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Covid belastet die Bildung

Die Gesundheitskrise dürfte den Trend zu wachsender Ungleichheit und abnehmender sozialer Mobilität beschleunigen. Ein Kommentar von Fabrizio Zilibotti.

Fabrizio Zilibotti
«Öffentliche Schulen sind ein wichtiges Vehikel der Sozialisierung. Sie ermöglichen es bzw. erzwingen es manchmal sogar, dass Kinder aus sehr unterschiedlicher Erziehung und aus unterschiedlichen sozioökonomischen Milieus sich treffen, zusammensitzen und sich anfreunden.»

Covid-19 fordert zwar den grössten Teil seiner Todesopfer unter den älteren Menschen, doch es betrifft auch künftige Generationen, indem es das Bildungssystem stört. Die Unesco (https://en.unesco.org/covid19/educationresponse) führt eine Karte der Schliessung von Schulen rund um den Globus für den Zeitraum von Covid-19. Im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der ersten Welle, wurden die meisten Schulen weltweit geschlossen, was bis zu 1,5 Mrd. Kinder betraf. Die meisten europäischen Länder haben versucht, die Schliessung von Schulen während der zweiten Covid-Welle zu vermeiden, auch wenn einige dieser Länder heutzutage unter starkem Druck stehen. In Italien zum Beispiel nimmt derzeit etwa die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter an Fernlernprogrammen teil.

In den USA ist die Situation je nach Bundesstaat und Schulbezirk sehr unterschiedlich. Im Oktober war New York die erste Grossstadt des Landes, die ihre öffentlichen Schulen wiedereröffnete. Doch es dauerte nicht lange; am 18. November kündigte Bürgermeister Bill de Blasio an, dass die Schulen nach dem erneuten Anstieg der Zahl positiver Testergebnisse wieder geschlossen würden. In Lateinamerika und in Indien sind Schulen nach wie vor ganz oder teilweise geschlossen. Die Unesco schätzt, dass etwa 950 Mio. Kinder weiterhin von der Schliessung von Schulen betroffen sind.

Bildungsexperten untersuchen die Auswirkungen dieses einzigartigen Ereignisses. Während uns einige Informationen über die unmittelbaren Auswirkungen von Lernverlusten vorliegen, ist es schwieriger, die langfristigen Auswirkungen der Schliessung von Schulen vorherzusehen. Werden die Kinder aufholen, oder werden Lernverluste ihr ganzes Leben prägen? Wird der Effekt in der Bevölkerung homogen sein, oder wird er für die schwächeren Segmente stärker sein und die Einkommensungleichheit verschärfen? Weil es an Daten dazu fehlt, müssen wir auf Modelle zurückgreifen, die auf vergangenem Verhalten und Ereignissen basieren, um die weitere Entwicklung vorherzusagen.

Nicht alle können sich Tutoren leisten

In einem laufenden Gemeinschaftsprojekt, an dem Francesco Agostinelli (University of Pennsylvania), Giuseppe Sorrenti (Amsterdam) und Matthias Doepke (Northwestern) beteiligt sind, untersuchen wir die ungleichen Auswirkungen einer anhaltenden Unterbrechung der Aktivitäten innerhalb von Schulklassen. Wir argumentieren, dass der Unterbruch über den fehlenden Zugang zu professionellen Lehrkräften hinausgeht, denn ein weiterer wichtiger Einflussfaktor sind Gleichaltrige (Peers). Öffentliche Schulen sind ein wichtiges Vehikel der Sozialisierung. Sie ermöglichen es bzw. erzwingen es manchmal sogar, dass Kinder aus sehr unterschiedlicher Erziehung und aus unterschiedlichen sozioökonomischen Milieus sich treffen, zusammensitzen und sich anfreunden.

Die Schliessung von Schulen schränkt die Interaktionen der Kinder innerhalb kleinerer innerer Kreise, wie z.B. ihrer Familien oder des Wohnviertels, in dem sie leben, tendenziell ein. Anhand der Add-Heath-Daten, eines repräsentativen Datensatzes von High-School-Kindern in den USA in den Neunzigerjahren, stellen wir fest, dass selbst in einem Land, in dem die sozioökonomische Segregation zwischen den Schulen notorisch gross ist, öffentliche Schulen die Gleichstellung durch Gleichaltrige fördern. Zum Beispiel würde die Segregation dramatisch zunehmen, wenn Kinder nur mit Gleichaltrigen, die im selben Quartier leben, interagieren würden statt mit allen, die dieselbe Schule besuchen. Viele Studien, darunter auch unsere, finden signifikante Peer-Effekte auf die kognitive und die nichtkognitive Entwicklung von Kindern.

Einschränkungen der Interaktion mit Gleichaltrigen legen bei benachteiligten Familien noch weitere Lücken offen. Erstens können wohlhabendere Eltern Tutoren einstellen. Viele Akademiker erhalten von Eltern unzählige Anfragen für grosszügig honorierten Privatunterricht. Zweitens, und das ist vielleicht noch wichtiger, können gut ausgebildete Eltern Lehrpersonen insofern ersetzen, als sie mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Erhebungen zeigen, dass Eltern die Zeit, die sie für aktive Kinderbetreuung aufwenden, im Vergleich zu normalen Perioden vervierfacht haben.

Eltern bestimmen mit, wen die Kinder treffen

Allerdings unterscheiden sich sowohl die Quantität als auch die Qualität der möglichen Unterstützung von Familie zu Familie stark. Eine Studie von Adams-Prassl, Boneva, Golin und Rauh dokumentiert grosse Unterschiedlichkeit zwischen den Berufen in Bezug auf das Ausmass, in dem Eltern zu Hause arbeiten und für ihre Kinder verfügbar sein können; diese Berufe sind stark mit Einkommen und Bildung verbunden. Unseren Berechnungen zufolge hat sich das Familieneinkommensgefälle (d.h. der Unterschied zwischen ärmeren und reicheren Familien) in Bezug auf die für die aktive Kinderbetreuung aufgewendete Zeit gegenüber der Zeit vor Covid um den Faktor vier erhöht.

Schliesslich zeigt unsere frühere Studie («It Takes a Village: the Economics of Parenting with Neighborhood and Peer Effects», NBER WP27050, April 2020), dass Eltern mehr oder weniger bewusst dazu neigen, ihre Kinder dazu zu drängen, sich mit Kindern zusammenzutun, die in der Schule gut sind, dagegen sollen sie diejenigen meiden, deren Verhalten störend ist. Die elterliche Einmischung in die Art und Weise, wie ihre Kinder Freunde auswählen, ist in ungleichen Gemeinschaften besonders stark.

Dieses Muster – das wir bereits in normalen Zeiten beobachten – wird wahrscheinlich stärker werden, wenn die Kinder in Bezug auf Kognition und Verhalten unterschiedlicher zur Schule zurückkehren. Mit anderen Worten: Wenn die Covid-Trennung die Lernlücken verschärft, werden sich die besser gestellten Eltern stärker bemühen, ihre Kinder von problematischeren Kindern fernzuhalten.

Schock trifft alle, aber ungleich

Unsere Studie berücksichtigt die kombinierte Wirkung dieser Faktoren. Wir modellieren Covid als einen negativen Schock, der die Produktivität der Lerntechnologie verringert. Das Ausmass des Schocks leiten wir aus früheren Ereignissen wie Naturkatastrophen und den Auswirkungen der Schliessung der Sommerschule in regulären Jahren ab.

Dieser Schock trifft zwar alle Kinder, aber drei Kräfte machen seine Wirkung ungleich. Erstens hören die Kinder während der Covid-Zeit auf, sich in den Schulen zu treffen, und können nur noch mit Kindern in der unmittelbaren Nachbarschaft interagieren. Zweitens unterscheiden sich Familien in ihrer Fähigkeit, mit dem Mangel an persönlichem Unterricht zurechtzukommen – wobei die Unterschiede die Möglichkeit der Eltern spiegeln, während der Covid-Zeit von zu Hause aus zu arbeiten. Drittens werden Peer-Effekte sowohl vor als auch nach der Schulschliessung durch die Tendenz der Eltern beeinflusst, ihre Kinder dazu zu drängen, sich von «faulen Äpfeln» fernzuhalten.

Die Ergebnisse sind frappierend. Für Kinder in der zehnten Klasse des US-Schulsystems (d.h. im zweiten Jahr der High School) prognostizieren wir im Vergleich zu einem normalen Jahr Lernverluste, die desto stärker sind, je weiter unten die Familie auf der Einkommensleiter steht. Die Einbussen für Kinder der reichsten 10% der Familien sind unbedeutend, dagegen resultieren Lernverluste von über 70% für die ärmsten 10% der Familien. Wir können auch vorhersagen, in welchem Umfang die Schulen diese Verluste nach der Wiedereröffnung ausgleichen können (vorausgesetzt, sie ergreifen keine besonderen Massnahmen): Wir stellen fest, dass ein grosser Teil der ungleichen Verluste bis zum Ende des High-School-Zyklus bestehen bleibt. Auf der einen Seite schwappen die negativen Auswirkungen auf die Kognition auf die Kinder reicherer Familien über (z.B. durch Verlangsamung des Unterrichts); sie erleiden im Vergleich zu einem ungestörten High-School-Zyklus moderate Lernverluste in der Grössenordnung von 10%. Bei den Kindern aus den ärmsten 10% liegen die Verluste in der Grössenordnung von 35%, d.h., die Schule macht nur die Hälfte der anfänglichen Verluste über drei Jahre nach der Wiedereröffnung wett.

Regierungen müssen das Schulwesen unterstützen

Dazu sind einige Vorbehalte angebracht. Erstens sind die Ergebnisse vorläufig, und wir arbeiten daran, sie mit weiteren Daten zu validieren. Zweitens beziehen sich die erwähnten quantitativen Auswirkungen auf ein Jahr der Unterbrechung des schulischen Lernens. Dies ist in einigen Ländern realistisch, obwohl es für viele europäische Länder eine Übertreibung sein könnte. Schliesslich ignorieren wir den Effekt von Nachhilfeunterricht, der es reicheren Familien ermöglichen könnte, die Auswirkungen des Covid-Schocks weiter abzuschwächen; die Berücksichtigung dieses Faktors würde die Ungleichheit noch weiter verstärken.

Trotz dieser Überlegungen ist klar, dass die Gesundheitskrise bei künftigen Generationen Spuren hinterlassen wird, die den Trend zu wachsender Ungleichheit und abnehmender sozialer Mobilität möglicherweise beschleunigen werden. Daraus ergibt sich die politische Forderung nach einem robusten Eingreifen der Regierungen, um das öffentliche Schulwesen und die Bildung von Humankapital zu unterstützen, dies besonders, um benachteiligten Familien und Gruppen zu helfen.

Leser-Kommentare

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Salim Shashoua 25.11.2020 - 23:12

Where is the original text in English?

Mara Bernath 26.11.2020 - 07:21