelligenz geschaffen werden kann. Doch was ist eigentlich künstliche Intelligenz?

Bisher nur eindrückliche Automatisierung

Seit dem Jahr 1956 findet der Begriff der künstlichen Intelligenz (KI) Verwendung – doch auch 64 Jahre später muss eher von eindrücklicher Automatisierung gesprochen werden als von menschenartiger künstlicher Intelligenz.

Die Verwirrung um den Begriff der KI ist so gross, dass man mindestens so viele Definitionen wie Experten im Raum erhält, wenn man diese zum Thema KI befragt. Im Folgenden wird KI als die Fähigkeit eines künstlich erschaffenen Systems bezeichnet, Aufgaben zu lösen, deren Lösungsweg nicht vorgegeben wurde.

Dazu gehören beispielsweise das Überleben in einer sich ständig verändernden Umwelt, das Aufbrühen einer Tasse Kaffee in einer Küche, die man vorher nie betreten hat, oder das Navigieren durch den Stossverkehr in einer Stadt mit unzähligen, unvorhersehbaren Hindernissen und Situationen.

Eine noch plastischere Definition der künstlichen Intelligenz stammt aus dem ehemaligen Labor für künstliche Intelligenz der Universität Zürich, die vom damaligen Direktor Prof. Dr. Rolf Pfeifer, gegeben wurde: Gelänge es beispielsweise einer Maschine, die die Fähigkeit besitzt, Fussball zu spielen, in einem Team von elf Maschinen gegen eine menschliche Fussballmannschaft zu gewinnen, dann könnten wir von tatsächlicher künstlicher Intelligenz reden.

Denn die einzelne Maschine müsste sich in ihr Team ein- und den Spielregeln unterordnen können, gleichzeitig aber vielleicht auch mal am Trikot der Gegners ziehen – und damit vorgegebene Regeln brechen können. Sie müsste die Fähigkeit zur Kreativität besitzen, sich über gegebene Ansätze hinwegsetzen, Regeln missachten, grundsätzlich Neues schaffen oder neue Spielzüge erdenken können.

Eine solche Maschine müsste also ein sehr breites Verhaltensspektrum zeigen, dessen Schaffung zum heutigen Stand der Technologie allerdings noch nicht möglich ist. Heutige Systeme beinhalten vor allem in Programmiercode festgehaltene biologische Intelligenz von menschlichen Softwareentwicklern, die bestimmte Abläufe ganz genau definiert und durch Automatisierung via Computer perfektioniert haben.

So wenig, wie wir Büchern KI beimessen, obschon sie «übermenschliches Wissen» beinhalten – also mehr Wissen, als ein einzelner Mensch besitzt –, so wenig sollten wir Computern eine besondere Intelligenz beimessen. Auch für das Design eines Hammers ist viel menschliche Intelligenz verwendet worden, trotzdem würden wir dem Werkzeug nicht besonders viel Intelligenz zubilligen. Es ist die Kombination von Werkzeug und Mensch, die den Unterschied ausmacht. Intelligenz ist daher vor allem eine Frage der Perspektive und der Definition.

Eine Frage des Marketings

Über drei Dutzend Länder in aller Welt haben eine KI-Strategie verabschiedet, während in der Schweiz noch vorwiegend über Digitalisierung und Automatisierung gesprochen wird. Die allgemeine Konfusion geht sogar so weit, dass diese Begrifflichkeiten im gleichen Atemzug mit künstlicher Intelligenz benutzt werden.

Ironischerweise scheinen Digitalisierung und Automatisierung in vielen Aspekten genau das Gegenteil von kreativer Intelligenz – eben nicht die flexible und kreative Fähigkeit, Bekanntes auf Unbekanntes anzuwenden, Neuartiges zu schaffen oder Regeln zu brechen, sondern die schier perfekte Abarbeitung der immer gleichen Prozesse. Automatisiert wird seit Tausenden von Jahren, etwa als die ersten Ochsen im Zweistromland für das Heraufpumpen von Wasser aus tiefen Brunnen eingesetzt wurden. Später wurde die Produktivität der Tier-Maschinen-Interaktion durch die berühmte Wasserschraube des Archimedes noch weiter optimiert.

Digitalisierung entstammt der Ansicht, dass sich viele Phänomene quasi auf Bits und Bytes reduzieren und dadurch auch automatisieren und in ein Regelwerk bringen lassen. Digital, aus dem Lateinischen für «Finger», steht quasi für Automatisierung, denn das händische Zählen mit Fingern wurde im Laufe der Zeit immer mehr von Maschinen übernommen. Die Automatisierung des Zählens und damit der Begriff der Digitalisierung wurde damit schon früh geboren. Die Begriffe sind so alt, dass immer wieder neue Slogans herangezogen werden. Seit einigen Jahren schon lassen sich Systeme besser verkaufen, wenn sie in den Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz, Kognition, «Narrow», «General» oder seit neuestem auch «Broad Artificial Intelligence» gebracht werden.

Die sogenannte breite künstliche Intelligenz beschreibt dabei Systeme, die nicht mehr nur auf ein einzelnes System optimiert wurden, sondern auf eine Kategorie von Systemen, wie beispielsweise das Bewältigen vieler Spiele im Gegensatz zu einem Schachcomputer, der genau ein Spiel beherrscht. In Anbetracht der aktuellen Diskussionen soll an den ersten Schachcomputer aus dem Jahr 1769 erinnert werden, dem die damaligen Experten bereits übermenschliche künstliche Intelligenz beigemessen hatten.

Der «Schachtürke», wie er heute in den Geschichtsbüchern dokumentiert ist, führte die Menschen fast achtzig Jahre an der Nase herum, da er einige der besten Schachspieler des Landes inklusive Napoleon schlug. Eine Roboterpuppe bewegte die Schachfiguren, wobei ein kompliziertes und gut sichtbares Räderwerk aus Zahnrädern entsprechende Geräusche von sich gab. Schliesslich wurde bekannt, dass sich in der Maschine kleinwüchsige Menschen befanden, die zu den führenden Schachspielern der Zeit gehörten. Der KI-Hype wurde damals beendet, als die Maschine feierlich in Philadelphia auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Mit Deep Learning sollen seit 2010 Computer quasi aus Erfahrungen «lernen». Wie sich zeigt, geschieht dies in der Tat anhand unzähliger Hidden Layers (versteckter Schichten) innerhalb der neuronalen Netze, die wie eh und je im Binärsystem Input in Output umrechnen.

Modebegriff kommt an seine Grenzen

2020 scheint der neue Modebegriff an seine Grenzen zu stossen, da der Rechenaufwand gemessen am Output und am notwendigen manuellen Input in einem schlechten Verhältnis steht. Für Jahre allerdings sorgten die neuen Begriffe vor allem in den IT-Etagen auch von Schweizer Firmen im Banken- und Versicherungssektor für steigende Budgets und mutige Investitionen. Nur wenige davon zahlten sich aus, viele davon wurden bereits deinstalliert. Wiederum neigt sich ein KI-Hype mehr dem Ende entgegen.

Lesen Sie im nächsten Blog-Beitrag über die Chancen und die Risiken von menschenartiger KI für die Gesellschaft, die Schweizer Wirtschaft und die Spitzenforschung.

Pascal Kaufmann hat 2017 die gemeinnützige Stiftung Mindfire lanciert, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Prinzip der Intelligenz zu entschlüsseln und diese Erkenntnisse der Spitzenforschung verfügbar zu machen.

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