Märkte / Aktien

«Corporate Governance steht über allem»

René Nicolodi, Leiter Aktien und Themen bei Swisscanto Invest, erachtet Sonova und Geberit als besonders nachhaltig. Das sei auch für herkömmliche Fonds relevant.

Herr Nicolodi, welche Schweizer Unternehmen sind punkto Nachhaltigkeit vorbildlich?
In der Schweiz haben wir bei Nachhaltigkeitsanforderungen einen hohen Standard, den die Unternehmen auch erfüllen. Darunter sind solche, deren Produkte einen wertvollen Beitrag leisten. Sonova (SOON 228 -0.52%) sticht heraus, der Hörgerätehersteller ist auch in Schwellenländern präsent und ermöglicht Leuten dort einen besseren Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt. Die Wirkungskette reicht vom Hörgerät über Bildungszugang zur Armutsbekämpfung.

Wer sonst achtet besonders auf die ESG-Kriterien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung?
Geberit (GEBN 479.5 0.08%) beispielsweise ist im Bereich Wassertechnologie führend. Der sparsame Umgang mit der Ressource Wasser ist in verschiedenen Weltregionen ein wichtiges Thema. Und der Markt wächst. Geberits Produkte sind qualitativ hochstehend und technisch komplex, was die Marge schützt. Das ergibt eine gute Positionierung mit nachhaltiger Wirkung.

Wer ist ein schlechtes Beispiel und wird bei ESG-Investments ausgeschlossen?
Für die sogenannten dunkelgrünen Anlageprodukte, bei denen Nachhaltigkeit ganz oben steht, wenden wir eine umfassende Liste von Ausschlusskriterien an. Sie enthält unter anderem den gesamten fossilen Energiesektor und den Kernenergiesektor, die Herstellung von Waffen und Kriegsmaterial, Automobil- und Flugzeughersteller, die Branchen Pornografie, Tabak, Alkohol, Glücksspiel. Darunter befinden sich heute keine kotierten Schweizer Unternehmen. Den Rüstungskonzern Ruag würden wir ausschliessen, seine Aktien gehören jedoch allesamt dem Bund.

Beim Elektroautobauer Tesla steht zwar die Umwelt im Vordergrund, doch die Führung, die Governance, überzeugt nicht.
Tesla – wie übrigens auch Uber oder früher Microsoft (MSFT 137.41 -1.63%) und Apple (AAPL 236.41 0.48%) – ist so erfolgreich, weil ihr Gründer klare Visionen hat und eine starke Persönlichkeit ist. Spätestens mit dem Börsengang werden solche Gründer gegenüber den Eigentümern rechenschaftspflichtig. Die Aktionäre müssen gleich behandelt, Kommunikations- und Informationsvorschriften eingehalten werden. Das bringt die Gründer mit ihrer Unternehmermentalität gelegentlich in Schwierigkeiten.

Ist Umwelt oder Governance wichtiger?
Letztlich steht eine gute Corporate Governance über allem. Selbst mit einem sehr guten Produkt und guten Mitarbeitern ist ohne gute Unternehmensführung ein langfristiger Erfolg kaum möglich. Das muss auch Tesla hinbekommen, dazu braucht es neben dem Gründer einen starken Verwaltungsrat.

Nicht alle ESG-Trends sind nachhaltig. Nach dem Solarboom in Deutschland vor zehn Jahren sind heute die meisten dieser Unternehmen pleite.
Der Solarboom war kein Nachhaltigkeitsthema, sondern ein Boom-Bust-Zyklus, analog zur Internet-Blase oder ganz früher zur Tulpenblase, heute vielleicht zu Kryptowährungen. Unbestritten ist, dass in den letzten Jahren der Anteil der Solarenergie massiv zugenommen hat. Das Problem lag hier jedoch vorwiegend in den staatlich gesetzten Fehlanreizen.

Wie können sich Anleger davor schützen?
Ein besonderes Augenmerk gilt den Eintrittsbarrieren in einem Markt, den Margen und  der Rendite auf dem investierten Kapital. Gerade wenn Eintrittsbarrieren fehlen, kann es passieren, dass die Margen aufgrund des Markteintritts neuer Konkurrenten einbrechen, wenn diese vielleicht von anderswoher staatlich unterstützt werden.

Bremst Nachhaltigkeit die Rendite?
Eine gute Nachhaltigkeitsanalyse mit einem guten Portfoliomanager bringt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bessere Rendite als bei einer traditionellen Anlage. Mit nachhaltigen Anlagen lässt sich in der Regel das Risiko ohne einen Nachteil bei der Rendite vermindern. Das zeigen zahlreiche Studien. In der Praxis ist entscheidend, auf welcher Grundlage die Investitionsentscheide getroffen werden – Finanzkennzahlen, Marktzyklus, Börsenstimmung, Notenbankpolitik. Solche Faktoren beeinflussen die Performance stark, völlig losgelöst von der Nachhaltigkeit. Bei Performancestudien gehen diese Faktoren leider teilweise vergessen.

Wie sollen Investoren an das Thema ESG herangehen, mit den vielen Anbietern und dem Dschungel der Anlageprodukte?
Früher war der Nachhaltigkeitsmarkt auf wenige mit dem Etikett «Nachhaltigkeit» versehene Produkte beschränkt. Anleger kauften diese Produkte und waren in der Regel nach kurzer Zeit unzufrieden. Ein Klimafonds enthielt womöglich viele Small und Mid Caps, er war deshalb sehr volatil. Darum begruben die Investoren das Thema für eine Weile.

Was ist der bessere Weg?
Investoren sollten sich in erster Linie fragen, was sie erreichen wollen: Verfolge ich nur finanzielle oder auch ESG-Ziele, und welche Ansätze im Markt passen am besten dazu? Will ich die Reputationsrisiken in meinem Portfolio minimieren, kann ich eine einfache Ausschlussliste mit Themen wie Waffen, Kohle (Kohle 67.4 0.3%), Kinderarbeit anwenden. Damit fällt eine kleine Gruppe von Unternehmen weg, was auf der Anlageseite fast keine Einschränkung bedeutet.

Ausschlusskriterien werden etwa vom Pensionskassenverein ASIR-SVVK vorgeschlagen. Sollen sich Anleger danach richten?
Der Verein ASIR-SVVK, bestehend aus den grössten öffentlichen Pensionskassen, hat eine Vorbildfunktion am Schweizer Markt. Seine Ausschlussliste umfasst hauptsächlich kontroverse Waffen. Daran orientieren sich die Anleger. Weitere Leuchttürme sind der norwegische Staatsfonds sowie die grossen amerikanischen Pensionskassen Calpers und Calvert. Investoren können solche Vorbilder dienen, letztlich treffen sie Anlageentscheide aber für sich selbst.

Der Ausschluss von Unternehmen ist für ESG-Anleger das Minimum. Wie lassen sich schärfere Kriterien einbauen?
Wer eine stärkere Wirkung erzielen will, bewegt sich in der Regel weiter weg vom Referenzindex und fährt höhere aktive Risiken. Das müssen Anleger wissen und wollen. Darum ist die anfängliche Frage nach dem Ziel wichtig.

Es gibt viele Möglichkeiten, Investoren können die Besten einer Branche auswählen oder mit Mikrofinanz viel bewirken. Wie findet man sich zurecht?
Man muss von der Idee wegkommen, dass sich eine positive Wirkung nur mit exotischeren Anlageprodukten in Schwellenländern erzielen lässt. Auch die Wahrnehmung des Stimmrechts an der Generalversammlung ist wirkungsvoll, oder das Engagement, also die Einflussnahme im Austausch mit der Geschäftsleitung, sei es direkt oder in einem Investorenpool. Natürlich kann das nicht jede Pensionskasse selbst tun, aber heute gibt es dafür gute professionelle Dienstleistungen. Die Investoren erzielen damit auf einen Schlag über das gesamte Aktienportfolio eine Wirkung. Das ist bereits ein grosser Schritt.

Was ist der nächste Schritt?
Nachhaltigkeitskriterien fliessen vermehrt auch in traditionelle Anlageprodukte ein, also in Aktien- und Obligationenfonds ohne explizites ESG-Etikett.

Wozu dient ESG bei herkömmlichen Fonds?
Wir beziehen solche Kriterien bei allen unseren aktiven Aktien- und Obligationenanlagen ein. Dabei spielt in erster Linie der ökonomische Aspekt des Anlageentscheids eine Rolle. Wir integrieren ESG-Daten, von denen wir glauben, dass sie den Börsenwert des Unternehmens beeinträchtigen könnten, als zusätzliche Informationsquellen.

Was bedeutet das konkret für Ihre traditionellen Aktienfonds?
Wir glauben beispielsweise, dass CO2-Emissionen eine grosse Bedeutung haben werden, in gewissen Branchen sind sie heute schon relevant. Wenn neue Vorschriften erlassen werden, kann sich der materielle Effekt sehr schnell abzeichnen. Unternehmen, die im Vergleich zu ihrer Konkurrenz gut dastehen und operativ effizient sind, haben einen Vorteil. Das Zweite sind Reputationsrisiken, die wir quantitativ messen, ein dritter Faktor ist die Corporate Governance.

Wie messen Sie die Corporate Governance?
Dort sind standardisierte Aussagen besonders wichtig, um eine subjektive Wahrnehmung zu vermeiden. Unsere Anlagespezialisten besuchen das Unternehmen, den CEO, den Finanzchef. Machen diese Leute einen guten Eindruck, wirkt sich das auf die subjektive Beurteilung der Corporate Governance aus.

Ein persönliches Urteil ist doch wichtig.
Für eine objektivere Sicht ist ein Set von Datenpunkten notwendig, etwa zur Einschätzung der Unabhängigkeit des Verwaltungsrats oder der Entschädigungsrichtlinien. Die Corporate Governance der Unternehmen ist für alle Anlagefonds wichtig, da findet seit ein paar Jahren ein grosser Wandel statt.

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