Unternehmen / Finanz

Credit Suisse und ihr Kannibale

Bald ist die Bank ein Jahr mit ihrem Neobanken-Konkurrenten CSX am Markt. Da sich die Nutzerzahlen nicht gerade überschlagen haben, zündet sie den Werbeturbo.

Valentin Ade

«Unglaublich, ist ein Fehler behoben, kommt der nächste! So ‘ne Drecks-App!» Einer von fast neuntausend Kommentaren im Android Play Store zur Banking-App CSX, mit der die Grossbank Credit Suisse (CSGN 9.50 -0.04%) nun genau neun Monate am Start ist. Und einer, der täuscht. Denn im Schnitt ist die App, die von CS lanciert wurde, um den Challenger- und Neobanken hierzulande Paroli zu bieten, mit 4,2 von 5 Punkten ganz ordentlich bewertet.

Die wenigen Nutzer, die eine schlechte Bewertung abgeben, kritisieren vor allem Login-Probleme. «CSX war davon nie betroffen», teilt CS auf Anfrage mit. Die Login-Probleme im Play Store würden sich ausschliesslich auf Kunden beziehen, die mehrere Bankbeziehungen mit unterschiedlichen Login-Daten verwenden würden. Jedenfalls reagiert CS stets rasch auf die Kommentare und bietet Hilfe via Telefon an.

Ein breites Angebot

«CSX überzeugt vor allem durch ihre Breite», sagt Andreas Dietrich, Bankenprofessor an der Hochschule Luzern und Kenner der heimischen Finanztechnologie. Während die Newcomer im Geschäft oft erst wenige Leistungen wie ein Gratiskonto anbieten, offeriert CS durch CSX die ganze Palette an Bankdienstleistungen: Zahlungs- und Transaktionsfunktionen, die Refinanzierung einer Hypothek mit kombinierten Versicherungen, eine Vermögensverwaltungs- sowie Säule-3a-Lösung. Neue Funktionen sollen laufend dazukommen.

Mit ihrem Angebot kannibalisiert sich CS bewusst selbst. Zahlt man für ein normales CS-Konto heute 5 Fr. Kontoführungsgebühren im Monat, entfallen diese bei der Gratisvariante von CSX. Damit will die Grossbank vor allem bei einer jüngeren Klientel punkten, bei der sie und Konkurrentin UBS (UBSG 15.31 -0.97%) laut Dietrich unterrepräsentiert sind. Das könnte sich zukünftig rächen, wenn aus den jungen Nutzern später ältere, besserverdienende Kunden werden, dann aber keine Verbindung zur Grossbank haben.

Doch findet CSX nun das gewünschte Zielpublikum? Auf Anfrage hält sich die Bank bei Nutzerzahlen bedeckt. «Wir sind sehr zufrieden, wie sich die Zahl der Neukunden entwickelt», teilt die Bank mit, CSX verfüge über eine «fünfstellige Zahl» an Nutzern, also wohl über mehr als zehntausend. Damit würde CS angesichts der Neobanken-Konkurrenz nicht gerade obenaus schwingen.

Ob hier möglicherweise die jüngsten Skandale um den Hedge Fund Archegos und die Fondsgesellschaft Greensill die Akzeptanz der Marke bremsen, ist schwer zu sagen. Jedenfalls hat die Grossbank für CSX den Werbeturbo gezündet, schaltet eine grosse Kampagne zur Fussballeuropameisterschaft und macht sogar Bestandskunden per Brief auf das neue Angebot direkt aufmerksam.

Ein enges Spielfeld

Auf dem Spielfeld von CSX sind aber eben auch schon längst eine ganze Reihe anderer Anbieter aufgelaufen. Darunter das Schweizer Fintech-Start-up Neon, das deutsche N26 oder das britische Revolut. An der Schweizer Lösung Yapeal ist die Privatbank Vontobel (VONN 85.35 -0.06%) beteiligt. Im Mai hat PostFinance zusammen mit der Online-Handelsbank Swissquote (SQN 175.40 -2.12%) die auf Trading fokussierte App Yuh lanciert. Bereits 2018 ging die Bank Cler mit der Gratisbanking-App Zak an den Start.

Auf Anfrage teilt CS zumindest mit, dass mehr als die Hälfte der Kunden unter fünfunddreissig Jahre alt sind. Damit sei laut Fintech-Kenner Dietrich die Klientel ähnlich jung wie die der digitalen Konkurrenz. Genauer dürfte man es Anfang Oktober wissen. Dann will CS dem Vernehmen nach zum ersten Mal genauere Zahlen zu CSX liefern und zeigen, ob die Kannibalisierung ein Erfolg ist.