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Meinungen

Coronavirus – sollten die Finanzmärkte so besorgt sein?

Es gab schon früher Fälle schwer erklärbarer Marktirritationen. Raffinierte Anleger nutzen uninformierte aus. Ein Kommentar von Arturo Bris.

Arturo Bris
«Die Märkte erwarten immer das Unerwartete, und das Unerwartete kam dieses Mal von einem Markt in Wuhan.»

Der Finanzmarkt hat auf den Ausbruch des Coronavirus reagiert und Billionen von Aktionärskapital «verbrannt»: Zwischen dem 20. und dem 31. Januar fielen der französische Cac40, der britische FTSE 100, der japanische Nikkei 225 Average Index und der US-amerikanische S&P 500 um 4,4%, 4,8%, 3,6% bzw. 3,1%.

Nun, da der Brexit im Nachrichtenzyklus keine Berücksichtigung mehr findet, können wir mit Sicherheit sagen, dass das Coronavirus einen Markt-Crash verursacht hat (stellen Sie sich vor: auf Jahresbasis ist der US-Markt um 58% gefallen).

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Marktdynamik zu interpretieren. Eine Pandemie, die weltweit rund 71’000 Menschen infiziert und über 1775 getötet hat (Stand 17. Februar), davon nur 3% ausserhalb Chinas, scheint kein Grund für eine globale Panik zu sein.

Symptom des instabilen Welthandels

Wir hatten in der Vergangenheit mehrere Vorfälle von Marktirritationen, die schwer zu erklären sind. Der chinesische Markt-Crash von 2015 ist ein gutes Beispiel. Wenn das geschieht, nutzen raffinierte Anleger uninformierte, anfällige Investoren aus, und der Schaden an den Märkten ist nur von kurzer Dauer, da die Aktienkurse schnell auf ihr normales Niveau zurückkehren.

Es stimmt auch – und das ist meine zweite Interpretation der Vorkommnisse –, dass die Entwicklung der Aktienmärkte im vergangenen Jahr schwer zu erklären war und Anleger nach einem Grund gesucht haben, die Preise nach unten zu korrigieren. Ende des letzten Sommers war man der allgemeinen Auffassung, dass ein Schock kommen würde: sei es im Zusammenhang mit dem Welthandel, dem Terrorismus, der Amtsenthebung von Donald Trump oder der Krise im Nahen Osten. Die Märkte erwarten immer das Unerwartete, und das Unerwartete kam dieses Mal von einem Markt in Wuhan.

Der aktuelle Fall zeigt nur, wie schwach und instabil der Welthandel ist. In einer vernetzten Welt sind zwar die Entfernungen kürzer, aber die Risiken eines globalen Marktes auch grösser. Die Kunden in Dubai kaufen kein Hühnerfleisch aus dem Nahen Osten, sondern aus Brasilien. Obst in Japan kommt möglicherweise aus Spanien, und Spielzeug in der Schweiz stammt aus China. Die Lieferketten sind heute so komplex, dass das Vertrauen der Verbraucher schon durch eine kleine Störung, die überall auftreten kann, beeinträchtigt wird. Das wird durch die Geschwindigkeit der Information und die Kenntnis der Ereignisse in Echtzeit noch verschärft, was wiederum Panik schürt, da das, was in China geschieht, dem Rest der Welt sehr nahe zu sein scheint.

Globale Gesundheitskrise als schlimmstmöglicher Fall

Natürlich gibt es direkte Auswirkungen einer Abschottung der chinesischen Märkte, die am stärksten in denjenigen Ländern zu spüren sein werden, die nach China exportieren oder aus China importieren. Nehmen wir das Beispiel Australien: Zwischen 90 und 95% der Hummer des Landes landen auf dem chinesischen Festland. Aufgrund des Importverbots waren die australischen Produzenten gezwungen, bis zu 10’000 Hummer in Meerwasserspeichern zu lassen, und die Preise sind binnen nur weniger Tage bis zu 20% gesunken.

Es gibt jedoch Grund zur Besorgnis. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Coronavirusvorfall zum weltweiten Notstand erklärt. Haben wir alle Fakten? Die politische Reaktion auf den Coronavirusausbruch deutet darauf hin, dass es um mehr geht als um das, was wir im Fernsehen mitbekommen.

Ich hoffe natürlich, dass das beängstigendste Szenario einer globalen Pandemie nicht eintritt. Dies ist das am wenigsten erwünschte und das schädlichste Ereignis: dass die jüngsten Entwicklungen nur der Anfang einer globalen Gesundheitskrise sind, die nicht verhindert werden kann, weil unsere Grenzen durchlässig sind (für den Strom von Menschen und Produkten).

Wenn sich dies bewahrheiten sollte, müssen wir jetzt mit den Vorbereitungen beginnen. Unternehmen und Einzelpersonen werden Informationen sammeln, Verhaltensweisen und Prozesse anpassen und Kunden und Mitarbeiter an die erste Stelle setzen müssen. Das Unsicherheitsmanagement wird dann zum Krisenmanagement werden, und bis dahin werden die Aktienmärkte ihre Gewinner und Verlierer haben.