Meinungen

Coronavirus stellt US-Kapitalismus bloss

Die Pandemie entblösst die Schwächen des amerikanischen Wirtschaftssystems. Ein Kommentar von USA-Korrespondent Martin Lüscher.

«Die amerikanische Wirtschaft leidet ausserordentlich unter den Folgen der Coronaviruspandemie.»

Etwas läuft schief. Zwar ziehen die amerikanischen Behörden im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Coronaviruspandemie alle ­Register; so hat die Zentralbank Fed in ­wenigen Wochen nicht nur fast die ge­samten geldpolitischen Massnahmen der ­Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 wiederbelebt, sondern gar noch neue Buchstabenkombinationen aus der Taufe gehoben, und das von der Regierung in Washington verabschiedete Stimuluspaket über 2 Bio. $ ist das grösste in der Geschichte der USA. Gleichwohl sind die Aussichten für die Wirtschaft bedrohlich.

Die Perspektiven sind gar so düster, dass die Finanzkrise für den Vergleich nicht mehr ausreicht. Die Distriktnotenbank von St. Louis sieht im zweiten Quartal einen annualisierten Rückgang der Wirtschaftsleistung von 33% gegenüber dem Vorquartal sowie eine Arbeitslosenquote von 30% oder mehr – schlimmer als während der Grossen Depression. Denn trotz gigantischen Notmassnahmen leidet die US-Wirtschaft ausserordentlich unter den Folgen der Coronaviruspandemie. Der Hauptgrund sind aber nicht die verspäteten, unkoordinierten und unausgegorenen Massnahmen der US-Regierung, sondern das Wirtschaftssystem selbst.

Ein Hoch auf das Kapital

Für Kapitalisten sind die Vereinigten Staaten das gelobte Land. Das gilt selbst in schwierigen Zeiten. Ob Finanzkrise oder Coronaviruspandemie, der Staat springt ein und rettet die Unternehmen. Doch nicht nur das. Das Federal Reserve ist ein Verfechter des Vermögenseffekts: Steigende Aktienkurse bedeuten ein höheres Vermögen, das wiederum kurbelt den Konsum an. Zumindest den der Oberschicht. Denn gemäss der Deutschen Bank besitzen die vermögendsten 10% der amerikanischen Bevölkerung 84% aller Aktien, die vom Volk gehalten werden.

Arbeitnehmer können von einem eng geknüpften Sicherheitsnetz hingegen nur träumen. Aufgrund des flexiblen Arbeitsmarktes sind sie die Schraube, an der in der Not gedreht wird. In einer normalen Krise ist die Schockabfederung durch den Arbeitsmarkt kein Problem. Die Flexibilität, besonders im Vergleich zu den rigiden Systemen in diversen Ländern Europas, ist gar ein Grund des vergleichsweise starken Wirtschaftswachstums in Amerika.

Für das Herunterfahren eines Grossteils der Wirtschaft ist das System von «Hire and Fire» aber nicht geschaffen. Das hat der März gezeigt. Nachdem Bundesstaaten nicht essenzielle Geschäfte geschlossen hatten, stellten in zwei Wochen 10 Mio. Menschen einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe – 6% der arbeitsfähigen Bevölkerung. Die Gesamtsumme ist wohl noch höher, denn viele Behörden wurden von der Anzahl der Anfragen überwältigt. New York beispielsweise registrierte an einem Tag sechsmal mehr Anfragen als zum Höhepunkt der Finanzkrise.

Die hohe Zahl von Erstanträgen ist im Sinn Washingtons, denn so will die Regierung Geld in die Wirtschaft pumpen. Im Stimuluspaket wurde die wöchentliche Arbeitslosenentschädigung deshalb temporär um 600 $ aufgestockt und erstmals auch für Selbständigerwerbende und Arbeiter aus der Gig Economy verfügbar gemacht.

In der derzeitigen Situation ist das aber der falsche Ansatz. Nicht nur führt die Überforderung des Systems zu Verzögerungen in der Arbeitslosenentschädigung. Bei vielen Arbeitnehmern läuft die Krankenversicherung über den Arbeitgeber. Keine Arbeit bedeutet in diesem Fall keine Krankenversicherung. Eine direkte Überbrückung des Lohnausfalls, wie dies in mehreren Ländern Europas gemacht wird, wäre sinnvoller gewesen. Zwar plant auch Washington eine Direktzahlung an die Bürger, doch kann das Versenden der Schecks bis September dauern.

Opfer des eigenen Erfolgs

Klamme Amerikaner sind für die US-Wirtschaft ein Problem, denn Konsum macht zwei Drittel des Bruttoinlandprodukts aus. Doch auf Ersparnisse können nur ­wenige zurückgreifen. Laut der Deutschen Bank haben nur die Amerikaner, deren Einkommen im Segment der obersten 10% liegt, in den vergangenen drei Dekaden etwas auf die Seite legen können. Die einkommensschwächsten 90% lebten hingegen über ihre Verhältnisse und finanzierten den Konsum über Schulden.

Gemäss der Distriktnotenbank New York sind die Schulden der US-Haushalte mit 14 Bio. $ per Ende 2019 so hoch wie noch nie. Den Grossteil davon machen Hypothekarschulden aus. Seit dem Höchst der Finanzkrise mehr als 50% auf 4,2 Bio. $ gestiegen sind aber auch andere Verpflichtungen wie Kreditkarten- und Autoschulden. Dabei dürften sich die Konsumenten übernommen haben, steigt der Zahlungsverzug doch seit Jahren.

Ein Grund dafür, dass sich die Lage der Unter- und der Mittelschicht in den USA kaum verbessert hat, ist die Globalisierung, denn diese Gesellschaftsschichten haben von den günstigen Produktionsstandorten im Ausland nicht profitieren können. Der inflationsbereinigte durchschnittliche Stundenlohn in der Industrie zeigt dies exemplarisch. Zwar steigt er seit dem Tiefst in den Neunzigerjahren stetig, notiert jedoch immer noch unter dem Höchst der Siebzigerjahre.

US-Unternehmen haben sich mit den globalen Lieferketten die wirtschaftlichen Vorteile der Globalisierung hingegen zunutze gemacht. Günstige Produktion im Ausland maximiert den Gewinn und befriedigt die Konsumbedürfnisse zu Hause. Die erfolgreiche Globalisierung wird Amerika nun aber zum Verhängnis. In einer Pandemiephase reissen Lieferketten, und Importe bleiben aus. So darf es niemanden überraschen, dass in den USA keine Atemschutzmasken hergestellt werden. Internationale Spezialisierung und das Ausnutzen der Kostenvorteile sind ein Prinzip der internationalen Ökonomie.

Problematischer ist, dass die Früchte der Globalisierung ungleich verteilt wurden. Während Unternehmen profitierten, ging ein Grossteil der Bevölkerung leer aus. Das ist auch der Grund, weswegen Amerika ausserordentlich unter den Folgen von Corona leiden wird. Während sich Unternehmen rasch an die neuen Gegebenheiten anpassen werden, braucht der Konsum mehr Zeit. Nicht nur wird es eine Weile dauern, bis wieder in Restaurants gegessen und in Bars getrunken wird, auch dürfte die Krise den Konsum verändern, denn das Leben auf Pump ist ohne staatliches Sicherheitsnetz risikoreich.

Dessen werden sich viele Amerikaner nun bewusster werden und ihre Spar­neigung anpassen. Besonders im Fokus sind da die Millennials – die Generation, die aufgrund ihres Alters mit Familiengründung und Immobilienkauf die Konjunktur ankurbeln sollte. Doch nachdem sie nach der Finanzkrise ins Berufsleben starten musste, erlebt sie nun bereits die zweite schwere Wirtschaftskrise.